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Risikofreudige Anleger : Privatanleger spekulieren im Sekundentakt

Das Interesse an waghalsigen Spekulationen ist in Deutschland groß Bild: dpa

Die Nachfrage nach hochriskanten Produkten wächst. Für mehrere tausend Deutsche ist dies mittlerweile der Haupterwerb. Die wenigsten interessieren sich dabei für die langfristige Entwicklung von Volkswirtschaften. Ihnen geht es um das schnelle Geld.

          Als Heiko Müller vor gut zehn Jahren Seminare zu automatisierten Handelsstrategien für Devisen an der Universität Kiel anbot, fand dies kaum Anklang. Genug Leute für eine Skatrunde kamen zusammen, mehr nicht. Deutschland war noch kein Zockerland, zumindest nicht an der Börse. Müller programmierte eigene Algorithmen, handelte nur für sich und ging ins Ausland. Seit März ist der nun 35 Jahre alte Bankkaufmann wieder zurück und leitet die neu gegründete deutsche Niederlassung von Alpari, einem der weltgrößten Anbieter hochriskanten Devisenhandels.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          „Der Markt in Deutschland wächst stark“, sagt Müller. Mehr als 4000 Kunden hat Alpari in Deutschland nun schon. Sie interessieren sich weniger für die langfristige Entwicklung von Volkswirtschaften und ihrer Devisen, ihnen geht es vielmehr um das schnelle Geld. „Kunden, die ihr ganzes Vermögen bei uns anlegen wollen oder die bei uns für die Altersvorsorge sparen möchten, lehnen wir ab“, sagt Müller. „Dafür ist der Devisenhandel nicht das richtige Instrument.“ Attraktiv wird das Alpari-Angebot für die Spekulanten durch Hebel von bis zu 500, die theoretisch möglich sind. Wer zum Beispiel 1000 Euro auf einen steigenden Kurs des Euro gegenüber dem Dollar setzt, gewinnt mit einem Anstieg um ein Prozent bis zu 500 Prozent beziehungsweise 5000 Euro hinzu. Allerdings reicht schon ein Wertverlust des Euro von 0,2 Prozent aus, um die Spekulation zu einem Totalausfall werden zu lassen. In ungünstigen Fällen kann es sogar zu einer Nachschusspflicht für den Anleger kommen.

          Die risikofreudige Anlegerschaft

          Das Interesse an solch waghalsigen Spekulationen ist in Deutschland jedoch groß und wächst zusehends. Auf ähnlich hochriskante Spekulationen sind auch die Anbieter von Contracts for Difference (CFDs) spezialisiert. Der deutsche CFD-Verband teilte nun mit, dass im September erstmals mehr als 50.000 Deutsche ein Konto bei einem CFD-Anbieter hatten. Im Jahr 2007 waren es gerade einmal 10.000. CFDs ermöglichen die Spekulation auf Indizes, Einzelaktien, Währungen und Rohstoffe mit hohen Hebeln.

          Je nach Kontotyp kann es zu erheblichen Nachschusspflichten kommen, falls eine Position deutlich gegen die Erwartung des Anlegers läuft. „Sechs Monate nach Eröffnung des CFD-Kontos sind immer noch mehr als 85 Prozent der Anleger aktiv am Markt“, sagt Michael Lippa, Deutschland-Geschäftsführer des CFD-Anbieters IG Markets, und tritt damit dem Eindruck entgegen, dass die meisten Anleger mit den hochriskanten Papieren binnen kurzer Zeit ihr Geld verlieren. Eine Langfristanlage sind CFDs aber nur für die wenigsten: Bei der Hälfte der Kunden bleibt der Anlagehorizont innerhalb eines Handelstages, 30 Prozent richten ihre Anlage mit Blick auf die Kursentwicklung einer Woche aus und 20 Prozent darüber hinaus. Die Konten bestünden in der Regel aus drei bis fünf Positionen, sagt Lippa.

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