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Merill Lynch : „Nach den Anleihen folgen bald die Börsengänge“

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Holger Bross in seinem Frankfurter Büro im Maintower Bild: Lisowski, Philip

Das Investmentbanking in Deutschland gewinnt an Schwung. Holger Bross, Deutschlandchef der Bank of America Merrill Lynch, ist überzeugt, dass den Universalbanken die Zukunft gehört.

          Herr Bross, wie sieht es derzeit in Deutschland im Investmentbanking aus?

          Die deutschen Unternehmen sind überwiegend sehr gut aufgestellt, halten sich aber mit Fusionen und Übernahmen noch zurück. Hier ist das Geschäft im ersten Quartal um 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Viele Unternehmen sind unsicher über die gesamtwirtschaftlichen Aussichten. Außerdem wissen sie aus eigener Erfahrung, wie schnell eine Krise entstehen kann. Wir sehen bisher auch wenige Börsengänge. Dafür läuft das Anleihegeschäft. In Europa wurden im ersten Quartal neue Unternehmensanleihen im Volumen von 55 Milliarden Euro plaziert. Das ist eine Steigerung um 90 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

          Wie geht es weiter?

          Wir kennen im Investmentbanking einen typischen Zyklus. Am Anfang eines Aufschwungs nehmen die Emissionen von Anleihen im Investment-Grade-Bereich zu. Danach folgen die Emissionen von Anleihen, deren Emittenten kein gutes Rating haben. An dieser Stelle des Zyklus befinden wir uns gerade. Normalerweise folgen in einem dritten Schritt die Börsengänge und in einem vierten Schritt eine Belebung des Marktes für Fusionen und Übernahmen.

          Dann müssten bald Börsengänge folgen.

          Wir haben in der vergangenen Woche in den Niederlanden einen sehr erfolgreichen Börsenstart des Kabelnetzbetreibers Ziggo erlebt. In den kommenden Monaten dürften wir auch in Deutschland Börsengänge sehen. Aber die Investoren werden auf Qualität achten. Viele Vermögensverwalter haben wenig zusätzliche Mittel zur Verfügung und müssten für eine neue Aktie eine andere Aktie aus ihrem Bestand verkaufen.

          Wie lange akzeptieren die Anleger noch die niedrigen Renditen von Anleihen?

          Die Wahrnehmung von Staatsanleihen verändert sich. Früher galten sie als eine Art risikoloser Zins; heute werden sie eher als zinsloses Risiko betrachtet. Wir sehen heute bei Banken und Versicherungen eine wachsende Neigung, in Europa in verschiedenen Anlageklassen im Unternehmen zu investieren, um höhere Renditen zu erzielen. Aktien erscheinen im Vergleich zu Staatsanleihen günstig bewertet, aber auch Unternehmensanleihen sind gefragt.

          Aber es scheint, als hätten viele Anleger die jüngste Hausse verpasst.

          Der Dax ist seit Jahresbeginn um rund 20 Prozent gestiegen, aber die Börsenumsätze sind geringer als im vergangenen Jahr. Das Geld fließt eher in ETF als in Einzelaktien. Viele Großanleger halten sich noch etwas am Aktienmarkt zurück. Andererseits kehren global orientierte Anleger, die sich im vergangenen Herbst aus Europa zurückgezogen haben, langsam wieder zurück.

          Gäbe es heute noch finanzierungsbedingte Grenzen für Übernahmen?

          Der Markt ist noch nicht wieder da, wo er vor der Krise war, aber es lassen sich heute wieder größere Finanzierungen stemmen. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Die Bank of America Merrill Lynch hat den Schweizer Konzern ABB bei der Übernahme des amerikanischen Unternehmens Thomas & Betts beraten und die Kaufsumme von 4 Milliarden Dollar alleine bereit gestellt.

          Welche Perspektiven sehen Sie für das Bankgeschäft?

          Ich denke, dass die breit aufgestellte Universalbank das Modell für die Zukunft darstellt. Eine Bank muss Investmentbanking anbieten und in der Lage sein, großen Unternehmen Finanzierungen bereitzustellen. Die Bank of America Merrill Lynch verfügt über Spareinlagen von mehr als einer Billion Dollar und muss sich deshalb nicht über den Kapitalmarkt refinanzieren, was eine große Stärke der Bank ist. Man muss aber auch in stabilen Geschäftsfeldern vertreten sein. So ist die Bank of America Weltmarktführer in der Zahlungsverkehrsabwicklung für Unternehmen. Das ist ein Geschäft, das nicht unterschätzt werden darf. Wir sind auch das größte Institut für Privatanleger in den Vereinigten Staaten und einer der führenden Kreditkartenanbieter.

          Nicht jede Bank kann sich breit aufstellen. Was werden die übrigen tun?

          Die anderen Banken werden sich auf ihre Kernkompetenzen beschränken müssen. Das heißt, sie werden eventuell Geschäfte abstoßen und sich auf ihre Heimatregion fokussieren. Wir dürften in den kommenden 12 bis 24 Monaten Veränderungen in der europäischen Bankenlandschaft sehen. Im Augenblick befinden sich viele Banken noch in der Phase, in der sie über ihren künftigen Auftritt nachdenken.

          Wie sind Ihre Ambitionen in Deutschland?

          Wir wollen mit den 100 größten Unternehmen in Deutschland und Österreich weiter unser Geschäft ausbauen. Wir haben dazu unser Kreditvolumen in Deutschland erheblich gesteigert. Daneben arbeiten wir mit großen Kapitalanlegern in Deutschland zusammen, um sie in dem derzeitigen schwierigen Marktumfeld mit unserem Knowhow und breit aufgestellten Research zu unterstützen.

          Wie sind die Ansprüche Ihrer Bank im deutschen Markt für Fusionen und Übernahmen?

          Die Bank of America hat sich selbst das Ziel gesetzt, in allen ihren Märkten zu den drei führenden Teilnehmern zu gehören. Hierfür brauchen wir in Deutschland vor allem Kontinuität. An dieser Kontinuität hat es in der Vergangenheit in Deutschland durchaus gefehlt, wenn man die Bank of America mit ihren amerikanischen Konkurrentinnen JP Morgan und Citigroup vergleicht. Sie hatten zudem eine nicht einfache Übernahme der Investmentbank Merrill Lynch zu bewältigen.

          Wie weit sind Sie damit gekommen?

          Dieser Integrationsprozess ist abgeschlossen. Wir haben im bisherigen Jahresverlauf im deutschsprachigen Raum einen zufriedenstellenden Lauf und haben dabei unter anderen Siemens, Austria Telekom, Glencore und ABB beraten. Wir haben in den vergangenen Jahren unsere Kapazitäten konsolidiert und dauerhafte Strukturen eingezogen, aber wir müssen weiter unsere Geschäftsbasis um das vielfältige Produktportfolio als einer der größten Universalbanken der Welt noch verbreitern. Wer auf dem deutschen Markt erfolgreich sein will, benötigt einen langen Atem.

          Das Gespräch führte Gerald Braunberger.

          Zur Person

          Holger Bross hat das Investmentbanking in Deutschland und in den Vereinigten Staaten von der Pike auf gelernt. Nach vielen Jahren bei Goldman Sachs wechselte Bross im Jahre 2005 zur amerikanischen Investmentbank Merrill Lynch, die drei Jahre später von der Großbank Bank of America über nommen wurde. Der Mittvierziger leitet heute das Geschäft von Bank of America Merrill Lynch in Deutschland.
           

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