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Anlegerstimmung : Privatanleger stellen den Schampus kalt

Bild: F.A.Z.

Die Börsenkurse fallen, weil sich die Konjunktur eintrübt. Die Privatanleger ficht das offenbar nicht an. Laut einer aktuellen Umfrage waren sie in den vergangenen zweieinhalb Jahren noch nie so optimistisch für die Aktienkurse.

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          Die Stimmung an den Aktienbörsen ist manchmal schon komisch. Da drücken Konjunktursorgen die Kurse, der Dax fällt unter 6000, der Nikkei unter 9000 Punkte. Just da veröffentlicht die DZ Bank die Ergebnisse ihres aktuellen Anlegerindikators und dieser zeigt, dass die Privatanleger so optimistisch sind wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mehr als die die Hälfte erwartet steigende Aktienkurse und fast noch bedeutsamer: gerade einmal 8 Prozent der befragten 1063 anlage-affinen Deutschen Bevölkerung ab 18 Jahren rechnen mit fallenden Kursen. So wenige Pessimisten gab es in der seit Februar 2008 durchgeführten repräsentativen Befragung noch nie, ebenso wenig ein so positives Gesamtbild. 51 Prozent der Privatanleger erwarteten, dass der Dax in den kommenden sechs Monaten steigen werde. Im Mai 2010 waren es lediglich 38 Prozent gewesen.

          Positive Wirtschaftsentwicklung als Stimmungsmacher

          Auch die DZ Bank hat ins Grübeln gebracht, dass die Privatanleger mit ihrer Einschätzung so erheblich von den pessimistischen Prognosen abweichen, die viele professionelle Analysten zurzeit abgeben. Dabei hatten die privaten Investoren bei den vorangegangenen Umfragen den Trend der weiteren Kursentwicklung relativ treffsicher vorhergesehen.

          Die Bank macht zwei Ursachen aus: zum einen die sehr gute Wirtschaftsentwicklung in Deutschland und zum anderen auf die Tatsache, dass die Crash-Propheten zuletzt ein ums andere Mal nicht Recht behalten hatten, so Peter Schirmbeck, Leiter des Privatkundengeschäfts.

          Nun könnte man ja meinen, die Lösung sei einfacher und die Ergebnisse vor längerer Zeit erhoben worden. Nur ist dem nicht so: Die Befragungen fanden zwischen dem 5. und 19. August statt, als der Dax um 4 Prozent fiel.

          Nachzeichnen der aktuellen Entwicklung?

          Tatsächlich könnte aber der erste Punkt der entscheidende sein: die guten Konjunkturdaten der Vergangenheit sorgen für Optimismus, der weil die Profis eher ihren Blick in die Zukunft richten. Die Wahrheit könnte sogar noch einfacher sein: Bevor die Umfragen begannen, stieg der Dax fünf Wochen lang um 8,5 Prozent und die Privatanleger schrieben diese Richtung in Gedanken einfach fort.

          So könnte es auch im Januar 2009 gewesen sein, als die Stimmung auf dem Tiefpunkt war: 28 Prozent rechneten mit steigenden, 35 Prozent mit fallenden Kursen. Am 13. Januar begannen die Umfragen, in der Woche davor war der Dax um mehr als 7 Prozent und unter die Marke von 5000 Punkten gefallen und diese Tendenz hielt während des Befragungszeitraums an.

          Im August 2009 war die Stimmung übrigens ähnlich optimistisch wie derzeit. Damals votierten 48 Prozent für steigende und nur 16 Prozent für fallende Kurse: mithin der zweithöchste Anteil an Optimisten und der drittniedrigste an Pessimisten seit Beginn der Umfragen. Hier fielen die Kurse während des Befragungszeitraums zwar um 4 Prozent, doch am 7. August hatte der Dax gerade eine 19-prozentige Kursrally beendet.

          Mehr Faktoren sind verantwortlich als der Dax

          Ganz so simpel erscheint die Analyse allerdings nicht. Würden die Anleger immer nur sklavisch der jüngsten Kursentwicklung folgen, hätten sie im Oktober 2008 tiefst deprimiert sein müssen. Tatsächlich aber hatte sich die Stimmung gegenüber der August-Umfrage wieder auf das Niveau der Mai-Umfrage verbessert. Hier könnte der Grund gewesen sein, dass viele das Ausmaß der Krise noch falsch einschätzten und nach dem starken Kursverfall an einen notwendigen Kursaufschwung glaubten.

          Als dieser im Januar ausgeblieben war, stellten sie sich in einer pessimistischern Einschätzung des Ausmaßes der Krise auf weiter fallende Kurse ein. Insofern scheint die Meinungsumfrage mehr die Einschätzung der aktuelle Lage widerzuspiegeln. Das ist auch nicht überraschend, schließlich sind Kursprognosen mehr als schwierig.

          Keine hohe Treffsicherheit

          Das zeigt sich auch darin, dass die Treffsicherheit der Anleger nicht unbedingt höher war als der meisten Analystenprognosen für den Dax-Stand 6 Monate im Voraus. Zwar stiegen die Kurse zwischen August 2009 und Februar 2010 tatsächlich im Durchschnitt um 4,2 Prozent. Doch zwischen Januar und Juli 2009, als die Privatanleger das Schlimmste befürchtet hatten stiegen die Kurse erheblich stärker, nämlich um durchschnittlich 12,8 Prozent.

          Aber nicht immer schätzten sie die Situation schlecht ein: Als die Privatanleger im August 2008, sicher geprägt von den Kursverlusten, überwiegend mit weiteren Kursverlusten in den kommenden 6 Monaten rechneten, fiel der Dax durchschnittlich um mehr als 30 Prozent.

          Praktisch mehr Zurückhaltung

          In ihren Anlageentscheidungen scheinen die Anleger immerhin zurückhaltender zu sein. Zwar würden immerhin 22 Prozent in den kommenden Monaten den Kauf von Aktien in Erwägung ziehen, während es im Mai nur 20 Prozent waren. Darüber hinaus kommen aber Tages- und Festgeld trotz der aktuell sehr niedrigen Verzinsung für 63 Prozent der Investoren in Frage, Bundesschatzbriefe sogar für 36 nach zuvor 34 Prozent. Und das Interesse an anderen festverzinslichen Wertpapieren ist von 33 auf 37 Prozent gestiegen.

          Das könnte auch damit zusammenhängen, dass die Inflationssorgen deutlich gesunken sind: Nur noch 57 Prozent messen den Inflationserwartungen Bedeutung bei, nach 65 Prozent im Mai.

          Wenngleich die Erwartungen eher rückwärts als vorwärts gewandt sein könnten, zeigen sie aber eines gewiss: Das Vertrauen der Anleger in die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands und der Aktienkurse ist gewachsen. Ob es allerdings gerechtfertigt ist, ist eine andere Frage.

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