https://www.faz.net/-gv6-a043h

Scherbaums Börse : Die verwirrende Börsenrally

  • -Aktualisiert am

Die Dax-Kurve schlängelt sich über eine Anzeigetafel: Auf über 12.000 Punkte ist der deutsche Leitindex schon gestiegen. Bild: dpa

Der Dax klettert weiter in Richtung Allzeithoch, während das Gros der deutschen Konzerne es kaum wagt, wegen der Corona-Krise eine seriöse Prognose für das laufende Jahr abzugeben. Was sollen Anleger von einer solchen Börse halten?

          4 Min.

          Stellen Sie sich vor, es ist Weltwirtschaftskrise und keiner geht hin. So oder so ähnlich ist seit Wochen die Stimmung an den Aktienmärkten wohl einzustufen. Der deutsche Dax hat diese Woche die 12.000er-Marke wieder geknackt. Überhaupt scheint sich das bekannteste deutsche Börsenbarometer prächtig vom Corona-Crash erholt zu haben. Dass die deutsche Crème de la Crème der Wirtschaft (nur) mit Milliarden-Krediten im Dax am Leben erhalten wird, wie es bei Tui oder Lufthansa passiert, scheint keinen so recht zu interessieren.

          (R)eine technische Börsenrally

          Anders ist es nicht zu erklären, dass der Dax zur Wochenmitte den Sprung wieder über die bei 12.111 Punkten verlaufende 200-Tage-Linie geschafft hat und sich somit per Definition wieder im laufenden Aufwärtstrend befindet. Das Februar-Allzeithoch bei 13.795 Zählern ist zwar noch weit, aber für viele nicht zu weit entfernt. Liegt es nur wieder einmal an der kombinierten Geldschwemme seitens der EZB und natürlich dem 130-Milliarden-Konjunkturpaket aus Berlin? Wohl nicht nur.

          DAX ®

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Denn diese Rally wird wohl auch von vielen technischen und nicht von fundamentalen Faktoren getrieben. Ihren Ursprung hat diese im April zum großen Teil im sogenannten Short-Covering von Futures, die Investoren anstelle von Optionen verwendet hatten, „da die Absicherungskosten aufgrund des hohen Niveaus der impliziten Volatilität und der inversen VIX-Terminkurve sehr kostspielig waren“, wie Guilhem Savry, Marktexperte des schweizerischen Vermögensverwalters Unigestion erklärt. „Ende März und Anfang April stiegen die Aktienindex-Futures auf Indizes wie den Euro Stoxx 600 und den S&P 500 sprunghaft an, aber die offenen Zinspositionen gingen zurück, was den Short-Squeeze-Effekt bestätigte.“

          Der Tech-Faktor

          Ein weiterer Faktor für den allgemeinen Kursaufschwung ist die scheinbar unendlich gehende Fokussierung der Anleger auf die FAANG-Aktien (Facebook, Amazon, Apple, Netflix und die Google-Mutter Alphabet). Ende April haben diese nach einer Analyse von Unigestion neun Prozent der MSCI AC-Weltmarktkapitalisierung, aber zehn Prozent der Gewinne der nächsten zwölf Monate ausgemacht.

          Viele fürchten schon die nächste Technologieblase auf uns zukommen. Experten sagen nein und verweisen auf die grandiosen Zahlen des Technologiesektors seit dem Jahr 2010, wonach dieser eine durchschnittliche Bruttomarge von 21 Prozent gehalten hat, gegenüber 13 Prozent für den S&P 500. Dass die Margen sich drastisch verschlechtern, scheint in diesem Sektor erst einmal unwahrscheinlich zu sein.

          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.

          Denn genau dieser Sektor ist vielen anderen weit voraus. Während die Corona-Krise in vielen klassischen Branchen längst überfällig gewordene Strukturreformen erzwingt, haben die Tech-Konzerne diesen Schritt schon sehr früh vollzogen und profitieren zudem gleichzeitig als Lösungsanbieter vom steigenden Handlungsdruck bei anderen Unternehmen, die eben diese essentiellen Schritte bisher „verpasst“ haben.

