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Auslandsmärkte : Festspiele auf dem Budapester Börsenparkett

Börsengebäude in Budapest Bild: Reuters

Wie vor der Pandemie: Ungarn kehrt auf seinen Wachstumspfad zurück. Trotz einer strafferen Geldpolitik floriert die Wirtschaft und an der Börse herrscht ein Bullenmarkt.

          3 Min.

          In Ungarn stehen die Zeichen auf Erholung. Zwar ist das kleine zentraleuropäische Land von der Corona-Pandemie heftig getroffen. Mit 3100 Toten je eine Million Einwohner verzeichnet Ungarn eine der höchsten Opferzahlen, gemessen an der Bevölkerungsgröße. Doch euphorisiert die ungarische Wirtschaft im zweiten Quartal 2021 mit einem rekordverdächtigen Wachstum. Es ist das vierte Quartalswachstum ohne Unterbrechung. Ungeachtet der Befürchtung, dass sich eine vierte Pandemiewelle ankündigt, halten Ökonomen für das komplette Jahr einen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von mehr als sieben Prozent für wahrscheinlich. Damit würde das Land wieder an das Wachstum vor Ausbruch der Seuche 2019 anschließen. Damals war es der Motor der Region. Getragen wird die Konjunkturerholung vor allem vom stark wachsenden Konsum und den Bruttoanlageinvestitionen. Auch die Exporte ziehen wieder deutlich an. Da der private Verbrauch und die Investitionen zum erheblichen Teil den Bedarf an Waren aus dem Ausland steigen lassen, nehmen auch die Importe stark zu.

          Michaela Seiser
          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Wenig belebend dürften sich die schwierigen Beziehungen der nationalkonservativen Regierung zur EU auswirken. Wegen deren starrer Haltung besteht weiterhin das Risiko, dass Gesetzgebungsinitiativen und Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit seitens der EU zu Verzögerung oder Aussetzung von Fördermitteln führen. Das ist grundsätzlich negativ für den Markt. Aktuell ist die Verzögerung in der Genehmigung der Investitionspläne für den Pandemiestimulus ein gutes Beispiel dafür, wie Henning Eßkuchen, Analyst der Erste Group, ausführt. Die EU-Kommission wies darauf hin, dass der neue Rechtsstaatsmechanismus derzeit noch vom Europäischen Gerichtshof überprüft wird und die erste Anhörung für die erste Oktoberhälfte anberaumt ist. Ein Urteil wird es also nicht vor dem Jahresende geben.

          Im Endeffekt ist es unwahrscheinlich, dass Ungarn in absehbarer Zeit oder sogar bis zu den Wahlen im nächsten Jahr konkrete EU-Sanktionen bevorstehen, meint Tatha Ghose von der Commerzbank. Eine letzte Hürde könnte ein Gutachten sein, das durch den Rechtsausschuss des EU-Parlaments angefertigt wird, um die EU-Kommission zu einem rascheren Handeln zu drängen. Die Commerzbank hält dies aber nicht für erfolgversprechend.

          Straffere Geldpolitik - euphorischer Aktienmarkt

          Dessen ungeachtet verfolgt die Regierung ein striktes Ziel zur Haushaltskonsolidierung. Die Notenbank in Budapest (Magyar Nemzeti Bank, MNB) hat im Frühsommer nach Jahren der ultralockeren Geldpolitik angesichts des Inflationsdrucks eine Wende eingeleitet und in mehreren Schritten den Leitzins angehoben. Zuletzt gab es eine Erhöhung Ende August. Nach den anschließenden Bemerkungen von Vizegouverneur Barnabás Virág wurde die Botschaft vermittelt, dass die MNB ihre Zinserhöhungen so lange fortsetzen wird, bis sie die Inflation im Zielbereich stabilisiert hat. Auch Bernd Maurer, Analyst der Raiffeisen Bank International, sieht weitere Zinserhöhungen realistisch, solange Inflationsdruck besteht. Für die Nationalwährung Forint hat sich das als stabilisierend erwiesen. Unternehmen mit Fremdwährungsrisiko seien in der Regel gut abgesichert (etwa der Petrochemiespezialist Mol), und für das Bankengewerbe ist ein Ausblick auf steigende Zinsen nur förderlich, wie Erste Group anmerkt.

          Der strafferen Geldpolitik zum Trotz zeigt sich der Aktienmarkt euphorisch. Seit Jahresbeginn hat sich der Leitindex der Budapester Börse BUX im Einklang mit den Märkten gut geschlagen und rund ein Viertel zugelegt. Die Hausse muss vor dem Hintergrund der Zusammensetzung des Leitindex gesehen werden. Schließlich bildet ein Quartett von Flaggschiffen neun Zehntel des Barometers ab. Diese Titel und die anderen haben im zweiten Quartal rekordverdächtige Gewinne geliefert. Sieht man von den Schwergewichten ab, besteht das Budapester Parkett praktisch nur aus kleinen und mittleren Werten. Dies spiegelt letztlich die geringe Größe der ungarischen Volkswirtschaft wider. Vor diesem Hintergrund muss man die günstige Bewertung auf dem Markt beurteilen. Erste Group taxiert das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) mit 9,3 auf Zwölf-Monats-Sicht etwas günstiger als jenes der Region.

          Aufgrund der Konzentration des Index auf wenige Titel macht Raiffeisen Research keine Indexschätzung für Ungarn. Empfohlen wird die Aktie von Magyar Telekom zum „Kauf“. Digitalisierung sei hier ein Treiber, der auch während der Pandemie Impulse bekommt. Auch Erste Group sieht die Blue Chips weiterhin positiv. Weitere Zuwächse des BUX um fünf bis zehn Prozent Jahres­ende sind für Henning Eßkuchen durchaus realistisch.Nach längerer Zeit der Emissionsflaute könnte der Börsengang der Börse selbst vermutlich zu Beginn des nächsten Jahres stattfinden. Der staatliche Elektrizitätsversorger MVM bereitet sich dem Vernehmen nach ebenfalls auf eine öffentliche Notiz vor. Auch hier sollte es mit Anfang des nächsten Jahres konkret werden.

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