https://www.faz.net/-gv6-3hyt
 

Im Gespräch: William Black : „Die Lehman-Pleite war vorsätzlicher Betrug“

  • Aktualisiert am

Das heißt, das lief gezielt ab?

Die Professoren George Akerlof und Paul Romer erklärten in einem ihrer bekannten Artikel, es handele sich um „Bankrott zur Gewinnerzielung“. Alles dreht sich um die Frage, wieso so viele Transaktionen mit tief negativem Erwartungswert abgeschlossen wurden, die unvermeidlicherweise zur Pleite der Bank führen mussten, während die Manager dieser Bank - die Fulds und die Cruikshanks dieser Welt - reich, sogar sagenhaft reich werden konnten.

… und diese Personen haben nichts zu befürchten?

Doch, sie haben einiges zu befürchten, sobald irgendjemand genauer hinschaut. Lügenkredite sind an sich Betrug, was auch von Gerichten so verstanden wird. In den entscheidenden Jahren zählte die Kreation einer toxischen Mischung von Lügen-, Subprime und Alt-A-Krediten und der Weiterkauf unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in alle Welt zur Kernstrategie Lehmans. Das war ihre Spezialität. Damit zählte das Unternehmen quasi zu den Kernüberträgern der „Seuche“.

Verfolgte nur Lehman diese Strategie?

Nein, es gab auch andere. Zum Beispiel ein riesiges Unternehmen namens Indymac, das ähnlich „radioaktive“ Geschäfte tätigte. Indymac wurde jüngst mit massivster Unterstützung durch den amerikanischen Bundesstaat von einer interessanten Käuferkombination übernommen: Unter anderem vom Hedge-Fondsmanager John Paulsen und Goldman Sachs. Die können sich beim amerikanischen Finanzministerium und dem Einlagensicherungsfonds FDIC bedanken.

Welche Rolle spielte Goldman Sachs in diesem Spiel?

Kommt darauf an, in welcher Ära. Unter der Ägide von Hank Paulson zählte Goldman Sachs zu den großen Käufern von toxischen Hypothekarpapieren. Sie hofften damit große Gewinne zu machen, obwohl sie wirklich nur 30 Cents je Dollar wert waren. Genau das wurde zu einem riesigen Problem für Goldman, nachdem Paulsen die Firma verlassen hatte, um Finanzminister zu werden. Das neue Management schließlich erkannte das mögliche Desaster und begann, sich gegen solche Papiere zu positionieren. Dabei tat man sich zusammen mit John Paulsen, dem Hedge-Fondsmanager, und ging Strategien ein, die gegen die eigenen Kunden gerichtet waren und die diesen schließlich große Verluste bescherten. Goldman konnte auf diese Weise die eigenen Risiken abbauen, während es für Paulson ideal war, um einen riesigen Gewinn zu erzielen.

War das Betrug?

Ich denke, das war Betrug. Denn Goldman konnte wohl schlecht zu seinen Kunden gehen und erklären, ihrer Meinung nach entwickelten sich die Alt-A-, die Subprime- und die hochtoxischen Märkte zu einem Desaster mit hohen Verlusten und man bemühe sich verzweifelt, die eigenen Positionen möglichst rasch loszuwerden - und ihnen auf der anderen Seite Investmentprodukte anzupreisen, die sich genau aus dem Schlechtesten des Schlechten zusammensetzten. Durch Kreation mezzanineartiger Konstrukte erhielten die sogar die Bonitätsstufe „investment grade“ und konnten so unter anderem an Pensionsfonds und auch an die deutschen Landesbanken verkauft werden. Statt den Kunden dieser Art zu erklären, „wir haben ein Portfolio aus dem schlechtesten Mezzanine-Material der Welt geschaffen, das beinahe sofort versagen wird“, sagten sie, ACA habe diese Produkte geschaffen und arbeite im Auftrag dieser Kunden an Produkten, die mit großer Wahrscheinlichkeit lukrativ für sie sein werde. Und genau dieser Teil ist betrügerisch, eine falsche Darstellung im Zusammenhang mit Wertpapierhandel.

Weitere Themen

Topmeldungen

Ein Blumenstrauß liegt zu Ehren der Filmemacherin Halyna Hutchins vor der Bonanza Creek Ranch in Santa Fe.

Unfall am Filmset : „Es war eine echte, antike Waffe“

Die Staatsanwältin korrigierte das Sheriffsbüro, das wiederholt von einer „Requisitenwaffe“ gesprochen hatte: Es habe sich um eine echte, geladene Waffe gehandelt. Außerdem habe es lose Munition am Set gegeben.
Benjamin Netanjahu am Dienstag, 26. Oktober 2021, bei einem Besuch des Mahane-Yehuda-Markts in Jerusalem

Benjamin Netanjahu : Ein Mann kann nicht loslassen

Er ist seit Juni nicht mehr Israels Ministerpräsident. Aber weil er sich mit dem Machtverlust nicht abfinden will, prägt Benjamin Netanjahu die Politik des Landes noch immer.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.