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Kaufkraft : Devisen-Analyse mit Rolex und Big Mac

Dieser Big Mac dürfte etwas teurer sein Bild: ASSOCIATED PRESS

Was können eine Rolex, ein Turnschuh und ein Big Mac über Währungskurse aussagen? Viel, denn aus den internationalen Preisen für gleichartige Güter lässt sich schließen, ob eine Währung über- oder unterbewertet ist.

          Wären die Flugzeiten nicht so lang und die Reisen nicht so teuer, ließe sich mit einer Shopping-Tour rund um den Globus viel Geld sparen, zum Beispiel auf folgender Route: Für relativ günstige 5000 Euro gibt es die neue Rolex-Armbanduhr beim Juwelier in Frankfurt, bevor es weitergeht nach New York, wo der Kunde mit einer Flasche Champagner auf seine Schnäppchen-Tour anstößt und eine Digitalkamera kauft.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          In Tokio wird am besten nur fotografiert, beim Zwischenstopp in London gibt es einen Big Mac, und auf dem Heimweg wird in Zürich noch ein kurzer Zwischenstopp für eine DVD des Kassenschlagers „Avatar“ eingelegt. In welcher der Großstädte die jeweiligen Waren am billigsten sind, haben unsere Korrespondenten in Kaufhäusern in New York, Tokio, London und Zürich ermittelt. Denn ein internationaler Preisvergleich kann Auskunft darüber geben, ob der Euro über- oder unterbewertet ist.

          Warenkorbprobleme

          Dazu haben wir, wie schon in den vergangenen Jahren (vgl. ,Luxus ist in London am günstigsten und Euro auf Rekordniveau: Die schöne Seite der Euro-Aufwertung einen Korb aus sieben Waren zusammengestellt, die in Deutschland, Amerika, Japan, Großbritannien und der Schweiz erhältlich sind. Die Schwierigkeit dabei ist, dass bei vielen Konsumgütern die Modelle, die Inhaltsstoffe und die Packungsgrößen in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich sind.

          Kleidung ist beispielsweise in Asien ganz anders geschnitten als in Europa, und auch Kosmetikprodukte eignen sich nicht für einen internationalen Preisvergleich. In unserem Warenkorb liegen deshalb Güter, die in aller Welt möglichst gleich verkauft werden: eine Rolex, Champagner, ein MP3-Player, eine Digitalkamera, Damenturnschuhe, eine DVD und ein Big Mac.

          Der Big-Mac-Index

          Den doppelstöckigen Burger verkauft die Fastfood-Kette McDonald's in mehr als 100 Ländern, überall in nahezu identischer Größe und Qualität: ein Brötchen, zwei Fleischklopse, Käse, ein bisschen Grünzeug. Nur der Preis unterscheidet sich von Land zu Land. Das hat das britische Wirtschaftsmagazin „Economist“ schon vor 25 Jahren auf die Idee gebracht, einen Big-Mac-Index zu berechnen.

          Dafür werden seither Jahr für Jahr die Burger-Preise aus aller Welt in Dollar umgerechnet und in Bezug auf die Theorie der Kaufkraft-Parität miteinander verglichen. Diese Theorie geht davon aus, dass identische und handelbare Güter überall ungefähr das Gleiche kosten; andernfalls würden die Güter aus den billigeren Ländern in die teuren Länder exportiert werden. Auf lange Sicht muss es nach der Theorie ein Gleichgewicht der Währungskurse geben, bei dem ein Korb identischer Güter in aller Welt gleich viel kostet.

          Treffsichere „Burgernomics“

          Kritiker bemängeln, dass in der Theorie Schutzzölle, Verbrauchersteuern und unterschiedliche Lohnkosten - zum Beispiel für das Herrichten von Brötchen und Bulette - nicht berücksichtigt werden. Und der Big Mac ist natürlich auch nicht international handelbar, den sollte man - wenn überhaupt - an Ort und Stelle essen.

          Trotz dieser Mängel lieferte der „Economist“ mit seinen „Burgernomics“ bisweilen erstaunlich treffsichere Hinweise auf die Entwicklung von Währungskursen. Anfang 2002 zum Beispiel war der Dollar, gemessen am Buletten-Index, stark überbewertet - und in der Tat ist der Außenwert des Dollar im Vergleich zum Euro bald darauf stark gesunken.

          Dollar nicht mehr so stark unterbewertet

          Nimmt man nun den von uns zusammengestellten Warenkorb von Big Mac bis Rolex ernst, ist der Dollar derzeit in der Relation zum Euro um rund 15 Prozent unterbewertet. Bis auf die Luxus-Armbanduhr, die trotz des stolzen Preises in Amerika sehr beliebt zu sein scheint und beim Uhrenhändler Tourneau ausverkauft war, sind in New York alle Produkte billiger als in Frankfurt.

          Die Turnschuhe kosten sogar gut 40 Prozent weniger, sie sind allerdings wie alle Kleidungsstücke und Schuhe unter 110 Dollar in New York von der Mehrwertsteuer ausgenommen. Seit 2008, als wir unsere Korrespondenten zum ersten Mal für einen Warenkorbvergleich in die Kaufhäuser schickten, hat sich der Dollar damit der Kaufkraft-Parität weiter angenähert - damals war der Dollar noch um mehr als 40 Prozent unterbewertet.

          Yen nicht mehr ganz so teuer

          Der Yen scheint im Vergleich zum Euro deutlich überbewertet zu sein, und zwar um rund 11 Prozent. Das ist eine deutliche Veränderung gegenüber 2008, als die japanische Währung noch um 19 Prozent unterbewertet war. Bestimmt wird das Ergebnis dieses Jahr allerdings durch zwei Ausreißer: So kosten die DVD und die Rolex in Japan wesentlich mehr als in Deutschland, während Elektrogeräte und Turnschuhe dort weiterhin günstiger zu haben sind.

          Während die Briten für den Big Mac in London umgerechnet nicht einmal 3 Euro ausgeben müssen, reißen die 495 Kilokalorien den Schweizern ein größeres Loch in die Tasche. Sie müssen umgerechnet fast 5 Euro bezahlen. Besonders Fleisch ist in der Schweiz traditionell sehr teuer, die Einfuhr ist so stark beschränkt, dass gerade zur Grillsaison Steaks und Würstchen beliebte Schmuggelware sind. Gemessen an unserem gesamten Warenkorb, scheint der Franken derzeit um etwa 8 Prozent überbewertet zu sein, 2008 war er nur geringfügig überbewertet.

          Der Euro hat damit seit unserer ersten Einkaufs-Tour im April 2008 insgesamt an Kaufkraft verloren. Damals war er im Vergleich zu Dollar, Yen, Pfund und Franken überbewertet, mittlerweile gilt dies fast nur noch für das Verhältnis Euro-Dollar. Nimmt man unseren Big-Mac-Turnschuh-Rolex-Index also ernst, müsste der Dollar auf lange Sicht in Relation zum Euro weiter aufwerten, Yen und Franken leicht abwerten. Eine Analyse, die nicht weiter überrascht, deckt sie sich doch mit den Wechselkursbewegungen der jüngsten Zeit.

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