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Wirtschaft ankurbeln : Südkorea erhöht den Mindestlohn um 11 Prozent

In Seoul demonstrieren vergangenen Woche Bauarbeiter für mehr Jobsicherheit. Präsident Moon lässt den Mindestlohn erhöhen. Bild: AP

Südkoreas Präsident will mit Lohnzuwächsen die Wirtschaft ankurbeln und erhöht abermals drastisch den Mindestlohn. Doch die Strategie von Moon Jae-in geht nicht auf.

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          Der Aufschrei kam von beiden Seiten: Die Arbeitgeberverbände rufen Foul, weil sie um Arbeitsplätze in den kleinen Betrieben etwa des Einzelhandels fürchten. Gewerkschaften dagegen klagen, dass die Erhöhung des Mindestlohns nicht weit genug gehe. Ist der Widerspruch von allen Seiten ein Beleg, dass die südkoreanische Mindestlohnkommission eine salomonische Entscheidung getroffen hat?

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Am Wochenende hatte die Kommission beschlossen, den Mindestlohn in Südkorea für das kommende Jahr um 10,9 Prozent auf 8350 Won (6,30 Euro) anzuheben. Der Mindestlohn steigt damit das zweite Jahr nacheinander mit zweistelliger Zuwachsrate. Schon am 1. Januar war er um 16,4 Prozent angehoben worden.

          Die Kommission folgt mit ihrem Beschluss in der Tendenz dem Wahlversprechen des linksliberalen Präsidenten Moon Jae-in, den Mindestlohn in den fünf Jahren seiner Amtszeit auf 10.000 Won zu steigern. In den ersten beiden Jahren hat er nun ein Plus von 29 Prozent erreicht.

          Moon versucht mit der Theorie des „einkommensgeführten“ Wachstums, der südkoreanischen Wirtschaft mehr Schwung zu geben. Er schraubte die Staatsausgaben und die staatliche Beschäftigung in die Höhe und will mit den Lohnerhöhungen den Konsum stärken. Die Erfahrungen der Anhebung des Mindestlohns in diesem Jahr deuten aber darauf hin, dass diese Strategie scheitern wird.

          Zahlen widerlegen die Regierungspolitik

          Das Beschäftigungswachstum in Südkorea hat sich in den vergangenen fünf Monaten deutlich verlangsamt und erreichte zuletzt nur noch ein Plus von durchschnittlich rund 100.000 Mehrbeschäftigten gegenüber dem Vorjahresmonat. Üblich in Südkorea ist ein Plus von mehr als 200.000. Die Arbeitsmarktschwäche zeigt sich vor allem in Bereichen wie dem Restaurant- und Hotelgewerbe, in denen viele Menschen zu niedrigen Löhnen arbeiten. Die drastische Verlangsamung am Arbeitsmarkt ist einer der Gründe, die den vergleichsweise schwachen Konsumzuwachs in Südkorea in den vergangenen Monaten erklären.

          Belastet wird die stark exportabhängige Wirtschaft zugleich durch die Unsicherheiten um den Handelskrieg zwischen den Vereinigten Staaten und China, die beide für Südkorea wichtige Absatzmärkte darstellen. Die Bank von Korea hatte ihre Wachstumsprognose deshalb für dieses Jahr gerade von drei auf 2,9 Prozent herabgesetzt.

          Selbst die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die Moons expansive Fiskal- und Lohnpolitik im Grundsatz für richtig hält, warnte zuletzt vor den Risiken der drastischen Anhebung des Mindestlohns für das Beschäftigungswachstum und die Wettbewerbsfähigkeit der koreanischen Wirtschaft, falls die höheren Löhne nicht mit Produktivitätszuwächsen ausgeglichen würden.

          Unterdessen steigt der Ärger bei den südkoreanischen Sozialpartnern. Die Vertreter von Arbeitgebern und von manchen Gewerkschaften hatten die Entscheidung der Mindestlohnkommission boykottiert, weil ihnen die Richtung nicht passt. Die Arbeitgeber hatten ein Einfrieren des Mindestlohns gefordert, mit Blick vor allem auf die Beschäftigungslage von mehr als 6 Millionen Kleinunternehmen und Selbständigen, die mit kleinen Dienstleistungsgewerben oft weniger als durchschnittliche Arbeiter verdienen. Die Gewerkschaften verlangten dagegen ein Plus um 43 Prozent. Mit dem Übergewicht der von der Regierung berufenen Mitglieder liegt der nun beschlossene Anstieg um 10,9 Prozent voll auf der Regierungslinie.

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