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Anlagestrategien : Komprimierte Zyklen und beschleunigte Zeit

Van Wijk: „Es sind nicht Sie, die Zeit läuft schneller” Bild: ING Invest

ING-Fondsmanager Tycho van Wijk hält nicht viel von ökonomischer Standard-Analyse, leite sie doch aus der Vergangenheit die Zukunft her. In einer veränderlichen Welt könne das nicht gut gehen. Das gilt unter anderem mit Blick auf den demographischen Wandel.

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          Die Affinität zur Zeit wurde Tycho van Wijk gleichsam schon in die Wiege gelegt, als er seinen Vornamen nach Tycho Brahe erhielt, dem dänischen Astronomen des 16. Jahrhunderts, dem unter anderem die nahezu sekundengenaue Bestimmung der Jahreslänge zu verdanken ist.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Thema Zeit ist es auch, was den Manager des Global Opportunities Fonds der niederländischen Bank ING derzeit umtreibt. „Es liegt nicht daran, dass Sie älter werden. Die Zeit läuft tatsächlich schneller“, sagte der Niederländer und berichtet beispielhaft, wie innerhalb von einer Stunde nach Bekanntwerden der Griechenlandkrise all seine Kunden über seinen Blackberry vorstellig geworden seien.

          In der Entwicklung der Informationstechnik sieht van Wijk auch eine mögliche Ursache für den beschleunigten Ablauf der Zeit. Diese Phänomen erklärt für ihn auch die jüngsten ökonomischen Entwicklungen: Der Wirtschaftszyklus sei schlicht zusammengedrückt worden. Dadurch entstünden in kürzerer Zeit heftiger Ausschläge, wechselten rasches Wachstum und jähe Schrumpfung rasch aufeinander, schwankten die Marktschwankungen selbst.

          „Nicht-linear“ nennt das van Wijk und erklärt das Scheitern zahlreicher quantitativer Prognosemodelle in der jüngsten Krise damit, dass diese aus den Daten der Vergangenheit auf zukünftige Entwicklungen geschlossen hätten. Von Prognosemodellen scheint der Fondsmanager derzeit nicht viel zu halten. „Haben Sie schon einmal ein langfristiges Gleichgewicht gesehen? Mir ist in 20 Jahren noch keines begegnet“, sagt er. Einer der Hauptfehler der Modelle sei, dass sie davon ausgingen, dass sich die Werte von Ereignissen um ihren Mittelwert ballen. Je weiter diese da von entfernen liegen, desto geringer wird ihre Zahl. In der Realität sei gerade in der jüngsten Krise eine Häufung extermer Werte festzustellen gewesen.

          Genauso wenig überzeugen ihn Standard-Klassifizierungen: „Coca-Cola wird als amerikanisches Unternehmen verstanden. 70 Prozent des Wachstums kommt aber aus Schwellenländern. Verbrauchsgüter gelten als weniger konjunktursensibel, doch die Preise für Agrarrohstoffe haben in den vergangenen Jahren stark geschwankt. Manches ist eben weniger sicher, als man annehmen mag.“

          Van Wijk setzt daher auf Themen. Deren Herkunft ist kein Geheimnis: es handelt sich vielfach um „Memen“, also Erscheinungen, die auf Nachahmung beruhen - Sachverhalte, die Gesprächs- oder Medienthemen sind und als allgemein anerkannt gelten. Aus diesen gewinnt das ING-Team dann greifbare - und vor allem investierbare - Unterthemen.

          Das auffallendste globale Phänomen unter den sieben Hauptthemen nach denen derzeit das Management des Fonds erfolgt, ist der weltweite demographische Wandel. Zu diesem gehört als Unterthema das Altern der Generation der „Baby Boomer“. In den Vereinigten Staaten etwa besitzen diese drei Viertel des Vermögens. Dabei legen diese weit weniger Wert auf stofflichen Konsum als auf Erfahrungen wie etwa das Heimwerken. So sei der Absatz von Rasenmähern in den Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren mit zweistelligen Prozentraten gewachsen.

          Doch das Altern werde künftig noch gravierende Auswirkungen auf die Verteilung von Arbeit, Kapital und Technologie haben. In Europa steigt ab 2050 die Zahl der über 60-jährigen auf fast 35 Prozent der Gesamtbevölkerung an. Die Unternehmensberatung McKinsey prophezeit Deutschland ab 2015 Arbeitskräftemangel. Schon ab 2012 werde sich das Verhältnis zwischen arbeitender und nicht-arbeitender Bevölkerung dramatisch verändern, sagt van Wijk. Das werde große Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben. Von der Alterung profitieren dürften nicht nur die Heimwerker- oder Tourismusindustrie und die Pharmazie, sondern etwa auch die Robotik.

          Und hier schließt sich der Kreis: im Altern der Bevölkerung sieht der Manager auch den Grund für die Bemühungen Chinas, die Zeit schneller laufen zu lassen, indem das Land Wachstumszyklen zu beschleunigen oder gar zu überspringen versucht. China müsse jetzt wachsen. Ab 2030 werde das nicht mehr ohne weiteres möglich sein, da dann die Folgen der früheren „Ein-Kind-Politik“ die demographische Struktur empfindlich belasten werden.

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