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Im Gespräch: Ian Bremmer, Präsident der Eurasia Group : „Regierungen nutzen den Markt für politische Zwecke“

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Bild: Eurasia Group

Für Investoren werden politische Fragen immer wichtiger. Nicht nur wegen China. Ian Bremmer ist Gründer und Leiter der Denkfabrik Eurasia Group mit Sitz in New York, die politische Risiken analysiert und institutionelle Anleger berät.

          Herr Bremmer, eine merkwürdige Zeit ist das: Gigantische Rettungspakete in Europa, steigende Spannungen zwischen Nord- und Südkorea und schließlich Irans nukleare Ambitionen. Produzieren Regierungen mittlerweile die wichtigsten Nachrichten für die Märkte?

          Die Politik spielt heute eine viel größere Rolle als noch vor Jahren. Ich hatte einmal gesagt, dass sich ein Schwellenland unter anderem dadurch kennzeichnet, dass politische Entscheidungen für das Marktergebnis mindestens so wichtig sind wie privatwirtschaftlich-unternehmerische. Infolge der Krise gilt das zunehmend auch in den großen entwickelten Volkswirtschaften. Die Politik hat momentan eine so weitreichende Bedeutung wie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr.

          Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang häufig fällt, lautet „Staatskapitalismus“. Was verbirgt sich dahinter?

          Ich sehe darin ein in der Gegenwart relativ neues Phänomen, in dem Regierungen sowohl Hauptakteure als auch die Schiedsrichter der entsprechenden Volkswirtschaft sind. Sie nutzen den Markt letztendlich für politische Zwecke. Zu sehen ist das in einer ganzen Reihe autoritärer Staaten, am auffälligsten sicherlich in China, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde, die zugleich am schnellsten von allen großen Ökonomien wächst. Wir leben in einem Umfeld, in dem dieser Typus eines Wirtschaftssystems zu einer realen Herausforderung für alle freien Marktwirtschaften geworden ist.

          Worin genau unterscheiden sich solche Staatswirtschaften von Marktwirtschaften wie beispielsweise der deutschen oder der amerikanischen?

          In einer Marktwirtschaft sind die wichtigsten Akteure private multinationale Unternehmen. Die Konsequenz ist, dass wirtschaftliche und nicht politische Ergebnisse angestrebt werden. Natürlich können auch solche Unternehmen schlechte oder sehr kurzfristig orientierte Entscheidungen treffen, wenn es etwa um Entlohnung geht oder die Art und Weise, wie sie die Interessen ihrer Aktionäre verfolgen. Letztendlich bleibt ihr Kalkül aber ein ökonomisches.

          Auch in Marktwirtschaften setzen Regierungen Regeln.

          Ja, aber sie können dennoch nicht einfach nach Belieben tun und lassen, was sie wollen. Ein Beispiel: Präsident Obama kann zwar hohe Bonuszahlungen im Fall von AIG kritisieren, er kann den Leuten, die sie bekommen haben, das Geld aber nicht einfach abnehmen, sondern sie könnten sich vor Gericht in langen Prozessen dagegen wehren - so etwas würde in staatswirtschaftlich organisierten Gesellschaften nicht passieren. Die Unterschiede zwischen beiden Systemen sind wirklich groß.

          In welchen Ländern außer China dominiert heute der Staatskapitalismus?

          In Russland, Saudi-Arabien und den meisten Ländern am Persischen Golf. Außerdem in Venezuela und vielen anderen Ländern, die über hohe Rohstoffvorkommen verfügen.

          Sind diese Länder wirtschaftlich erfolgreich?

          Nun, China ist in diesem Sinne ein erfolgreiches Modell. Seine Wirtschaft wächst seit 30 Jahren mit durchschnittlich mehr als zehn Prozent pro Jahr. Wenn Sie außerdem einen Chinesen auf der Straße fragen, wie er sein System findet, äußert er sich im Durchschnitt sehr zustimmend, wahrscheinlich zustimmender, als ein Deutscher augenblicklich über die deutsche Regierung. Ich denke deswegen zwar nicht, dass das chinesische Modell auch noch in 30 bis 50 Jahren stabil ist - ich glaube, das Gegenteil wird der Fall sein. Wir müssen aber erkennen, dass es jetzt gerade sehr gut funktioniert. Venezuela auf der anderen Seite ist ein Beispiel dafür, dass der Staatskapitalismus gründlich schiefgehen kann.

          Bleiben wir bei China. Wird es einen neuen Kalten Krieg zwischen diesem Land und den Vereinigten Staaten geben?

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