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Lansburgh und Hahn : Streiter gegen die Inflation

Kiloweise Reichsmark Bild: picture-alliance / dpa

Vor 100 Jahren versagten die deutschen Ökonomen in der Erklärung der Inflation. Doch die beiden Außenseiter Alfred Lansburgh und Albert Hahn sorgten für Klarheit.

          9 Min.

          Heute mag man sich das kaum vorstellen: Als nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland die Große Inflation ihren Anfang nahm, reagierten viele Ökonomen völlig verständnislos. Mehrheitlich in historischen Untersuchungen geschult und mit zeitgenössischer Wirtschaftstheorie kaum vertraut, irrten sie orientierungslos durch die frühen Zwanzigerjahre. Eberhard Gothein, der angesehene Verfasser einer Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwalds, verstand überhaupt nicht, dass die Geldentwertung die Kaufkraft seiner Pensionsansprüche aufzehren würde. Mit einer umfassenden Erklärung des Kapitalismus befasst, lehnte Werner Sombart empört eine Anfrage ab, einen Vortrag über Inflation zu halten. Dies sei ein Thema für einen Bankpraktiker, befand der Gewaltige. Als Ökonom befasse er sich lieber mit wichtigen Themen. An die Stelle arrivierter Professoren traten in der Weimarer Republik mit Alfred Lansburgh (1872 bis 1937) und L. Albert Hahn (1889 bis 1968) zwei Außenseiter, die ihren Ruf dem klaren Blick für die Verheerungen einer schlimmen Inflation verdankten.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          In einem Rückblick nannte die Frankfurter Allgemeine Zeitung Lansburgh „in Sachen des Geldes vielleicht einen der klügsten Menschen, die in Deutschland je gelebt und gearbeitet haben“. Einer jüdischen Familie entstammend, war Lansburgh nach seiner Geburt in London bald nach Berlin gekommen, wo seine Eltern früh verstarben. Der junge Alfred besuchte zwar das renommierte Französische Gymnasium, verließ es allerdings ohne Abitur vorzeitig. Seine ökonomischen Kenntnisse erwarb er daher nicht auf einer Universität.

          Geprägt von liberalen Ökonomen der britischen und französischen Klassik

          „Es ist zu vermuten, dass er dies im Zusammenhang mit dem 1890 gegründeten Verein der Bankbeamten in Berlin getan hat, der eine gut ausgestattete Bibliothek aufgebaut und viele, insbesondere wirtschaftspolitische Vortragsveranstaltungen durchgeführt hat“, schreibt Jan Greitens in einem aktuellen Buch. Nach einigen Jahren Berufspraxis im Bankgewerbe, einer gewerkschaftlichen Tätigkeit im „Verein der Bankbeamten“ und einer Dozentur an einer Fachschule verließ Lansburgh im Jahre 1903 das Geldgewerbe, um sich journalistisch zu betätigen.

          Lansburghs Denken wurde von liberalen Ökonomen der britischen und französischen Klassik wie Adam Smith oder Jean-Baptiste Say geprägt. Für ihn entstand durch das „Mit- und Gegeneinanderwirken von Millionen wirtschaftlich verbundener Menschen eine großartige Harmonie“. Wird diese Harmonie gestört, stehen mit Zins, Preis, Lohn und internationalen Bewegungen des Goldes (das damals Währungsmetall war) „vier Korrektive“ zur Verfügung, die sich elastisch so anpassen, dass die Wirtschaft ein neues Gleichgewicht findet. Aktive Geld- oder Finanzpolitik ist in einer marktwirtschaftlich geprägten Welt nicht nützlich, sondern geradezu schädlich. Auf diese damals in Deutschland unpopuläre Sicht setzte Lansburgh eine eigene Geldtheorie, in der er Elemente zweier konkurrierender Lehren verband.

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