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Teuerste Goldmünze : Goldenes Relikt einer Münzhändler-Dynastie

Die teuerste je in Deutschland versteigerte Goldmünze. Sie heißt „Kampener Rosenoble“. Bild: Auktionshaus Künker

In Osnabrück ist die teuerste je in Deutschland versteigerte Goldmünze unter den Hammer gekommen. Dahinter steht die dramatische Geschichte einer jüdischen Familie – die eng mit den Anfängen des Münzhandels in Deutschland verbunden ist.

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          Geboten sind 600.000 Euro, 650.000 Euro, 700.000 Euro: Es war ein spektakulärer Moment, als vergangene Woche beim Auktionshaus Künker in Osnabrück ein neuer Rekord der deutschen Münzgeschichte erzielt wurde. Die teuerste Goldmünze, die jemals in Deutschland versteigert wurde, wechselte ihren Besitzer. „Kampener Rosenoble“ heißt das wertvolle Stück. Es ist mit einem Durchmesser von 4,4 Zentimetern - das ist ungefähr das Doppelte einer Euromünze - und einem Gewicht von 60,95 Gramm eine der größten Goldmünzen der frühen Neuzeit überhaupt. Die Münze ist ein Zeugnis der goldenen Zeit der niederländischen Hansestadt Kampen und orientiert sich gestalterisch an Sovereigns der englischen Königin Elisabeth I., die um 1600 ein beliebtes Zahlungsmittel waren. Diese Münze ist extrem selten.

          Bezug zu den Anfängen des deutschen Münzhandels

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dramatisch aber ist die Geschichte der jüdischen Familie, der diese Münze zuletzt gehörte: Lottie und Mark Salton. Beide stammten ursprünglich aus Deutschland, mussten aber vor den Nationalsozialisten fliehen, lernten sich in New York kennen und heirateten dort. Große Teile ihrer Familie verloren sie in der Schoah. In ihrem Testament verfügten sie gleichwohl, dass ihre bedeutende Münzsammlung zum Teil in Amerika, zum Teil aber auch in ihrer alten Heimat Deutschland versteigert werden sollte. „Es sollte uns Deutsche mit Demut erfüllen und zeugt von dem Großmut des Paares, dass sie testamentarisch verfügt haben, einen Teil der Sammlung in Deutschland zu versteigern“, schreibt Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus in einem Grußwort zu der Auktion. Der Erlös soll an drei gemeinnützige Organisationen fließen: die American Society for Yad Vashem, von der die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem unterstützt wird, die Anti Defamation League und an das Leo Baeck Institute in New York.

          Insgesamt geht es um etwa 8000 Münzen, die in sechs Auktionen versteigert werden, davon 6500 durch das Auktionshaus Künker in Deutschland. Erwartet wird ein Erlös von 15 bis 20 Millionen Dollar. Der frühere Bundesbankvorstand Carl-Ludwig Thiele spricht davon, hinter diesen Münzen stehe eine "hochinteressante" Familiengeschichte, die eng mit den Ursprüngen des Münzhandels in Deutschland verknüpft ist - zugleich aber auch eine Geschichte voll von Tragik und unendlichem Leid.

          Der frühere Besitzer der Münzen, Mark Salton, hatte diesen Namen erst nach seiner Emigration in die Vereinigten Staaten angenommen. Ursprünglich stammte er aus Frankfurt und hieß Max Schlessinger. Er war Sohn des jüdischen Münzhändlers Felix Schlessinger, der vor dem Ersten Weltkrieg in der damals weltbekannten Frankfurter Münzhandlung Leo Hamburger arbeitete.

          Über diese Zeit, in der Salton oft bei seinem Onkel, dem Münzhändler Leo Hamburger war, hat er viele Begebenheiten aufgeschrieben. So durften sie als Kinder immer mit den besonders schlecht erhaltenen römischen Münzen spielen. Die habe man an niemanden mehr verkaufen können - außer an den „Warden“ der Saalburg, eines wieder aufgebauten Römerkastells im Taunus. Dieser Mann habe sie dann an Touristen verkauft, als „ausgegraben bei den Fundamenten der Burg“.

          Das Unternehmen erlebte in der Inflationszeit der Zwanzigerjahre aber einen Niedergang, Schlessinger wechselte nach Berlin. 1936 musste er vor den Nazis in die Niederlande fliehen, weil eine neue Gesetzgebung praktisch ein Berufsverbot für jüdische Münzhändler bedeutete. Er verlor sein gesamtes Vermögen, rettete aber die Bibliothek und - nach monatelanger Prüfung durch die Reichsbank - seinen Lagerbestand an Münzen. Noch einmal baute sich Felix Schlessinger in Amsterdam eine neue Existenz auf.

          Doch am 10. Mai 1940 überrollte die deutsche Wehrmacht die Niederlande, Belgien und Luxemburg. Eine deutsche Verwaltung wurde installiert, und die Münzhandlung von Felix Schlessinger mitsamt Bibliothek und Lager wurde beschlagnahmt. Hedwig und Felix Schlessinger wurden zuerst ins KZ Westerbork, dann ins KZ Theresienstadt verschleppt. Am 25. Oktober 1944 wurden sie in den Gaskammern von Auschwitz ermordet.

          Sohn Max und seinem Bruder Paul, zu dem Zeitpunkt 26 und 22 Jahre alt, gelang die Flucht. Niederländische Freunde versteckten Max vor den NS-Schergen in Amsterdam, ehe er erst durch das besetzte, dann das freie Frankreich zu den Pyrenäen gelangte. Zu Fuß überquerte er die Bergkette in Gewaltmärschen, um sich in Nordspanien den spanischen Behörden zu stellen. Er wurde im KZ Miranda de Ebro gefangen gesetzt, bis die niederländische Botschaft von Madrid seine Ausreise nach Portugal organisierte. Die niederländische Botschaft in Lissabon offerierte dem vielsprachigen Schlessinger eine Position. Er wäre wohl ein hochrangiger Diplomat der Niederlande geworden, hätte er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht beschlossen, in die Vereinigten Staaten auszuwandern.

          Die Münze hatte seinem Vater gehört, bis die SS sie raubte

          Dort nahm Max Schlessinger den Namen Mark Salton an. Er heiratete nach nur drei Monaten Bekanntschaft die junge Lottie Aronstein, die ein ähnliches Schicksal wie er erlitten hatte. Sie war kurz nach den Novemberpogromen 1938 mit ihrem Vater und ihrem kleinen Bruder geflohen und nach einer Odyssee um die halbe Welt in New York angekommen, wo sie sich ihren Lebensunterhalt als Diamantenschleiferin verdiente. Salton machte in einer der größten Banken New Yorks Karriere und nutzte sein vergleichsweise gutes Einkommen, um wie der Vater wieder eine große Münzsammlung aufzubauen. 2005 verstarb er, im Frühjahr 2020 starb seine Frau.

          Besonders bemerkenswert: Die jetzt versteigerte Goldmünze, der „Kampener Rosenoble“, hatte einst schon Felix Schlessinger gehört, dem Münzhändler und Vater des späteren Besitzers. Die SS hatte die Münze nach der Plünderung der Münzhandlung Schlessinger an einen Juwelier verkauft. Ein niederländischer Numismatiker und Münzhändler, Jacques Schulman, kaufte sie dort und vergrub sie im Garten eines Freundes, um sie vor dem Zugriff der Deutschen zu schützen. Nach dem Krieg informierte Schulman den Sohn des früheren Besitzers - so dass die Goldmünze wieder in den Familienbesitz kam.

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