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„The Big Short“ : Die Finanzkrise als großes Kino

Finanzterminologie, anschaulich erklärt

Die Figur des Jared Vennett basiert auf Greg Lippmann, der einst mit einer Wette gegen einen Index für verbriefte Subprime-Hypotheken Milliarden von Dollar für die Deutsche Bank verdient hatte. Vennett fungiert auch als Erzähler, als Verbindung zwischen den Hauptfiguren und als Erklärer von Finanzterminologie. Er erläutert dem skeptischen Mark Baum mit Hilfe eines Jenga-Holzspielturms, wie CDO funktionieren. Er zieht die mit schwachen Bonitätsnoten versehenen Holzteile von unten heraus, bis der Turm zusammenkracht, obwohl die oberen Teile Spitzennoten haben.

Baum und sein Team spielen die Rolle investigativer Rechercheure, die sich ein eigenes Bild von der spekulativen Blase machen wollen. In Florida reden sie mit jungen Kredithaien, die Hauskäufern Hypotheken andrehen, die sie nie zurückzahlen können. Als sich einer aus dem Team wundert, warum sie so offen über die fragwürdigen Geschäfte reden, klärt Baum sie auf. „Die geben nichts zu, die geben an.“ Sie treffen einen unbedarften Mann, dessen Vermieter eine Hypothek auf den Namen seines Hundes abgeschlossen hatte. Selbst Stripperinnen in einem Nachtclub besitzen fünf Häuser.

Ratingagenturen, die die Ramschpakete mit Spitzennoten versehen haben, werden kritisch beleuchtet. Baum will von einer Mitarbeiterin von Standard & Poor’s wissen, warum sie die guten Noten vergibt. Sie räumt schließlich ein, dass sie es macht, weil die Banken, die für das Rating zahlen, sonst zur Konkurrenz von Moody’s gehen.

Reich, aber keinen Grund zum Feiern

Der Humor, mit dem McKay die sich abzeichnende Tragödie auflockert, fällt bisweilen etwas grob aus. Bei Standard & Poor’s trägt die Dame symbolträchtig eine dicke Sonnenschutzbrille, weil sie ein Augenleiden hat. Eine Mitarbeiterin der Börsenaufsicht SEC interessiert sich auf einer Konferenz in Las Vegas nicht für betrügerische Methoden der Banken. Sie flirtet am Pool lieber mit einem Mann von Goldman Sachs, weil sie auf einen gutdotierten Job bei der Investmentbank hofft. Auch die Medien werden vorgeführt. Ein Reporter des „Wall Street Journal“ weigert sich, eine Enthüllungsstory zu schreiben, weil er seine Informanten an der Wall Street nicht irritieren und als junger Familienvater seine Karriere nicht aufs Spiel setzen will.

Die Anti-Helden bleiben unbeugsam. Sie wetten gegen den Häusermarkt, als fast die gesamte Finanzwelt, angefangen von ehemaligen Notenbankchef Alan Greenspan, die Augen vor dem nahenden Unheil verschließt. Der Druck ist immens. Als die Ausfallraten der Hypotheken steigen, die obskuren Finanzinstrumente aber nicht sofort darauf reagieren, werden die Investoren der Hedgefondsmanager nervös. Burry reagiert darauf, indem er ihnen den Abzug von Geldern untersagt, was sie nur noch wütender macht. Aber auch Burry gerät ins Schwitzen. Sein Trommeln wird intensiver.

Am Ende sind die Hedgefondsmanager reich, aber Grund zum Feiern haben sie nicht. Die Wette ging schließlich nur auf, weil Millionen Amerikaner ihrer Häuser verloren und arbeitslos wurden, große Investmentbanken zusammenbrachen und die Wirtschaft auf Talfahrt ging.

Kein Dokumentarfilm

„The Big Short“ tut trotz des wahren Kerns an keiner Stelle so, als handele es sich um einen Dokumentarfilm. Erzähler Vennett spricht zwar direkt in die Kamera und betont, dass die Szene, in der Hedgefondsmanager Baum auf einer Konferenz in Las Vegas einen selbstgefälligen Redner unterbricht, tatsächlich so stattgefunden habe. Viele Szenen sind aber auch komplett erfunden.

Das macht den Film nicht weniger überzeugend. Schließlich traf auch der Streifen „Wall Street“ mit der Kunstfigur des Gordon Gekko 1987 den Zeitgeist der Wall Street punktgenau. Obwohl Gekko als Bösewicht angelegt war, wollten danach Scharen von jungen Leuten dort arbeiten, weil sie das Geld lockte. Ob „The Big Short“ die gleiche Reaktion auslösen wird, bleibt abzuwarten. „Ich kann euren Ekel spüren“, sagt Banker Vennett, als er seinen 47-Millionen-Dollar-Bonusscheck in die Kamera hält. In deutschen Kinos ist „The Big Short“ ab dem 7. Januar 2016 zu sehen.

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