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Im Gespräch: Professor James Galbraith : „Krise geht auf institutionalisierten Betrug zurück“

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Natürlich! Es gibt einen Begriff in der Kriminologie namens „Control Fraud,“ der betrügerisches Verhalten der obersten Führungsriegen in Unternehmen meint. Dieser fand in unglaublich großem Ausmaß statt. Schauen Sie sich nur Standard & Poor's und Moody's an. 80 Prozent ihrer Erlöse stammten aus der Vergabe von „AAA-Ratings“ an Hypothekenpapiere schlechter Qualität. Sie haben sich die entsprechenden Dokumentationen nicht nur nicht angeschaut, sondern die Banken haben sich sogar geweigert, sie zu liefern. Das sei eine unzumutbare Anforderung, hieß es damals. Wie aber kann man ein Paket von Hypotheken bewerten, ohne die Unterlagen zu sehen? Die Ratingagenturen versuchen nun zwar, sich hinter dem ersten Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten zur freien Meinungsäußerung zu verstecken. Was aber ist ein Betrug, wenn nicht das? Längst sind größere Gerichtsverfahren anhängig.

Was würde es für Banken und Ratingagenturen bedeuten, wenn die Verfahren erfolgreich wären?

Für die Ratingagenturen ist das schwer zu sagen, denn ihre Glaubwürdigkeit ist ohnehin gleich Null. Sie haben sowohl bei der Bewertung von Immobilienpapieren als auch von Staaten bewiesen, dass sie inkompetent sind.

… aber sie bewegen immer noch die Märkte!

Natürlich, weil sie Signale, so genannte Koordinationssignale, aussenden. Die Märkte reagieren nicht, weil ihnen irgendjemand glaubt. Sondern sobald sie sich über Irland, Portugal oder andere kritisch äußern, kaufen viele Anleger Credit Default Swaps. S&P hat mit Sicherheit keine Informationen etwa über Portugal, die wir nicht auch haben. Diese Agenturen haben kein seriöses Geschäftsmodell mehr.

Wie sieht es mit den Banken aus?

Letztlich wird es darauf hinauslaufen, dass die von den Banken emittierten Immobilienzertifikate schlechter Qualität zu ihnen zurückkommen und sie die Verluste tragen müssen. Dieser Vorgang wird schließlich auch die bisher nur aufgeschobene, aber dringend notwendige Restrukturierung des amerikanischen Bankensektors erzwingen. Wenn sich die Banken abermals der Insolvenz nähern, muss die Regierung wieder intervenieren. Die juristische Aufarbeitung wird früher oder später zur Veränderung der Bankenlandschaft führen müssen. Wenn nicht, wären die Zusicherungen und Gewährleistungen, die sie beim Verkauf der Wertpapiere gegeben hatten, wertlos. Dann aber würden sie künftig kaum noch Käufer für ihre Produkte finden.

Bank of America zählt zu den Finanzunternehmen, die das spüren werden?

Ja, es gibt im Moment viele Berichte über Bank of America. Sie hat zuerst einen der größten Emittenten von schlechten Immobilienkrediten übernommen und später noch Merrill Lynch.

Welche Rollen spielen Fannie Mae und Freddie Mac in diesem Spiel?

Sie waren wichtig, spielten aber in Bezug auf die Entstehung der Krise nur eine sekundäre Rolle. Sie wurden erst vergleichsweise spät einbezogen und das vor allem auf Druck von Seiten der Busch-Regierung. Allerdings spielte bei ihrem Verhalten ihr Auftreten als quasiprivate Unternehmen mit Fokus auf die Erzielung hoher Managergehälter eine Rolle. In diesem Sinne missbrauchten sie ihren Auftrag.

Nun aber können die Banken Papiere weitergeben an Fannie und Freddie.

Ja sicher. Der amerikanische Hypothekenmarkt existiert praktisch nur deswegen, weil sie als Käufer auftreten. Selbst jetzt scheinen die Banken noch Subprimekredite zu kreieren, weil sie sie auf diese Weise indirekt an die amerikanische Regierung weiterverkaufen können. Das ist bemerkenswert.

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