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Lansburgh und Hahn : Streiter gegen die Inflation

Der Frankfurter war Verfasser der im Jahre 1920 erschienenen „Volkswirtschaftlichen Theorie des Bankkredits“, die noch heute von Theoriehistorikern als bahnbrechend eingeschätzt wird. Darin hatte der Autor die Fähigkeit der Geschäftsbanken thematisiert, durch Kreditvergabe Buchgeld zu schaffen, und die volkswirtschaftlichen Konsequenzen dieser Fähigkeit untersucht. Einhundert Jahre nach Hahn wird dieser Komplex immer noch diskutiert, aber erstaunlich häufig immer noch nicht verstanden. Auch Lansburgh hatte die Fähigkeit von Geschäftsbanken, Geld zu schöpfen, bis kurz vor seinem Tode abgestritten.

„Nur mit seinem Erstlingswerk konnte Hahn die Wirtschaftswissenschaft tatsächlich nachdrücklich beeinflussen“, betont der Wirtschaftshistoriker Jan-Otmar Hesse. Spätere Veröffentlichungen wie „Wirtschaftswissenschaft des gesunden Menschenverstands“ und „Fünfzig Jahre zwischen Inflation und Deflation“ erreichten eine an Wirtschafts- und Währungsthemen interessierte Öffentlichkeit, aber kaum mehr die akademische Welt.

„Er war ein Mensch mit seinem Widerspruch“

Hahns Erstlingswerk von 1920 hatte nicht nur die wichtige Analyse der Geldschöpfung durch Bankkredit enthalten, sondern auch „gewisse wirtschaftspolitische Folgerungen und Forderungen“, die Hahn als „Jugendsünde“ bezeichnete und von denen er sich später klar distanzierte. Der junge Hahn hatte gemeint, eine dauerhaft expansive Konjunkturpolitik könnte mit niedrigen Zinsen das Wirtschaftswachstum perpetuieren.

Diese Schlüsse passten allerdings gar nicht zu der sich kurz nach der Veröffentlichung des Buches entfaltenden Inflation. „Den zu zahlenden Preis – Zerrüttung der Währung und gegebenenfalls der Staatsfinanzen – bagatellisierte ich in der gleichen Weise wie später Keynes“, konzedierte Hahn im Rückblick. Wie um sich von seiner Jugendsünde zu reinigen, wurde er anschließend ein besonders entschiedener Streiter gegen Inflation.

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So entstand Hahns Trauma: Mit seinen später widerrufenen politischen Empfehlungen aus seinem Erstlingswerk betrachtete er sich als einen Vorläufer von John Maynard Keynes, nachdem dessen „Allgemeine Theorie“ 1936 erschienen war. „Alles, was bei Keynes falsch und übertrieben ist, habe ich selbst viel früher und viel klarer gesagt“, betonte Hahn. Die Übereinstimmungen zwischen den beiden Werken seien verblüffend und zum Teil fast wörtlich, schrieb Hahn, damit sich dem Verdacht nähernd, Keynes könnte von ihm abgeschrieben haben. Die Forschung hat hierfür jedoch keinen Hinweis gefunden und Keynes’ Theorie geht auch weit über das hinaus, was der Frankfurter zuvor geschrieben hatte.

„Bleibt natürlich die Frage, warum meine Auffassungen zwar vielleicht revolutionär, aber nie, wie die Keynesschen, revolutionierend waren“, überlegte Hahn. Eine Rolle gespielt habe das Timing: Sein Buch sei kurz vor einer verheerenden Inflation und damit zu einem falschen Zeitpunkt erschienen, während Keynes’ „Allgemeine Theorie“ in einer von einer Deflation gekennzeichneten Krise und damit zum richtigen Zeitpunkt erschienen sei. „Und was meine Priorität anlangt, so war ich im Jahre 1936 gewissermaßen ohne eine wissenschaftliche Heimat, die es für angezeigt gehalten hätte, meiner Arbeiten zu gedenken“, klagte Hahn. Über die Besessenheit, mit der Hahn einerseits eine Priorität gegenüber Keynes beanspruchte, Keynes andererseits aber wegen falscher Lehren vehement angriff, haben sich viele Zeitgenossen irritiert gezeigt.

Der Frankfurter Wirtschaftspublizist Volkmar Muthesius (1900 bis 1979), übrigens auch ein Bewunderer Lansburghs, schrieb über seinen Freund Hahn: „Er war ein Mensch mit seinem Widerspruch.“ Aber er sei eben auch stets interessant und witzig gewesen, freilich mit einem Schuss heimlicher Verachtung für seine Wissenschaft. „Ich habe mich selbst in meiner Haut immer recht wohlgefühlt“, lautete Hahns Fazit wenige Jahre vor seinem Tod. Das hätte Lansburgh von sich nicht behauptet.

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