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Portfoliostrategie : Risiko wird zur entscheidenden Stellgröße

  • -Aktualisiert am

Seine Thesen sind heute umstritten: Nobelpreisträger Harry Markowitz Bild: AP

Das Verhalten vieler Anleger ändert sich: Sie räumen der Sicherheit ihrer Geldanlage derzeit einen höheren Stellenwert ein als der Rendite. Das Portfolio-Modell des Ökonomen Harry Markowitz gerät zusehends in die Kritik.

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          Jahrzehntelang hatte der amerikanische Ökonom Bob Haugen die Moderne Portfoliotheorie seines amerikanischen Kollegen Harry Markowitz bekämpft. Nun, im Alter, sieht er sich endlich auf der Gewinnerseite. Im Zuge der Finanzkrise ist die Kapitalmarkttheorie, wie Markowitz sie 1952 entworfen hatte, zunehmend in die Kritik geraten. „Es ist ganz falsch anzunehmen, dass die Kapitalmärkte effizient seien“, sagt Haugen, der nun auch als Berater von verschiedenen Fondsgesellschaften der französischen Großbank BNP Paribas arbeitet.

          Markowitz veränderte die Geldanlage wie kaum ein anderer Ökonom im zwanzigsten Jahrhundert. Mit seiner Modernen Portfoliotheorie wies er wissenschaftlich nach, dass Anleger dank einer breiten Streuung der Geldanlage das Risiko spürbar senken können. Allerdings sind der Diversifizierung Grenzen gesetzt. Sind sie überschritten, bringt eine noch breitere Streuung keinen Vorteil mehr.

          Eiskrem und Regenschirme

          Die Risiken verschiedener Geldanlagen ließen sich nicht addieren, behauptete Markowitz. Deshalb könne das Risiko einer Geldanlage im Portfolio durch den Kauf einer anderen wiederaufgehoben werden. Wer nur die Aktie eines Eiskremproduzenten kauft, sieht bei Dauerregen schlecht aus. Nehme er jedoch zusätzlich die Aktie eines Regenschirmherstellers ins Depot, könne er sein Risiko durch Diversifizierung senken, lautet stark vereinfacht die Handlungsempfehlung.

          Und genauso lässt sich laut Markowitz durch die Beimischung von Anleihen in ein Aktienportfolio das Aktienrisiko senken oder durch Immobilien das Wertpapierrisiko und so weiter. Ein halbes Jahrhundert lang galten diese Prinzipien als unumstößlich. Unzählige Finanzberater bauen seitdem ihre Empfehlungen und Auswahlkriterien auf der Kapitalmarkttheorie von Markowitz auf.

          Mehr Risiko bringt weniger Rendite

          Haugen stellte sich seit den fünfziger Jahren gegen die Moderne Portfoliotheorie und untersuchte die Kursverläufe von amerikanischen Aktien in langen Zeitreihen. „Die risikoreichen Aktien werfen den niedrigsten Ertrag ab und die am wenigsten riskanten den höchsten“, stellte er dabei fest. Die Erkenntnis stand in glattem Widerspruch zur Modernen Portfoliotheorie, die postulierte, dass ein Anleger auf Dauer nur dann ein höheres Risiko in Kauf nehme, wenn auch der Ertrag überproportional steige.

          Haugen blieb jedoch in seiner Außenseiterrolle und baute seine eigene Anlagetheorie auf, die er relativ einfach zusammenfasst: „Vor die Wahl zwischen einer hässlichen oder einer schönen Aktie gestellt, sollten Sie immer die schöne wählen“, meint Haugen. So verhalte man sich im realen Leben ja auch. Haugen investiert ausschließlich in Aktien, die eine geringe Volatilität aufweisen, denn eine hohe Schwankungsanfälligkeit gilt auf den Finanzmärkten als riskant.

          Ineffizienz siegt

          „Unternehmen, die heute hohe Gewinne ausweisen, werden auch in Zukunft einen höheren Gewinn ausweisen“, sagt Haugen und stellt sich damit frontal gegen Markowitz' Portfoliotheorie. Diese beruht auf dem Postulat, dass die Märkte effizient funktionieren, so dass Informationen wie die neuesten Gewinnmeldungen der Unternehmen ohne Verzögerung in den Kursen verarbeitet werden.

          „Die Märkte sind nicht effizient, und Sie können jederzeit unterbewertete Aktien finden“, behauptet dagegen Haugen. Er glaubt ohnehin nicht, dass die Finanzmärkte in erster Linie auf Nachrichten von außen reagieren. „Zum allergrößten Teil beschäftigten sich die Märkte nur mit sich selbst“, sagt Haugen und führt als Beleg an, dass die New Yorker Aktienmärkte kaum reagierten, als die japanische Luftwaffe am 7. Dezember 1941 den amerikanischen Marinestützpunkt Pearl Harbor bombardierte und so den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg auslöste.

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