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Lansburgh und Hahn : Streiter gegen die Inflation

Emigration in die Vereinigten Staaten

Auf beiden Seiten des Atlantiks war Hahn als unermüdlicher Streiter für eine stabile Währung bekannt. Die Inflation von 1923 hatte tiefe Spuren in ihm hinterlassen. „Inflationen und Manipulierungen des Geldwerts wirken durch Schwindel, und mit Schwindel kommt man nur weiter, insoweit er nicht als solcher erkannt und nicht offiziell prophezeit wird“, schrieb er. Versuche, durch Inkaufnahme von Inflation Wirtschaftswachstum zu erzeugen, bezeichnete er als „Geldzynismus“.

Bekannt wurde er auch für seine Warnungen vor einer stark lenkenden Wirtschaftspolitik: „Wenn die Bereitschaft zur Arbeit für das Wachstum einer Volkswirtschaft entscheidend ist, sind natürlich alle Versuche, das Wachstum zu prognostizieren, zu programmieren, zu kommandieren, irrealistische Gedankenspielereien und Wunschträume. Regierungen und Sachverständige denken, aber die einzelnen Wirtschaftssubjekte lenken – jedenfalls in einer noch immer im Wesentlichen freien Marktwirtschaft.“

Hahn war Mitglied der liberalen Mont-Pèlerin-Gesellschaft und mit führenden Ökonomen der österreichischen Schule wie Ludwig von Mises gut bekannt, aber in wenigstens einer Hinsicht widersprach er ihnen: So wie Hahn Inflation ablehnte, so geißelte er eine viel zu restriktive Politik, die in der Weltwirtschaftskrise eine tiefe Deflation und wirtschaftliche wie politische Zerrüttung erzeugt hatte.

Die Katastrophe der Zwischenkriegszeit warf auch Hahns Leben durcheinander. Im Jahre 1933 wurde die Familie gezwungen, ihre in Deutschland befindlichen Vermögenswerte zu einem sehr niedrigen Preis zu verkaufen. Hahn emigrierte mit seiner Familie über die Schweiz und Kuba in die Vereinigten Staaten, wo er fleißig über Wirtschafts- und Währungsfragen publizierte.

Von Theoriehistorikern als bahnbrechend eingeschätzt

Doch das Leben in Amerika gefiel ihm nicht, und so kehrte er im Jahre 1950 nach Europa zurück. Allerdings ließ Hahn sich nicht mehr in Frankfurt nieder; er lebte überwiegend in Frankreich und in der Schweiz. Gelegentlich besuchte er Deutschland; zudem beteiligte er sich mit Beiträgen unter anderem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an den deutschen Debatten über Wirtschaftspolitik. Zur Zielscheibe seiner Kritik wurde häufig die Bundesbank, obgleich sich die Frankfurter Währungshüter recht erfolgreich um den Wert der D-Mark bemühten. Hahn war jedoch ein Gegner des nach dem Zweiten Weltkriegs geschaffenen, auf festen Wechselkursen beruhenden Weltwährungssystems. Nach seiner Überzeugung schufen nur freie, nicht vom Staat fixierte Wechselkurse die Grundlage für eine Politik stabilen Geldes. Diese Auffassung teilten später zahlreiche weitere Ökonomen.

Am 4. Oktober 1968 starb L. Albert Hahn in Zürich. In Nachrufen wurde sein Eintreten für Marktwirtschaft und stabiles Geld gerühmt. Heute gründet Hahns Ansehen in der Fachwelt allerdings auf der nahezu entgegengesetzten Position. Darin liegt eine nicht geringe Ironie und, aus Hahns Sicht, eine nicht geringe Tragik. Denn sein Lebenslauf als ökonomischer Denker war alles andere als stromlinienförmig verlaufen.

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