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Aktienmärkte : Privatanleger beweisen gutes Gespür

Bild: F.A.Z.

Eine Studie bescheinigt den Privatanlegern ein geschicktes Verhalten in der Krise. Sie kauften und verkauften ihre Aktien immer zu günstigen Zeitpunkten. Glaubt man jetzt ihrem Gespür für die Märkte, dürfte der Dax in den nächsten Monaten steigen.

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          Die deutschen Privatanleger haben sich in den vergangenen zwei Jahren an den Aktienmärkten geschickt verhalten. Nach einer Studie der DWP-Bank nutzten sie die Kurstiefs zu einem Ausbau ihrer Aktienbestände und realisierten zu den Kurshochs ihre Gewinne. Für die am Mittwoch veröffentlichte Studie hat die DWP-Bank mehr als 3,5 Millionen Aktientransaktionen von Privatanlegern von August 2008 bis April 2010 ausgewertet. Die DWP-Bank ist in Deutschland Marktführer in der Abwicklung von Wertpapiergeschäften. Eine derartige Analyse des Privatanlegerverhaltens auf Basis tatsächlicher Werte gab es in Deutschland bislang noch nicht.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Kern der Studie ist ein Kaufquotient. Über alle Aktiengeschäfte hinweg ist dieser immer eins, da einem Kauf stets gleichzeitig ein Verkauf in gleicher Höhe gegenübersteht. Werden jedoch einzelne Anlegergruppen aus der Gesamtheit herausgegriffen, ergeben sich Werte ungleich eins, die Rückschlüsse auf das Anlageverhalten zulassen. So verzeichnete die Studie insbesondere von Oktober 2008 bis Februar 2009 - als die Aktienkurse stark fielen und der Dax nach einer scharfen Korrektur von mehr als 8000 Punkten auf rund 5000 Punkte nochmals deutlich auf weniger als 4000 Punkte nachgab - sehr starke Käufe durch Privatanleger.

          „Das dürfte einige Kapitalmarktexperten überraschen“

          Der Kaufquotient erreichte im Dezember 2008 bei einem Dax-Stand von rund 4600 Punkten einen Wert von 2,6. Die Privatanleger haben somit dem Volumen nach 160 Prozent mehr Aktienkäufe als Verkäufe getätigt (siehe Grafik). Selbst im März 2009, als der Dax sein zyklisches Tief von 3589 Punkten erreichte, traten Privatanleger per saldo als Käufer von Aktien auf. Die Studie bestätigt damit die auch von anderen Marktteilnehmern geäußerte Beobachtung, dass die institutionellen Anleger sich zu den denkbar ungünstigsten Zeitpunkten von ihren Aktienbeständen getrennt haben, denn sie müssen im Umkehrschluss als Nettoverkäufer von Aktien aufgetreten sein.

          Im Verlauf der Finanzkrise galten Aktien zeitweise als einzig liquide Anlageklasse. Da viele professionelle Anleger in Liquiditätsengpässe gerieten, mussten sie ihre Aktien fast um jeden Preis verkaufen und beschleunigten so noch die Talfahrt am Aktienmarkt. Auch reduzierten viele Versicherer ihre Aktienquoten just zu Zeiten der Dax-Tiefs, weil sie nach dem Kurssturz oft ihre Risikolimits erreicht hatten.

          Die Privatanleger trennten sich erst zum Jahresende 2009 wieder verstärkt von ihren Aktien. Der Kaufquotient erreichte mit 0,6 hier den tiefsten Stand. Der Dax hatte sich bis dahin auf mehr als 6000 Punkte erholt. Erst im Februar, als der Dax angesichts der Finanzierungsprobleme Griechenlands auf weniger als 5500 Punkte zurückfiel, traten die Privatanleger als mutige Käufer auf, um die Kurserholung im März wieder partiell zum Ausstieg zu nutzen. „Diese Reaktion auf kurzfristige Änderungen von Markttrends ist ein Indiz dafür, dass viele Privatanleger die Entwicklungen an der Börse intensiv und zeitnah verfolgen“, sagt Karl-Martin im Brahm, Vorstand der DWP-Bank. „Ihr geschicktes Verhalten in der Krise dürfte nicht wenige Kapitalmarktexperten überraschen.“

          Es dürfte aufwärts gehen

          Auch der Blick auf die Mittelzuflüsse in Aktienfonds lässt ein gutes Gespür der Privatanleger für die Marktstimmung erkennen. So verabschiedeten sich die Anleger im Sommer 2007 in großem Stil aus Aktienfonds, als der Dax bei mehr als 7000 Punkten stand und zwischenzeitlich auf mehr als 8000 Punkte stieg. Stattdessen bevorzugten sie Geldmarktfonds als Liquiditätsparkplatz. Mehr als 30 Milliarden Euro flossen nach Angaben des Branchenverbandes BVI von Januar bis Juli 2007 netto in diese Anlageklasse.

          Der Trend kehrte sich erst im Herbst 2008 signifikant um. Besonders im Dezember 2008 und im Januar, April und Mai 2009 stiegen die Anleger wieder verstärkt in Aktienfonds ein. In 14 der letzten 17 Monate floss mehr Geld in Aktienfonds, als abgezogen wurde. Aus Geldmarktfonds wurden in dieser Zeit dagegen mehr als 50 Milliarden Euro abgezogen.

          Wird dem Marktgespür der Privatanleger Glauben geschenkt, dürfte es in den nächsten Monaten an den Aktienmärkten wieder leicht aufwärtsgehen. Nach einer Umfrage von TNS Infratest im Auftrag der DZ Bank rechnen 34 Prozent der Anleger in den nächsten sechs Monaten mit einem Anstieg des Dax, 30 Prozent erwarten in etwa konstante Aktienkurse und 29 Prozent fallende. Eine weitaus optimistischere Zukunftssicht äußerten die Privatanleger zu den Dax-Tiefs im Herbst 2008 und im Frühjahr 2009.

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