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Im Gespräch: William Black : „Die Lehman-Pleite war vorsätzlicher Betrug“

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Sowohl das FBI als auch der Generalstaatsanwalt Iowa hatten früh darauf hingewiesen, dass die Hauptquelle für die Lügenkredite nur bedingt die Kreditnehmer selbst waren, sondern die Kreditvermittler. Eine Anhörung vor wenigen Tagen zeigte, dass Washington Mutual - eine der größten amerikanischen Banken, die untergingen und die größte Bankenpleite in der amerikanischen Historie - eine Art von Bastelbogen als Anleitung zum Ausfüllen von Kreditanträgen anbot. Die so genannten Lügenkredite gingen also weniger auf betrügerische Kreditnehmer zurück, die versuchten kompetente Kreditgeber hinters Licht zu führen, sondern auf das Versagen von Kreditvermittlern und -gebern. Aurora, die Tochter von Lehman Brothers, vergab nur fünf Prozent der Kredite selbst und kaufte dagegen 95 Prozent von den Kreditvermittlern auf. Sie achteten nicht nur nicht auf die Qualität der erworbenen Kontrakte, sondern sie zahlten für Kredite mit hohen Renditen sogar besonders viel.

Mit welcher Konsequenz?

Aurora konnte es sich schlicht und einfach nicht leisten, auf Qualität und Risiken zu achten. Sonst hätte man unbedingt bemerken müssen, was Studien zeigen: 90 bis 95 Prozent der so genannten Lügenkredite waren Betrug. So etwas durfte man nicht kaufen. Das Geschäftsmodell von Aurora und Lehman bestand aber gerade darin, solche Kredite zu erwerben und sie schließlich in alle Welt weiterzuverkaufen. Sie garantierten sogar für die Qualität der Produkte. Die scheinbare Legitimität dieses Vorgehens unter Nutzung scheinbar seriöser Firmen lässt die maßgeblich Beteiligten an diesem massiven Betrug möglicherweise sogar ungeschoren davonkommen

Sie meinen Fuld?

Ich hätte Fuld erklärt, Sie haben als einer der wesentlichen „Überträger“ hunderte von Milliarden Dollar dieser schlechten Kredite in alle Welt verkauft. Sie haben die betrügerische Epidemie ausgeweitet und maßgeblich zur Hauspreisblase beigetragen, indem sie immer mehr marginale Hauskäufer in den Markt zogen und auf diese Weise die Nachfragekurve nach rechts verschoben. Sie sind eine der wesentlichen Ursachen für die globale Krise, nicht etwa Goldman - auch wenn die nicht ganz unschuldig sind. Sie sollten eigentlich im Gefängnis sitzen. Denn Lügenkredite gehen mehrheitlich auf Betrug zurück. Ihr Weiterverkauf ist nur möglich, wenn man in betrügerischer Weise erklärt, es handele sich um „betrugsfreie“ Kredite.

Was bedeutete das schließlich für Lehman Brothers?

Mit der Zeit kamen immer mehr Käufer der verpackten Kredite zurück und verlangten, Lehman solle die von ihnen zuvor erworbenen Hypotheken schlechter Qualität zurückkaufen, da sie auf betrügerische Weise verkauft worden seien. Die Käufer hatten das Recht dazu. Was denken Sie, was die Folge davon war?

Lehman benötigte etwas Liquidität …

… etwas Liquidität - das ist witzig! Tatsächlich lagen die potenziellen Verluste aus dem toxischen Papieren grob gesagt zwischen 200 und 300 Milliarden Dollar. Der Bilanzbetrug von Lehman bestand darin, kurzfristig - über fünf bis sieben Jahre - den eigenen Gewinn durch die Vermittlung von Kontrakten mit tief negativem Erwartungswert maximiert zu haben, während die Hauspreisblase gleichzeitig immer ausgeprägter wurde. Käufer toxischer Papiere mussten sich vorkommen wie im Spielkasino. Nur, dass sie dort mit einem durchschnittlichen Verlust von 20 Cents je eingesetztem Dollar rechnen müssten, wohingegen der zu erwartende Verlust bei toxischen Hypothekarpapieren bei über 75 Cents je eingesetztem Dollar liegt.

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