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Inflationsmonat April : Teures Öl und Benzin treiben Inflationsrate auf 2 Prozent

Teurer Tanken: Allein die Energieeinfuhrpreise sind auf Jahressicht um 50 Prozent gestiegen. Bild: dpa

Die Inflationsrate in Deutschland steigt auf 2 Prozent. Haupttreiber sind die Preise für Öl und Benzin. Allein die Energiepreise legen um 7,9 Prozent zu.

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          Vor allem die Preise für Heizöl und Benzin haben die Inflationsrate in Deutschland im April deutlich nach oben getrieben. Wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte, stiegen die Verbraucherpreise gemessen an der nationalen Berechnungsweise um 2 Prozent. Nach der europäischen Rechenweise des Harmonisierten Verbraucher-Preis-Index (HVPI) legten sie sogar um 2,1 Prozent zu. Noch in den letzten Monaten des vergangenen Jahres war die Inflationsrate in Deutschland negativ gewesen. Im März hatte sie 1,7 Prozent betragen. 

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wichtigster Treiber waren die Energiepreise. Sie stiegen auf Jahressicht um stolze 7,9 Prozent. Das ist außergewöhnlich viel. Die Statistischen Landesämter berichten zudem auch über deutliche Steigerungen der Preise im April bei Friseuren (plus 6,7 Prozent in Niedersachsen), aber auch Gemüse (plus 4,2 Prozent in Hessen) und Autos (plus 2,2 Prozent in Sachsen). 

          „Basiseffekt“ durch Ölpreis in der Pandemie 

          Eine wichtige Rolle für die höhere Inflationsrate im April spielte ein sogenannter „Basiseffekt“: Im April des Vorjahres war der Ölpreis wegen der Pandemie eingebrochen. Zeitweise notierte amerikanisches Öl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) sogar zu negativen Preisen. Im Vergleich zu diesen Vorjahreswerten ist der Ölpreis nun auf Jahressicht sehr kräftig gestiegen. „Die sehr niedrigen Preise für Rohöl – und in der Folge für Kraftstoffe und Heizöl aus Verbrauchersicht –, die wir vor einem Jahr in Folge der Corona-Pandemie beobachten konnten, wirken sich in den aktuellen Jahresveränderungsraten erhöhend aus“, sagte Susanne Hagenkort-Rieger, Verbraucherpreis-Expertin des Statistischen Bundesamtes, im Gespräch mit der F.A.Z. 

          Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes stiegen die Einfuhrpreise für Energie bereits im März auf Jahressicht um immerhin 56,7 Prozent. „Auch dieser Anstieg hat mit dem außerordentlich niedrigen Preisniveau des Vergleichsmonats zu tun“, sagte Hagenkort-Rieger. Im März 2020 war die Nachfrage aufgrund der Corona-Krise europaweit deutlich zurückgegangen.

          Einen zweiten solchen Basiseffekt für die Inflationsrate erwarten die Statistiker im Juli. Dann werden die aktuellen Preise mit denen aus dem Vorjahr in jener Phase verglichen, in der die Mehrwertsteuer in Deutschland wegen der Krise vorübergehend herabgesetzt war. Das dürfte der Inflationsrate auch nochmal einen Schub geben. Die Bundesbank erwartet, dass die deutsche Inflationsrate, gemessen am Harmonisierten Verbraucherpreis-Index HVPI, in diesem Jahr monatsweise sogar die Marke von 3 Prozent übersteigen dürfte.

          „Auf den Verbraucherpreisindex wird sich der Basiseffekt bei den Mineralölprodukten im Mai 2021 und in den Sommermonaten noch weiter auswirken“, sagte Hagenkort-Rieger: „Der Tiefpunkt der Mineralölpreise war 2020 im Monat Mai erreicht – dies wird also der Monat mit dem deutlichsten Basiseffekt.“

          Gefahr für Geldwertstabilität

          Unterdessen haben sich Ökonomen der DZ-Bank damit beschäftigt, wie es längerfristig mit den Inflationsraten weitergehen dürfte. „Die aktuell in den Vereinigten Staaten und im Euroraum steigenden Inflationstendenzen halten nur in der kurzen Frist, im Jahr 2022 lassen sie wieder nach“, schreiben die Ökonomen. Die lockere Geldpolitik habe bislang nicht zu einem größeren Inflationsschub geführt, weil das zusätzliche Geld zu großen Teilen im Bankensektor stecken bleibe. Längerfristig stelle eine Kombination aus expansiver Geldpolitik und schuldenfinanzierter, expansiver Fiskalpolitik aber durchaus eine Gefahr für die Geldwertstabilität dar.       

          Die Importpreise insgesamt stiegen im März um 6,9 Prozent. Das war auch außergewöhnlich: Eine größere Vorjahresveränderung hatte es zuletzt im April 2011 gegeben. Im Februar hatte diese Rate noch bei plus 1,4 Prozent gelegen, im Januar 2021 sogar bei minus 1,2 Prozent. 

          Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt ein Inflationsziel für den gesamten Euroraum von mittelfristig „unter, aber nahe 2 Prozent“ an. Sie hält den derzeitigen Anstieg der Inflationsrate aber nur für vorübergehend und will durch Entwicklung gleichsam „hindurchschauen“. EZB-Präsidentin Christine Lagarde nannte die Faktoren für diese Entwicklung nach der vorigen Zinssitzung des EZB-Rates „temporär“ und „idiosynkratisch“, es seien also krisenbedingte Sondereffekte. Schon im nächsten Jahr werde die Inflationsrate wieder niedriger ausfallen. Der geringe Lohndruck, die Produktionslücke und der Wechselkurs des Euros dürften die Inflation wieder dämpfen.

          EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel antwortete am Mittwoch in einer Fragestunde auf dem Kurznachrichtendienst Twitter auf die Frage, was denn die Notenbank mache, wenn die Inflation dicht ans das Ziel der Notenbank herankomme, aber das Wachstum der Wirtschaft in der Eurozone immer noch schwach bleibe: „Unser Inflationsziel ist mittelfristig definiert. Das gibt uns Flexibilität, um mit Schocks auf der Angebotsseite wie temporären Engpässen umzugehen. Unsere aktuelle Prognose deutet darauf hin, dass die Inflation über den Projektionshorizont hinweg gedämpft bleibt.“

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