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Marktmanipulationen : Wenn Hochfrequenzhändler zu viel rauchen

Die meisten Aufträge an der New Yorker Börse stammen nicht vom Parkett Bild: AFP

Mit Scheinaufträgen versuchen manche Hochfrequenzhändler Märkte zu manipulieren. Dass der schnelle Börsenhandel generell nachteilig für die Finanzmärkte und die Wirtschaft ist, wurde bisher aber nicht eindeutig bewiesen.

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          Im Jahre 2011 plazierte das amerikanische Handelsunternehmen Panther Energy Trading über sein Computerhandelssystem an der Terminbörse in Chicago (CME) das Angebot, eine kleine Menge an Terminkontrakten auf Öl zu verkaufen. Zu dem von Panther verlangten Preis fand sich allerdings kein Käufer. Kurze Zeit später plazierte Panther Energy Trading selbst eine sehr große Menge an Kaufgesuchen für diesen Terminkontrakt, allerdings zu niedrigeren Preisen als der Verkaufskontrakt. Panther besaß allerdings gar kein Interesse daran, Terminkontrakte zu kaufen.

          Mit den vermeintlichen Kaufgesuchen sollte den anderen Marktteilnehmern eine große Nachfrage nach Terminkontrakten vorgetäuscht werden. Denn eine große Nachfrage bedeutet meist einen steigenden Preis, und in der Vorwegnahme dieser erwarteten Preiserhöhung kaufte ein Marktteilnehmer die anfangs von Panther angebotene kleine Menge an Terminkontrakten. Danach zog Panther seine große Zahl an Kaufgesuchen sofort zurück.

          Mit den Anglizismen „Smoking“ und „Spoofing“ werden an den Finanzmärkten Praktiken des computergestützten, sehr schnellen Börsenhandels („High Frequency Trading“) bezeichnet, mit denen Marktteilnehmer Handelsvorteile zu Lasten langsamer agierender Geschäftspartner erzielen wollen. Denn gerade sehr kurzfristig handelnde Teilnehmer analysieren sehr genau die vorliegenden Kauf- und Verkaufsaufträge, weil sie hoffen, daraus Aufschluss über bevorstehende Preisveränderungen zu erlangen. Für Marktteilnehmer mit beschränkten Moralvorstellungen, aber wenig beschränkten technischen Möglichkeiten bietet sich damit die Gelegenheit, durch das rasche Einstellen und Stornieren große Kauf- oder Verkaufsaufträge vorzutäuschen, die in Wirklichkeit gar nicht existieren.

          Mehr als 90 Prozent der Aufträge werden nicht ausgeführt

          Ob sich diese Praxis für Panther Energy Trading gelohnt hat, ist zweifelhaft. Dem Unternehmen wurden nach einer Untersuchung von der amerikanischen Aufsichtsbehörde für die Terminmärkte (CFTC) vorgeworfen, derartige Praktiken während drei Monaten des Jahres 2011 in Chicago betrieben zu haben. Dafür wurde nicht nur eine Strafe von 2,8 Millionen Dollar fällig, sondern auch – vermutlich schmerzlichere – Verbannung vom Handel in Chicago für ein Jahr. Die aus den Marktmanipulationen resultierenden Gewinne wurden auf 1,4 Millionen Dollar geschätzt. Da Panther ähnliche Geschäfte auf einer in London beheimateten Handelsplattform betrieben hatte, musste das Unternehmen eine weitere Strafe zahlen.

          Nach neueren Erkenntnissen werden mehr als 90 Prozent der an großen Börsen wie der New York Stock Exchange oder der Deutschen Börse eingehenden Aufträge nicht ausgeführt. Die meisten dieser Aufträge stammen von den sogenannten Hochfrequenzhändlern. Das sind Finanzhäuser, die innerhalb von Bruchteilen von Sekunden handeln. Die vielen registrierten, aber nicht ausgeführten Börsenaufträge müssen nicht zwingend auf großflächigen Betrug hinweisen, sondern können auch Bestandteil legaler Handelsstrategien sein. Sie tauchen aber eine Branche ins Zwielicht, die ohnehin gegenüber der Öffentlichkeit meist sehr verschwiegen ist. Manipulationen einzelner Häuser lassen sich bisher nachweisen, aber: Der manchmal geäußerte Vorwurf, der Hochfrequenzhandel sei insgesamt mit Kosten für die Finanzmärkte und die Wirtschaft verbunden, ist bis heute nicht eindeutig dokumentiert.

          Das hängt auch damit zusammen, dass Hochfrequenzhändler zwar sehr viel schneller handeln als traditionelle Händler auf dem Börsenparkett, aber keine grundsätzlich anderen Handelsstrategien verfolgen. Die drei verbreitetsten Strategien, deren sich Hochfrequenzhändler bedienen, sind die Bereitstellung von Liquidität, Arbitrage und das Aufspüren von Liquidität. Bei der Bereitstellung von Liquidität verhalten sich Hochfrequenzhändler wie traditionelle Marktmacher: Sie stellen An- und Verkaufskurse, allerdings ohne die Selbstverpflichtung traditioneller Marktmacher, stets am Markt präsent zu sein. Arbitrage ist seit je ein Kerngeschäft von Händlern, die Preisunterschiede für ein Gut an verschiedenen Handelsplätzen ausnutzen. Arbitrageure profitieren somit von der Fragmentierung von Märkten; das gilt auch für die heutigen Hochfrequenzhändler. Beim Aufspüren von Liquidität geht es um die Enttarnung bevorstehender Großaufträge durch institutionelle Investoren, die den Markt häufig erst einmal durch kleine Aufträge auf seine Liquidität testen.

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