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Wertpapierhandel : Märkte fern der Normalität

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Bild: Birinyi Associates

Es ist zwar von einer Normalisierung der Lage an den Finanzmärkten die Rede. Die Kursbewegungen verschiedener Wertpapierklassen sind jedoch sehr stark korreliert. Systematische Handelsprogramme werden dafür verantwortlich gemacht.

          2 Min.

          Sorgte die Wirtschafts- und Finanzkrise in den vergangenen Monaten für gewaltige Kursturbulenzen an den Märkten, so ist inzwischen immer mehr von einer Normalisierung die Rede.

          Massivste fiskal- und monetäre Eingriffe führten zu einer Stabilisierung der wirtschaftlichen Entwicklung, steigenden Unternehmensgewinnen und nicht zuletzt auch zu einer Entspannung bei den Staatsfinanzen und vielen der stark subventionierten, wenn auch an sich maroden Banken.

          Die Kursbewegungen verschiedener Wertpapierklassen sind stark korreliert

          Tatsächlich haben sich in den vergangenen Wochen die Renditeaufschläge bei Staats- und Unternehmensanleihen zurückgebildet und die impliziten Volatilitäten an den Aktienmärkten sind wieder gefallen. Der VDax New liegt am Mittwoch knapp über 20 Prozent, nachdem er noch Mitte Mai Spitzenwerte von bis zu 40 erreicht hatte, als die Wogen über die europäische Schuldenkrise hoch schlugen.

          Dieser scheinbare Normalisierungsprozess wird jedoch widerlegt durch extrem wetterwendisches Verhalten der Anleger, das sich vor allem auch durch extremste Korrelation der Kursbewegungen von Aktien und der Preisentwicklung an den anderen Vermögensmärkten zeigt. Der undifferenzierte simultane Gleich- beziehungsweise Gegenlauf von Börsen, Gold-, Öl-, Devisen- und Rentenmärkten ist so ausgeprägt wie noch nie in den vergangenen drei Jahren, zeigt eine Analyse von Bianco Research.

          Die Kurskorrelation der im S&P-500-Index enthaltenen Aktien ist extrem. Zuletzt bewegten sich etwas mehr als 80 Prozent der Werte in die gleiche Richtung, so eine Analyse von Mirinyi Associates. Dieser Zustand zeigte sich zuletzt in den 80er-Jahren, nämlich kurz vom dem schwarzen Montag am 19. Oktober des Jahres 1987. Ein normales „Korrelationsniveau“ liegt bei etwa 44 Prozent. Marktteilnehmer scheinen sich nicht von fundamentalen Überlegungen sondern primär von technischen Faktoren zu Wertpiertransaktionen bewegen zu lassen.

          Gleichzeitig zeigen verschiedene Analysen, dass Kurse kurzfristig stark von so genannten Makro-Strategien bewegt werden. Dabei handelt es sich um Rechner gestützte Käufe und Verkäufe von Wertpapieren in großem Stile, wie sie von Anbietern börsengehandelter Indexfonds, Programmhändlern von Eigenhandelsabteilungen der Banken, Hedge-Fonds - Trendfolgesysteme sind in den vergangenen Jahren der Greenspanschen Geldschwemme immer mehr in Mode gekommen - und anderen ausgelöst werden.

          Systematische Handelsprogramme haben jüngst ihre Problematik gezeigt

          Solche Programme hatten im Mai dazu geführt, dass der Dow Jones innerhalb von Minuten um fast 1000 Punkte abgestützt war und mehr als 9 Prozent seines Wertes verloren hatte, bevor der Markt sich beinahe ebenso rasch wieder erholen konnte. Nicht nur die anderen amerikanischen Aktienindizes machten diese Kursbewegungen mit, sondern die Verbindung der Märkte über automatische Handelsprogramme, die sich teilweise an primitiven makroökonomischen Wirtschafts- und Risikomodellen orientieren, führte auch an den Devisen- und Rentenmärkten zu starken Turbulenzen.

          Untersuchungen zeigen, dass zu diesem Zeitpunkt die Latenz der New Yorker Börse zu einer Flut von Verkaufsauträgen führte, die nicht bewältigt werden konnte. So genannte Hoch-Frequenz-Händler sandten zu diesem Zeitpunkt bis zu 5.000 Wertpapieraufträge pro Sekunde für einzelne Aktien an die Börse, erklären Experten des Datendienstunternehmens Nanex.

          Solche Fakten zeigen, dass die Märkte noch weit entfernt sind von der Normalität, die man früher einmal kannte. Denn erstens ist noch lange nicht klar, wie sich die fundamentale Lage weiter entwickeln wird. Zweitens werden die Märkte zu stark von intransparenten Handelssystemen verzerrt. Es gibt zwar Bestrebungen, sie zu mehr Transparenz zu zwingen. Allerdings ist die Lobby ihrer Betreiber stark verflochten mit der der Banken. Die ist so stark, dass an sich notwendige Regulierungsmaßnahmen so enorm verwässert werden, dass ihre Handlungsrahmen kaum eingeschränkt werden. Weitere Krisen, die sich unter anderem aus der systematischen Falschbewertung von Risiken durch die Banken ableiten, scheinen nur eine Frage der Zeit zu sein.

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