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Terror und die Folgen : Erste UN-Friedenssoldaten am Samstag in Kabul / Powell: Suche nach Bin Ladin kann Jahre dauern

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In Kabul Bild: AP

Die ersten Soldaten der UN-Friedenstruppe sollen am Samstag in der afghanischen Hauptstadt Kabul eintreffen.

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          Bei der Suche nach 2000 geflohenen Al-Qaida-Terroristen in der afghanischen Bergregion von Tora Bora stoßen amerikanische Truppen und paschtunische Milizen auf viele völlig erschöpfte oder getötete Kämpfer. Die gefangenen Araber und Taliban seien demoralisiert, berichtete ein BBC-Reporter. Sie hätten große Angst, von den paschtunischen Milizen an die amerikanischen Truppen übergeben zu werden. Bislang seien keine führenden Al-Qaida-Leute getötet oder gefangen genommen worden. Die Al-Qaida-Terroristen haben sich in kleine Gruppen aufgespalten. Durch Bombardements und Bodentruppen versuchen die USA und ihre Verbündeten nun, den Fluchtweg nach Pakistan im Süden abzuschneiden. Die BBC berichtete von erbitterten Kämpfen. Außenminister Colin Powell betonte, Al Qaida sei zwar in Afghanistan weitgehend zerstört, weltweit müssten aber noch viele weitere Zentren der Organisation vernichtet werden. Die Suche nach Bin Ladin könne noch Jahre dauern. Unterdessen sollen die ersten Soldaten der UN-Friedenstruppe am Samstag in Kabul eintreffen.

          „Zumindest die Führung wird hier sein“, kündigte der US-Sondergesandte James Dobbins anlässlich der Eröffnung der amerikanischen Botschaft an. Die Zahl der in Kabul stationierten Soldaten werde vermutlich „nicht sehr groß“ sein. „Es ist eine Frage der Symbolik", fügte Dobbins hinzu.

          Kampfflugzeuge setzten in der Nacht zum Montag ihre Angriffe auf die Bergfestung fort. Nach einer fünfstündigen Unterbrechung am Sonntag beschoss die Luftwaffe während der ganzen Nacht wieder Ziele in dem Gebiet. Milizen der Ostallianz berichteten am Montagmorgen von US-Spezialeinheiten, die die Höhlen der Zone durchsuchten. Es sei schwer, die fliehenden Kämpfer bin Ladins zu verfolgen, da das Gelände zum Teil vermint sei, berichtete der britische Sender BBC. Amerikanische Soldaten seien auf Bergspitzen stationiert worden, um die Region zu überwachen. Die Terroristen hatten ihre Höhlen wegen der Luftangriffe wahrscheinlich fluchtartig verlassen, denn sie ließen dort Waffen, Munition und Dokumente zurück.

          Jubelnder Rumsfeld vor US-Soldaten in Bagram
          Jubelnder Rumsfeld vor US-Soldaten in Bagram : Bild: dpa

          200 Al-Qaida-Kämpfer getötet

          25 Al-Qaida-Kämpfer waren am Sonntag festgenommen worden, mehr als 200 weitere getötet. In einer Höhle, in der Bin Ladin vermutet wurde, hätten sich sechs Personen verborgen, sagte Ostallianz-Militärchef Mohammed Saman. Ein Mann sei bei den Kämpfen getötet worden, die anderen fünf seien festgenommen worden. Möglicherweise seien mehrere hundert Al-Qaida-Kämpfer auf der Flucht in Richtung der pakistanischen Grenze, sagte er. Die Truppen der Ostallianz hätten die Verfolgung aufgenommen. An der Grenze zu Pakistan wurden nach Presseberichten in den vergangenen vier Tagen mindestens 40 Al-Qaida-Mitglieder auf der Flucht gefangen genommen.

          Amerikanische Soldaten haben unterdessen bei Kandahar im Süden Afghanistans verdächtige chemische und radioaktive Substanzen entdeckt. Ein Reporter des Fernsehsenders CNN, der den amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld auf seiner Afghanistan-Reise begleitet, berichtete, der Fund sei rund 5,5 Kilometer östlich der früheren Hochburg der radikal-islamischen Taliban gemacht worden. Es sei eine der 20 bis 30 Stellen im Land, an denen nach Einschätzung von US-Geheimdiensten möglicherweise Mitglieder der Terrororganisation Al Qaida an der Entwicklung von Massenvernichtungsmitteln gearbeitet haben.

          USA: Funkspruch Bin Ladins abgefangen

          Die USA gehen davon aus, dass sich Terroristenchef Bin Ladin in der vergangenen Woche in der Bergfestung Tora Bora aufgehalten hat. Allerdings gab Außenminister Powell zu, dass die Geheimdienstinformationen zum Verbleib des Terroristenführers widersprüchlich seien. Wie die amerikanischen Medien übereinstimmend berichteten, hat das amerikanische Militär einen Funkspruch über einen Sender mit kurzer Reichweite abgefangen, in dem Bin Ladin Befehle gegeben habe. Deshalb sei es wahrscheinlich, dass er sich nach wie vor in der umkämpften Region in Ost-Afghanistan aufhalte. Nach einem Stimmenvergleich mit anderen Videoaufnahmen seien sich die USA sicher, dass es sich tatsächlich um Bin Ladin gehandelt habe, sagte ein US-Vertreter, der nicht namentlich genannt werden wollte. In pakistanischen Medien wurde unterdessen berichtet, Bin Ladin sei aus der Gegend um Tora Bora geflüchtet.

          Bericht über geplanten Anschlag in London

          Reporter der britischen Zeitung „The Observer“ entdeckten nach eigenen Angaben in einem Ausbildungslager des Terrornetzwerks Al Qaida in Afghanistan einen Plan für einen Anschlag auf London. In einem 80 Seiten umfassenden Notizbuch seien detaillierte Anweisungen zum Bau einer ferngesteuerten Autobombe enthalten, wie sie auch beim Anschlag auf die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania 1998 verwendet worden sei. Ziel des Anschlags mit potenziell verheerenden Folgen sei den Unterlagen zufolge Moorgate im Herzen des Londoner Finanzdistrikts gewesen, schreibt die Zeitung.

          Interimsregierung stimmt Schutztruppe zu

          Der designierte afghanische Regierungschef Hamid Karsai flog derweil zu Gesprächen mit Ex-König Mohammed Sahir Schah nach Rom. Karsai werde dort am Montagvormittag zu Beratungen über die politische Zukunft Afghanistans erwartet, sagte sein Sprecher Schaida Mohammed in Kabul. Der paschtunische Monarchist Karsai soll am Samstag als Chef der Interimsregierung sein Amt antreten.

          Die afghanische Interimsregierung hatte in einem Brief an den Weltsicherheitsrat der Stationierung einer multinationalen Friedenstruppe zugestimmt. Der designierte Außenminister Abdullah Abdullah erklärte, Kabul müsse aber Zusammensetzung, Umfang der Truppe und die Aufenthaltsdauer billigen. Eine Resolution des Sicherheitsrates zu der Schutztruppe wird erst kommende Woche erwartet.

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