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Aktienrückkäufe : Ein zweifelhafter Segen für die Anleger

  • -Aktualisiert am

Aktien - in konzentrierter Form Bild: DIETER RÜCHEL / F.A.Z.

Unternehmen versprechen Aktienrückkäufe in Milliarden-Dollar-Höhe. Viele Anleger und Strategen sehen das positiv und freuen sich darüber. Die Vorteile der Rückkäufe sind jedoch häufig nur von kurzer Dauer, warnen kritische Experten.

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          Wieder einmal investieren amerikanische Unternehmen Milliarden Dollar in Aktienrückkäufe. So nutzen sie die Rekordbeträge an liquiden Mittel in ihren Bilanzen als schnelle Zuwendung für die Aktionäre. Laut TrimTabs Investment Research verkünden amerikanische Aktiengesellschaften seit Anfang 2010, Aktien im Wert von 106,1 Milliarden Dollar zurückzukaufen. Im Gegensatz dazu beliefen sich die während des gesamten Jahres 2009 angekündigten Rückkäufe auf 132,5 Milliarden Dollar.

          In den vergangenen Wochen verstärkten sowohl Raytheon als auch Starbucks und PepsiCo ihre Aktienrückkaufpläne. Am 15. März versprach PepsiCo, bis Juni 2013 zusätzliche Rückkäufe in Höhe von 15 Milliarden Dollar vorzunehmen, und erhöhte zudem seine Dividende um 7 Prozent. „Diese Maßnahme des Board spiegelt das anhaltende Vertrauen in das Wachstum unseres Unternehmens wider sowie unsere Bemühungen um einen starken Kapitalrückfluss für unsere Aktionäre“, lässt Indra Nooyi, Chairman und Chief Executive in einer Stellungnahme verlauten. Raytheon erhöhte seine Dividende und kündigte an, 2 Milliarden Dollar seiner eigenen Aktien zurückzukaufen. Am 24. März weitete Starbucks ein Rückkaufprogramm aus und kündigte seine erste Dividende an.

          Theoretisch treiben Rückkäufe den Aktienkurs zusätzlich in die Höhe und steigern zudem den Gewinn je Aktie, indem sie die Anzahl der ausstehenden Aktien verringern, doch häufig sind sie auch ein Zeichen dafür, dass es an gewinnbringenderen Einsatzmöglichkeiten für die liquiden Mittel mangelt. „Aktienrückkaufprogramme zeigen, dass es der Unternehmensleitung nicht gelungen ist, attraktivere interne Investitionsmöglichkeiten zu finden, meint John Brady, Senior Vice President von MF Global.

          Nicht nur ein Lippenbekenntnis

          Die Aktienrückkäufe der Unternehmen sind nicht nur ein Versprechen. Im vierten Quartal 2009 kauften Unternehmen des Aktienindexes S&P 500 tatsächlich eigene Aktien im Wert von 47,8 Milliarden Dollar zurück, ein Anstieg von 37,2 Prozent gegenüber dem vorherigen Quartal, wie die am 29. März von Standard & Poor's veröffentlichten Daten belegen.

          Allerdings bleiben sowohl die angekündigten als auch die tatsächlich vorgenommenen Rückkäufe weit hinter dem Tempo zurück, mit dem 2007 Rückkäufe getätigt wurden. Die Aktienrückkäufe des vergangenen Quartals lagen 72 Prozent unter den 172 Milliarden Dollar teuren Rückkäufen, die im dritten Quartal 2007 vorgenommen wurden, einem Rekordbetrag für ein einziges Quartal. Im gesamten Jahr 2007 wurden Rückkäufe in Höhe von 809,5 Milliarden Dollar angekündigt, während tatsächlich nur Aktien im Wert von 589,1 Milliarden Dollar zurückgekauft wurden.

          Eine Erklärung dafür, dass die Unternehmen den jüngsten Nachrichten und Daten zufolge wieder Aktien zurückkaufen, ist darin zu sehen, dass ihre Bilanzen liquide Mittel in Rekordhöhe aufweisen, sagen Marktexperten. „Die Unternehmensgewinne erholen sich merklich, und dieses Geld kann nun arbeiten“, meint Mike O'Rourke, leitender Marktstratege des New Yorker Maklerhauses BTIG. Im vierten Quartal 2009 stiegen Bloomberg zufolge die durchschnittlichen Gewinne des S&P 500 im Vorjahresvergleich um 97,9 Prozent. Ende 2009 verfügten die im S&P 500 abgebildeten Unternehmen über 831 Milliarden Dollar, ergab eine Schätzung von Standard & Poor's. Die hierfür verwendete Kennzahl lässt Versorgungsunternehmen, Finanzdienstleister und Verkehrsunternehmen, denen in der Regel viele liquide Mittel für ihre Geschäftstätigkeit zur Verfügung stehen, außer Acht. Trotz der tiefgreifenden Rezession liegen die Barbestände der Bilanzen 27 Prozent höher als Ende 2008. Diese liquiden Mittel kommen aus einer Vielzahl von Quellen. So haben die Unternehmen Kosten gesenkt, Investitionen eingestellt, neue Aktien ausgegeben und niedrige Zinssätze zur Kreditaufnahme genutzt.

