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Wall Street : Ein Blick in die Trickkiste der Hochfrequenzhändler

  • -Aktualisiert am

Hochfrequenzhändler dominieren den Börsenhandel an der Wall Street, Privatanleger ziehen sich vom Aktienmarkt zurück Bild: dpa

Mit geheimnisvollen Orderzusätzen verschaffen sich Hochfrequenzhändler Vorteile. Da wird versteckt, gedrängelt und blockiert. Ein kleiner Blick in die Trickkiste.

          In der Debatte um den Einfluss und eine mögliche Reform des Hochfrequenzhandels an der Wall Street rücken obskure Zusätze für Aktienaufträge in den Blickpunkt von Aufsichtsbehörden und Politik. Kritiker werfen den Hochfrequenzhändlern, die Aktien mit leistungsstarken Computern innerhalb von Millisekunden in hohem Volumen handeln, vor, mittels dieser Orderzusätze den Rest der Anleger auszutricksen. „Viele der neuesten Ordertypen scheinen von den Hochfrequenzhändlern selbst entwickelt worden zu sein, ohne dass sie außerhalb ihrer automatisierten Strategien einen breiten Nutzen hätten“, sagte der ehemalige Hochfrequenzhändler David Lauer am Donnerstag bei einer Anhörung des Bankenausschusses im Senat.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Andrew Brooks, der bei der Fondsgesellschaft T.Rowe Price aus Baltimore den amerikanischen Aktienhandel verantwortet, sprach von derzeit über 1000 existierenden Orderzusätzen, mit denen Anleger ihr Kauf- und Verkaufsinteresse ausdrücken können. Selbst ausgewiesene Fachleute für Hochfrequenzhandel wie Larry Tabb, der Vorstandsvorsitzende der Beratungsgesellschaft Tabb Group, fordern eine größere Transparenz, um die Vielfalt der Orderzusätze verstehen zu können.

          „Buchstabensuppe“

          Die meisten Aktienaufträge beschränken sich auf die sogenannte Marktorder oder auf ein Limit. Bei der Marktorder - auch Billigst- oder Bestens-Order genannt - wird der Auftrag zum Kauf oder Verkauf von Aktien zum jeweiligen Marktpreis ausgeführt. Bei einer Limit-Order darf ein bestimmter Kurs beim Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers nicht überschritten oder entsprechend unterschritten werden. In der neuen Welt der Hochfrequenzhändler gibt es nun Aufträge mit für Laien unverständlichen Bezeichnungen wie Hidden Midpoint Pegs (Versteckt-Mitte-Pflöcke), Sliding (Rutschen), Hide-not-Slide (Verstecken, nicht abrutschen) sowie mit vielfältigen Abkürzungen, die der ehemalige Händler Lauer vor dem Senatsausschuss als „Buchstabensuppe“ titulierte.

          Eine Hide-not-Slide-Order kann nach Angaben des „Wall Street Journal“ von geschickten Händlern genutzt werden, um sich in der Reihe der Aktienaufträge vorzudrängeln. Normalerweise wird an den amerikanischen Börsen der Auftrag eines Anlegers, der als Erster eine Order zum Marktpreis erteilt, auch zuerst ausgeführt. Eine Hide-not-Slide-Order umgeht das so: Man muss sich vorstellen, dass ein Kaufauftrag für Microsoft-Aktien für bis zu 30,01 Dollar an der elektronischen Börse Direct Edge eingeht. Der Auftrag soll zudem nur dort ausgeführt und nicht an andere Börsen weitergeleitet werden.

          Eine entsprechende Verkaufsorder liegt bei Direct Edge zu dem Zeitpunkt aber nicht vor. Es gibt aber einen solchen Auftrag an der Börse Nasdaq, der auch nur dort ausgeführt werden darf. Die Börsenaufsicht SEC bezeichnet eine derartige Situation als nicht zulässigen „gesperrten Markt“. Die Folge: Die Kauforder für 30,01 Dollar darf im Orderbuch von Direct Edge nicht mehr ausgewiesen werden. Der ausgewiesene Kurs „rutscht“ auf das nächst niedrigere Niveau, also auf 30 Dollar.

          Hide-not-Slide-Orders werden dagegen nicht abgestuft, sondern verschwinden aus dem Orderbuch - sie werden „versteckt“. Weil sie nicht mehr ausgewiesen werden, trifft nach den Börsenregeln auch die Sperrung des Marktes nicht auf sie zu. Wird diese Sperrung schließlich aufgehoben, weil etwa die parallele Order an der Nasdaq ausgeführt worden ist, steigt der Auftrag des ersten Investors wieder auf 30,01 Dollar. Auch die Hide-not-Slide-Order wird dann wieder sichtbar. Allerdings belegt sie nun den ersten Platz auf der Liste, weil der konkurrierende Auftrag zuvor abgerutscht war. Geht jetzt eine Verkaufsorder für Microsoft-Aktien zum Kurs von 30,01 Dollar bei Direct Edge ein, bekommt die Hide-not-Slide-Order den Zuschlag. Der ursprünglich erste Investor hat das Nachsehen. Der Börsenhandel wird seit geraumer Zeit von Hochfrequenzhändlern dominiert. Privatanleger ziehen sich dagegen zunehmend aus dem Aktienmarkt zurück.

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