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800 Millionen Euro weniger : Steuereinnahmen der Kirchen brechen ein

  • -Aktualisiert am

Weniger Kirchensteuer: Gottesdienst in der katholischen Leonhardskirche in Frankfurt Bild: Frank Röth

Im Durchschnitt zahlt ein Kirchenmitglied 300 Euro Kirchensteuer im Jahr. Trotz eines drastischen Mitgliederschwunds stiegen die Steuereinnahmen der Kirchen bisher stetig – doch dann kam die Corona-Krise.

          3 Min.

          Kirchen sind keine staatlichen Einrichtungen, nehmen aber Steuern ein. Ist ein Bürger Kirchenmitglied, berechnet sein Finanzamt die Kirchensteuer in Abhängigkeit von der persönlichen Einkommen- und Lohnsteuer und führt das Geld an die entsprechende Religionsgemeinschaft ab. Je besser jemand verdient, desto höher ist seine Kirchensteuer. Im Durchschnitt zahlt ein Kirchenmitglied 300 Euro im Jahr, was der Kirchensteuerlast eines Unverheirateten mit einem Jahreseinkommen von 30.000 Euro brutto entspricht.

          Mark Fehr
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Im Corona-Jahr 2020 ist die Kirchensteuer um 800 Millionen Euro auf 11,9 Milliarden Euro eingebrochen. Das ist ein Rückgang von 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie sich aus vorläufigen Zahlen ergibt, die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) am Mittwoch veröffentlicht hat. Es handelt sich um die Summe der Kirchensteuereinnahmen von evangelischen und katholischen Kirchen. Endgültige Zahlen stehen erst im Jahresverlauf fest.

          Laut IW-Steuerexperte Tobias Hentze steht die Kirche in den kommenden Jahrzehnten vor einer großen Herausforderung. Sie müsse einen Weg finden, ihre Einnahmen trotz des demografischen Wandels und sinkender Mitgliederzahlen zu sichern und gleichzeitig ihre Ausgaben kritisch überprüfen.

          Die Zahl der Kirchenmitglieder ist in den vergangenen 20 Jahren um ein Viertel auf zuletzt 43 Millionen gesunken. Ungeachtet dessen sind die Kirchensteuereinnahmen stetig gestiegen. Laut den Fachleuten des IW liegt das an einem gegenläufigen Effekt: In den Jahren vor der Corona-Krise haben immer mehr Arbeitnehmer Jobs gefunden und mehr Geld verdient, was den Mitgliederschwund der Kirchen finanziell mehr als kompensierte.

          Eine wichtige Rolle spielt dabei laut den Ökonomen die Steuerprogression. Damit ist gemeint, dass für höhere Einkommen ein höherer Steuersatz fällig wird als für niedrigere Einkommen. Der Tarif für die Kirchensteuer ist unabhängig vom Einkommen, doch wird er auf die Einkommensteuer angewendet, die progressiv mit der Höhe der Einkünfte steigt. Je nach Bundesland gelten leicht unterschiedliche Kirchensteuersätze: 8 Prozent in Bayern und Baden-Württemberg, 9 Prozent in den meisten anderen Bundesländern.

          Große Unterschiede je nach Bundesland

          Wie das Unternehmen Taxando berechnet hat, sind die Kirchensteuereinnahmen der katholischen Kirche in Bayern im Jahr 2019 am stärksten zurückgegangen, was an der großen Zahl an Kirchenaustritten dort liegt. Zahlen für 2020 lagen zum Zeitpunkt der Taxando-Erhebung noch nicht vor. Das Unternehmen ist Anbieter einer App gleichen Namens, die Steuerzahlern bei der jährlichen Einkommensteuererklärung hilft. Am geringsten waren die Kirchensteuer-Einbußen demnach in den ostdeutschen Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen.

          Die Unterschiede sind durch die unterschiedliche Bevölkerungszahl und die religiösen Präferenzen je nach Bundesland zu erklären. So verzeichnete die katholische Kirche laut Taxando im Jahr 2019 die meisten Austritte im katholisch geprägten Bayern (mehr als 78.000) sowie im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen (knapp 68.000). Das führte zu einem Kirchensteuer-Verlust von mehr als 71 Millionen Euro für die katholische Kirche in Bayern und fast 68 Millionen Euro in Nordrhein-Westfalen. Zum Vergleich: In Mecklenburg-Vorpommern traten nur 756 Personen aus der katholischen Kirchengemeinschaft aus. Die evangelischen Kirchen leiden sogar stärker unter Austritten, allerdings tobt in der katholischen Kirche gerade eine Debatte über die Aufarbeitung von Skandalen.

          Obwohl der Rückgang der Kirchensteuereinnahmen im Jahr 2020 nicht ganz so stark ausfällt wie befürchtet, leiden die Kirchen nach Einschätzung der IW-Ökonomen stärker als der Staat. Denn dieser könne ausfallende Einnahmen einfacher und günstiger durch höhere Schulden ersetzen. Viele Diözesen und Landeskirchen dagegen müssten in der Krise auf ihre Rücklagen zugreifen, falls solche vorhanden seien.

          Trotz des zu erwartenden Mitgliederrückgangs werden die Kirchensteuereinnahmen im Fall einer wirtschaftlichen Erholung bis zum Jahr 2022 wieder auf das gleiche Niveau wie vor der Krise steigen. Dabei ist aber der Verlust an Kaufkraft durch Inflation nicht berücksichtigt. Kaufkraftbereinigt sei eine Rückkehr zum Vorkrisenniveau laut IW erst im Jahr 2025 zu erwarten – mit Kirchensteuereinnahmen von nominal 14 Milliarden Euro.

          Während eine wirtschaftliche Erholung von der Corona-Krise das Aufkommen der Einkommensteuer und der an diese gekoppelten Kirchensteuer in den kommenden Jahren wieder steigen lassen könnte, bleibt der gegenläufige Effekt von Kirchenaustritten unabhängig von der wirtschaftlichen Lage bestehen. Hinzu komme laut IW der demographische Effekt, also die Tatsache, dass immer mehr Menschen aus den geburtenstarken Nachkriegsjahrgängen in Rente gehen und folglich geringere Steuern zahlen als auf dem Höhepunkt ihrer Karrieren. Daher werde künftig ein immer kleinerer Teil der Kirchenmitglieder Kirchensteuer zahlen.

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