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Technische Kommentare : An Wall Street ziehen düstere Wolken auf

  • -Aktualisiert am

Bild: dapd

Nach den Feiertagen führt der amerikanische Aktienmarkt traditionell ein Eigenleben, das nichts darüber aussagt, wie es weitergeht. Das neue Jahr könnte aber weitgehend im Zeichen der Baisse stehen.

          3 Min.

          Was sich in diesen Tagen an der Wall Street ereignet, ist weitgehend bedeutungslos und kaum diskussionswürdig. Während und kurz nach den Feiertagen führt der amerikanische Aktienmarkt traditionell ein Eigenleben, das nichts darüber aussagt, wie es weitergeht, wenn sich der Handel in der ersten Januarhälfte wieder normalisiert. So freundlich die Stimmung in diesen Tagen auch erscheinen mag, sie ist das Produkt von Zufällen und Operationen interessierter Kräfte in einem stark ausgedünnten und damit leicht manipulierbaren Markt.

          Bei einer Betrachtung des amerikanischen Aktienleitindex Standard & Poor's 500 (S&P 500) ist festzuhalten, dass er sich in eine bedeutende Widerstandszone hineingeschoben hat, die auf einem Niveau von 1260 Punkten beginnt und knapp an die Marke von 1300 Zählern heranreicht. Viele technisch orientierte Analysten halten es für höchst unwahrscheinlich, dass der Markt unter den gegebenen jahreszeitlichen Umständen genügend Dynamik entfalten kann, um noch viel tiefer in diesen Bereich vorzustoßen, geschweige denn, ihn zu überwinden.

          Ein Blick über den Tellerrand auf das große Bild lässt vermuten, dass die Auftriebskräfte bis etwa Mitte Januar schwinden werden und dass der Verkaufsdruck zunimmt. Dann könnte nach Ansicht wohl der meisten Techniker offenkundig werden, dass die Ende April dieses Jahres entstandene zyklische Baisse wieder auflebt. Viele von ihnen argwöhnen, dass das neue Jahr über weite Strecken hinweg im Zeichen sinkender Kurse stehen wird. Um diesen Prozess richtig einordnen zu können, erinnern sie immer wieder daran, dass sich der Markt in einer langjährigen oder säkularen Baisse befindet, deren Ursprung bis ins Jahr 2000 zurückreicht. Robin Griffiths, Cheftechniker bei Cazenove Capital, vermutet, dass der Weg durch diese säkulare Baisse gerade erst gut zur Hälfte durchschritten sein dürfte. Sie könne etwa bis ins Jahr 2020 dauern - freilich immer wieder unterbrochen von zyklischen Aufwärtsbewegungen. Louise Yamada, eine beachtete unabhängige Technikerin, vermutet hingegen, dass die langjährige Baisse bis etwa ins Jahr 2016 andauern könnte. Alles, was in der Zwischenzeit an Auf- und Abwärtsbewegungen eintritt, sind ihrer Einschätzung nach "Reparaturarbeiten" an den seit dem Jahr 2000 entstandenen Schäden.

          Walter Murphy, ein ebenfalls unabhängiger Techniker, wirft einen Blick auf die überschaubare Zukunft. Er erwartet, dass der Markt möglicherweise noch vor der Jahreswende oder aber in den ersten Tagen des neuen Jahres kippt. Er begründet dies mit dem Stand einiger technischer Indikatoren und mancher zyklischer Abläufe, mit rein saisonalen Einflüssen, nicht zu vergessen aber auch mit negativen Divergenzen zwischen technischen Indikatoren und den Indizes. Diese Divergenzen dürften zunehmen sobald der Markt einen Gipfel bilde, erklärt Murphy. Von Bedeutung ist für ihn ferner, dass der die Kursschwankungen (Volatilität) wiedergebende amerikanische VIX-Index zuletzt zurückgegangen ist. Er interpretiert dies als "Ruhe vor dem Sturm". Die Volatilität werde wohl rasch wieder zunehmen, sobald die Indizes in die erwartete mittelfristige Abwärtsbewegung einträten. Der Techniker sieht für den S&P 500 bedeutenden Widerstand zwischen 1263 und 1293 Punkten. Stützung vermutet er zunächst bei 1202, dann bei 1158 Zählern. Das entscheidende Auffangnetz liegt für ihn zwischen 1075 und 1102 Punkten.

          Mary Ann Bartels, die Cheftechnikerin der Bank of America Merrill Lynch, sieht 2012 als ein Jahr des Übergangs. Das erste Quartal könne schwierig werden. Die Indizes dürften ihre Tiefs vom Oktober testen und womöglich unterschreiten. Das größere Bild deutet nach ihren Erkenntnissen aber auf einen ausgedehnten Prozess der Bodenbildung hin, der bereits im August begonnen habe. Er könne die Basis für die nächste zyklische Hausse bereiten. In diesem Fall würde sich bestätigen, dass das Tief des Jahres 2009 ein Punkt gewesen sei, der nur einmal in einer Generation erreicht würde. Damals fiel der S&P 500 bis auf 666 Zähler. Die Technikerin sieht bedeutende Stützung zwischen 1074 und 1100 Punkten, aber auch das Risiko eines Falls bis in die Zone zwischen 935 und 985 Zähler hinein. Einem solch starken Rückgang gibt sie eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent. Am Ende des neuen Jahres vermutet sie den Index zwischen 1300 und 1350 Punkten selbst dann, wenn das Tief vom Oktober stark unterschritten werden sollte. Aus technischer Sicht zählt Bartels die Aktien von Crown Holdings, Eli Lilly, Intel, Kimberly-Clark, Plains All American Pipeline und Sourcefire zu ihren Favoriten.

          Robin Griffiths argwöhnt, dass sich die zu erwartende Baisse bis in den Herbst des neuen Jahres erstrecken könnte, um dann dem nächsten zyklischen Aufschwung zu weichen. Der Techniker will nicht ausschließen, dass der S&P 500 im Zuge des Abschwungs wieder auf das Tief von 2009 zurückfällt. Ähnlich pessimistisch zeigt sich David Rosenberg, ein stets auch technisch argumentierender Stratege des kanadischen Kapitalverwalters Gluskin Sheff. Für Albert Edwards, Stratege der Société Générale, könnte das neue Jahr das Ende aller Schrecken markieren. Doch bevor es so weit sei, werde der Index möglicherweise bis auf weniger als 500 Punkte sinken, meint Edwards, der seit Jahren zu den kompromisslosesten Baissiers überhaupt zählt.

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