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Showdown zur Hauptversammlung : Das Bangen um die Lufthansa

Check-in-Schalter der Lufthansa am Frankfurter Flughafen. Steigt der Staat bei der angeschlagenen Fluglinie ein? Bild: Reuters

Steigt der Staat bei der Lufthansa ein? Großaktionär Heinz Hermann Thiele ist dagegen. Doch es scheint, als fehlten ihm die Mitstreiter.

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          Wochenlang wurde verhandelt, jetzt soll am Donnerstag die Entscheidung zur Zukunft der Lufthansa fallen. Auf einer außerordentlichen Hauptversammlung im Internet müssen die Aktionäre entscheiden: Rettung durch den Staat oder Insolvenz. Noch vor kurzem schien die Rettung sicher, doch jetzt schießt Großaktionär und Milliardär Heinz Hermann Thiele quer. Er kritisiert den geplanten Staatseinstieg und lässt offen, ob er zustimmen wird.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit seinem offiziellen 15-Prozent-Anteil (vielleicht sogar mehr) kann er den Staatseinstieg verhindern, wenn die Präsenz auf der Hauptversammlung gering ist. Liegt sie hoch genug, hängt es von der Entscheidung der anderen Anleger ab. Thiele müsste weitere Mitstreiter finden.

          Öffentlich hat sich bisher keiner auf seine Seite gestellt. Im Gegenteil: In einer Umfrage der F.A.S. haben mehrere Eigentümer Zustimmung zur Staatsrettung signalisiert. Sie sind nicht voll überzeugt vom Rettungspaket, aber fürchten eine Insolvenz. „Wir sehen die Haltung von Herrn Thiele kritisch und halten das für eine unnötige Diskussion. Wir drücken die Daumen, dass das Rettungspaket gebilligt wird“, sagt ein deutscher Investor.

          „Wir wollen die Aktionärskultur in Deutschland fördern“

          Nachverhandlungen wie Thiele fordert keiner. Thiele selbst kritisierte in einem Interview mit der F.A.Z. vor allem den geplanten Bundesanteil von 20 Prozent an der Lufthansa, der die Anteile der Altaktionäre – auch seine – verwässert. Das bei Kapitalerhöhungen übliche Bezugsrecht für die Altaktionäre wurde ausgeschlossen. Thiele lehnt auch den niedrigen Kaufpreis für den Bund zum Nennwert der Aktien ab, der nur ein Drittel des aktuellen Kurses beträgt.

          Das bemängelt auch die Fondsgesellschaft Union Investment, die Anteile an der Lufthansa hält. „Wir wollen die Aktionärskultur in Deutschland fördern. Das Rettungspaket, vor allem die Kapitalerhöhung unter Wert, tut das nicht. Wir möchten nicht, dass das Schule macht“, sagt Patrick Schuchter, der für Transportaktien zuständige Portfoliomanager.

          Die Erhöhung des Eigenkapitals macht nur rund 300 Millionen Euro des neun Milliarden Euro schweren Rettungspakets aus. „Für so wenig zusätzliches Geld wird die Wettbewerbsfähigkeit der Lufthansa stark eingeschränkt.“ Schuchter meint die Abgabe von Landerechten, die die EU wegen des Staatseinstiegs gefordert hat. Und er befürchtet politischen Einfluss auf das Tagesgeschäft, obwohl die Regierung das offiziell ausschließt. Die Restrukturierung könnte verzögert werden. Auch die zwischenzeitlich erhobene Forderung nach der vollständigen Abnahme von Airbus-Flugzeugen zeige die Gefahren eines Staatseinflusses. „Wir werden aber trotzdem zustimmen, weil es keine mehrheitsfähige Alternative gibt. Eine Insolvenz ist zu unsicher.“

          Auch die Fondsgesellschaft DWS unterstützt das Rettungspaket des Bundes. „Wir stimmen zu“, sagte ein Sprecher der F.A.S. Die Fondsgesellschaft Deka will sich erst kommende Woche festlegen, deutet aber ebenfalls Wohlwollen an. „Die staatlichen Finanzhilfen für die Lufthansa stehen außer Frage, die Zeit drängt“, sagt Vanessa Golz, zuständig für Corporate Governance. „Sofern die Position der Aktionäre verbessert werden kann, ist dies zu begrüßen – aber mit Augenmaß.“ Es gelte, jetzt schnellstens ein Zukunftskonzept für eine „neue Lufthansa“ zu entwerfen. „Sonst gibt es nur Verlierer: die Lufthansa-Mitarbeiter, den Steuerzahler und die Aktionäre.“

          Die Lufthansa hat auch einige ausländische Anteilseigner. Auch auf ihr Stimmverhalten kommt es an. Ein großer angelsächsischer Aktionär, der den Vereinbarungen zustimmen will, sagt: „Wir waren sehr erstaunt über Thieles Vorstoß. Es ist schwer nachzuvollziehen, dass sich ein Investor in dieser kritischen Lage, in der es um das Überleben der Lufthansa geht, gegen das Rettungspaket wendet.“

          Viele Eigentümer außerhalb Deutschlands folgen auch gern dem Urteil von Stimmrechtsberatern. Der bekannteste ist ISS. Seine Analyse zur Lufthansa liegt der F.A.S. vor. Sie empfiehlt eine Zustimmung. Die Lufthansa habe „eine überzeugende Begründung für die Stabilisierungsmaßnahmen geliefert, die sie mit der Bundesregierung vereinbart hat“, heißt es in dem siebenseitigen Papier. „Ohne diese Maßnahmen drohen dem Unternehmen beträchtliche Insolvenzrisiken.“ Zudem sei die Verwässerung der Anteile durch die Kapitalerhöhung nicht übermäßig.

          Möglicherweise wird auch die Kreditsumme reduziert

          Ob vielleicht Thiele am Ende sogar selbst zustimmt, ist noch nicht ausgeschlossen. In den nächsten Tagen soll es Gespräche zwischen ihm und dem Bund geben. Ihm würde wohl schon genügen, wenn die Staatsanteile von der KfW-Bank verwaltet würden, von der Thiele weniger Einfluss befürchtet.

          Möglicherweise wird auch die Kreditsumme des Bundes reduziert, weil Österreich und die Schweiz Hilfen für die dortigen Lufthansa-Tochtergesellschaften angekündigt haben. Auch eine kleinere Kapitalerhöhung zu einem höheren Preis als Übergangslösung und eine Verschiebung der Hauptversammlung sind in der Diskussion.

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