https://www.faz.net/-gv6-2h46

Strategie : Dresdner Bank will Kursziel für Dax senken

  • Aktualisiert am

Die optimistischen Dax-Prognosen der Banken sind angesichts des trüben Marktes kaum mehr haltbar. Die Dresdner Bank erwägt die zweite Senkung.

          3 Min.

          Die gute Nachricht trotz der Kursverluste am Aktienmarkt: Die Töne in den Banken werden zurückhaltender, was nach der Contrarian-Theorie die Chancen auf eine Bodenbildung erhöht. Kursierten zum Jahresanfang noch fast eintönig Kursziele für den Dax auf Sicht von einem Jahr von 7.500 bis 8.000 Punkten in den Banken, halten sich die Strategen nun mit Prognose vornehm zurück. „Wir überdenken gerade unser Kursziel für den Dax“, meint Klaus Schlote, Aktienstratege von der Dresdner Bank. Das zum Jahresanfang geschätzte Potenzial für die deutschen Aktien von 8.000 Punkten habe die Dresdner Bank bereits nach unten korrigiert, stehe jetzt aber erneut auf dem Prüfstand.

          „Der Abwärtstrend ist intakt, viel mehr kann man zum Markt kaum sagen“, erklärt Schlote. Auch wenn die Prognosen für die europäische Konjunktur derzeit nach unten korrigiert würden, rechne er in Deutschland mit einer Abschwächung und keiner Rezession. Sorgen bereiten dem Experten dagegen die Unternehmensgewinne: „Mit dem Prozess der Gewinnrevision sind wir noch nicht durch.“ Diese Gewinnwarnungen könnten durchaus noch bis in den Sommer hinein reichen. Bei Siemens habe man bereits moderatere Töne angeschlagen und auch bei den deutschen Blue-Chips könnten durchaus noch einige Gewinnwarnungen drohen. „Die Gewinnerwartungen der Analysten sind zu hoch angesichts des eingetrübten Konjunkturbildes“, sagt Schlote. Wahrscheinlich warteten die Deutschen bis zum Schluss, um dann mit Hiobsbotschaften an die Märkte zu treten.

          Zinssenkungen uneinheitlich gesehen

          Uneinheitlich sind die Erwartungen für das vermeintliche Heilmittel Zinsen. Volker Firchau, Leiter Aktienresearch bei der Bayerischen Landesbank, glaubt nicht, dass die Zinsen die Kapitalmärkte auf die Beine bringen können. „Das Zinsniveau ist eigentlich niedrig genug für den Aktienmarkt“, meint Firchau. Sein Kollege Martin Gilles von der WestLB Panmure setzt dagegen auf die Währungshüter. „Ich wünsche mir eine konzertierte Aktion von den Notenbanken“, so der Aktienstratege aus Düsseldorf. Er rechnet damit, dass die Federal Reserve Bank in der kommenden Woche die Zinsen um 50 Basispunkte senkt und die EZB sich anschließt. Die niedrigeren Leitsätze sind nach Meinung von Gilles notwendig, damit sich die Erwartungshaltungen stabilisieren, sowohl von den Privaten als auch von den Unternehmen.

          Gilles vergleicht die derzeitige Lage mit der Krise von 1998 und seinerzeit hätten die Maßnahmen der Geldpolitiker ebenfalls geholfen, auch wenn sich der Markt derzeit nicht in einer Liquiditätskrise wie vor zwei Jahren befinde. „Die Fed hat signalisiert, dass sie zu einem Realzins von null bereit ist“, sagt Gilles optimistisch. Einen Vergleich mit Japan zu Beginn der neunziger Jahre, wo trotz der Nullzinspolitik die Wirtschaft in eine Rezession schlitterte, ist nach Meinung des Düsseldorfers nicht gerechtfertigt. „Amerika befindet sich nicht wie Japan in einer Liquiditätsfalle“, so Gilles, „ daher dürften die Zinssenkungen realwirtschaftlich greifen.“ Das Kursziel für den Dax hat die WestLB zuletzt auf 7.400 Punkten von zuvor 8.000 Punkten gesenkt.

          Worst-Case-Szenario ist eingetreten

          Die gegenwärtige Situation an den Aktienmärkte decke sich mit dem von der WestLB zum Jahresbeginn gezeichneten Worst-Case-Szenario. Allerdings habe man damals die Wahrscheinlichkeit falsch eingeschätzt, räumt Gilles ein. „Eine stärkere und nachhaltigere Abschwächung der US-Wirtschaft unterhalb ihres Wachstumspotenzials könnte abrupte, spiralförmig verlaufende Anpassungsprozesse zur Beseitigung der nach wie vor bestehenden, signifikanten Ungleichgewichte (Handelsbilanzdefizit, negative Sparquote, erhebliche Überbewertung des Dollar) auslösen“, heißt es in dem Strategiepapier der WestLB zum Jahresausblick 2000.

          Auch bei der Bayerischen Landesbank werden Anleger nicht mit dem Ausblick auf steigende Kurse im zweiten Halbjahr vertröstet. „Es ist schwer zu sagen, wann Schluss ist. Charttechnisch zeichnet sich noch kein Boden ab und der sollte für eine Trendwende zumindest schon da sein“, meint Volker Firchau. Die gegenwärtigen Abwärtsbewegungen sind seiner Meinung nach nicht mehr analytisch zu fassen. Die Institutionellen scheinen nun ganz massiv aus dem Markt zu wollen, die Privaten zeigten sich dagegen besonnen. Daher würde auch jede Nachricht genutzt, um damit einen Verkauf zu rechtfertigen. „Den Institutionellen steht das Wasser bis zum Hals“, meint Firchau. Schließlich blickten sie auf keinen guten Start ins Jahr zurück. Die Bayerische Landesbank rät ihren Kunden derzeit, soweit möglich vorhandene Aktien in Qualität umzuschichten. Denn wenn eine Erholungsbewegung einsetze, so dürfte sie bei der Old Economy beginnen.

          Weitere Themen

          Das Ende der Krisenzinsen

          Hoher Dispo : Das Ende der Krisenzinsen

          Manche Banken hatten wegen der Corona-Krise die Zinsen fürs Überziehen des Girokontos deutlich gesenkt. Das ist jetzt vorbei. Zum Teil erwartet Bankkunden eine Verdoppelung der Zinssätze auf mehr als 10 Prozent.

          Topmeldungen

          Tichanowskaja abgetaucht : Wieder Gewalt in Belarus

          Bei Protesten in Belarus sind Sicherheitskräfte neuerlich mit Blendgranaten und Tränengas gegen Demonstranten vorgegangen. Ein Mensch starb. Der Geheimdienst behauptet derweil, einen Angriff auf das Leben von Lukaschenkas Gegnerin verhindert zu haben.
          Die Polizei geht am Montag in Beirut gegen Demonstranten vor, die gegen die Regierung protestieren.

          Proteste gegen Regierung : Libanons skrupelloses Machtkartell

          Seit vielen Jahren plündert eine korrupte politische Klasse ungestört den Libanon aus. Auch der Rücktritt der derzeitigen Regierung wird daran nichts ändern. Selbst Todfeinde verbünden sich für den Machterhalt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.