          Flexibilität statt Engagement

          Die Unternehmen haben „nicht genug Vertrauen in den Aufschwung“, um „Geld für irreversible Geschäfte wie Übernahmen oder große Investitionsprojekte auszugeben, meint Vincent Deluard, Global-Equity-Stratege bei TrimTabs. Vierteljährliche Dividenden, eine weitere Methode zur Belohnung von Aktionären, bergen einen Nachteil für die Unternehmen. Ist die Ausschüttungsfrequenz erst einmal erhöht, so wird eine regelmäßige Ausschüttung in jedem Quartal erwartet. Ansonsten könnte der Markt die Aktien der Unternehmen hart abstrafen. Rückkaufpläne - oftmals ohne Festlegung eines Kaufzeitpunkts und verteilt über ein Jahr oder mehr - bieten den Unternehmen viel mehr Flexibilität. Außerdem müssen die Unternehmen nicht alle Aktien zurückkaufen, deren Rückkauf sie angekündigt haben, was der Unternehmensleitung finanzielle Flexibilität verleiht. „Rückkäufe sind der einfachste Weg, Geld an die Aktionäre auszuschütten, ohne eine Verpflichtung einzugehen“, meint Deluard.

          In Anbetracht ihrer Bedenken bezüglich der Wirtschaft sind die Unternehmen nach wie vor zurückhaltend beim Einsatz ihres Geldes, auch im Hinblick auf Aktienrückkäufe. Obgleich die Rückkäufe im vergangenen Quartal wieder zugelegt haben, ist die Aktienanzahl des S&P 500 sogar gestiegen, meint Howard Silverblatt, leitender Indexanalyst bei S&P. „Die Unternehmen werden noch ein paar Quartale aussitzen, um zu sehen, ob die Luft rein ist“, glaubt er. Unter der Annahme, dass sich der Aufschwung weiter fortsetzt, geht er davon aus, dass die Unternehmen bis zur zweiten Hälfte des Jahres 2010 warten, bevor sie feste Verpflichtungen zum Rückkauf von Aktien, zur Tätigung von Investitionen oder zur Ausschüttung von Dividenden eingehen.

          Anleger und Manager haben Grund zur Hoffnung, dass im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs bessere Verwendungsmöglichkeiten für das Geld gefunden werden. Amerikanische Unternehmen zeigen eine dürftige Erfolgsbilanz bei Rückkäufen, die ihren Aktionären langfristige Vorteile bringen, sagt Brady. Ein Hauptgrund hierfür ist das schlechte Timing der Rückkäufe. Man muss bedenken, dass im dritten Quartal 2007, nur wenige Tage vor dem Allzeithoch des S&P 500 am 9. Oktober 2007, Rückkäufe in einer Rekordhöhe von 172 Milliarden Dollar vorgenommen wurden. Diese Rückkäufe kamen einige Unternehmen teuer zu stehen, denn der S&P brach in den kommenden 17 Monaten um 57 Prozent ein. Als die großen Aktienindizes im ersten Quartal 2009 ihre Talsohle erreichten, kauften die Unternehmen des S&P 500 nur Aktien im Wert von 24,2 Milliarden Dollar zurück.

          Den Anlegern rät man, bei niedrigen Kursen zu kaufen und bei hohen Kursen zu verkaufen. Was Rückkäufe anbelangt, lässt die jüngste Entwicklung darauf schließen, dass amerikanische Unternehmen genau das Gegenteil tun. Wenn die Märkte wie vor einem Jahr nach unten tendieren, kürzen sicherheitsbedachte Manager die Ausgaben in allen Bereichen, auch bei den Rückkäufen. Nur wenn die Wirtschaft boomt - und die Aktien teuer sind -, können die Manager das Vertrauen und das Geld aufbringen, voll und ganz auf Rückkäufe zu setzen.

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