          Hinzukommt, dass viele der Technologieunternehmen auch noch mit guten Fundamentaldaten aufwarten können. Steile Aktienkurse, untermauert von mehr als soliden Fundamentaldaten – aktuell kommt eigentlich kein Anleger an den „teuren“ Aktien von Alphabet, Amazon, Apple, Facebook und Netflix oder Microsoft sowie den anderen „Techis“ vorbei.

          Erst diese Woche hat der aufsteigende Videokonferenz-Dienst Zoom mit seiner jüngsten Bilanz aufhorchen lassen. Im Ende April abgeschlossenen ersten Geschäftsquartal stieg der Umsatz im Jahresvergleich von 122 auf 328 Millionen Dollar. Unterm Strich blieben rund 27 Millionen Dollar Gewinn übrig – nach nur rund 200.000 Dollar ein Jahr zuvor.

          Zoom Video Communications

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Der Aktienkurs legte auf Jahressicht mehr als 200 Prozent zu. Schon gelaufen? Das haben viele Anleger in der Vergangenheit auch stets bei Amazon und Apple gesagt. Am Ende könnte Zoom das nächste Beispiel sein, wie ein Unternehmen vom Nischen-Anbieter zum ganz großen Börsen-Player wird.

          Die (falschen) Anlegererwartungen

          Das Beispiel von Zoom zeigt, dass es an der Börse zu jeder Phase Gewinner gibt. Aber gerade deutsche Anleger scheinen da eher verschlossen zu sein. Sie sind eher (zu) vorsichtig – zumindest wenn man das aktuelle Krisenbarometer von JP Morgan Asset Management sieht. Die Deutschen blicken demnach sehr realistisch in die ökonomische Zukunft: Ihre Erwartungen, wie schnell sich die Wirtschaft nach der Corona-Krise wieder erholt, sind angesichts der wieder munter steigenden Börsenkurse fast schon als pessimistisch zu bezeichnen, so Matthias Schulz, Experte bei JP Morgan Asset Management.

          Aktuell erwartet rund ein Drittel (33 Prozent) eine L-förmige Wirtschaftsentwicklung, da die Auswirkungen der Corona-Krise noch jahrelang zu spüren sein sollten. Fast genauso viele Befragte (31 Prozent) sehen eine W-förmige Entwicklung mit weiterhin starken Marktschwankungen voraus. Etwa jeder Vierte (24 Prozent) erwartet eine U-förmige Erholung, also dass die Rezession zwar eine Weile anhält, es dann aber wieder steil nach oben geht. Laut Schulz sind die Erwartungen der Privatanleger fast etwas zu pessimistisch, denn es gilt, aktuelle, zyklische Themen nicht mit langfristigen, strukturellen Problemen und Auswirkungen zu vermischen.

          Der „richtige“ Einstiegszeitpunkt

          Eine der wichtigsten Fragen für Anleger ist immer mit dem einen W-Wort verbunden. Wann ist der beste Einstiegszeitpunkt? Mit 64 Prozent sind sich rund zwei Drittel der Befragten sicher, dass dieser noch vor dem Ende der Rezession liegt, da sich die Börsen erfahrungsgemäß schneller als die Wirtschaft erholen. Etwas vorsichtiger wollen es 37 Prozent der Befragten angehen, die investieren wollen, wenn die Rezession beendet ist und die Wirtschaft wieder „brummt“.

          Erfahrene und langfristig orientierte Anleger werden sich diese Frage erst gar nicht (mehr) stellen. Denn auf Sicht von zehn, 15 oder 20 Jahren erscheint der Zeitpunkt eines Aktien-Investments mehr als relativ zu sein. „In der Theorie wissen die Privatanleger also, wann der beste Investitionszeitpunkt ist. In der Praxis fühlen sich allerdings erfahrungsgemäß die meisten erst dann wieder wohl an der Börse, wenn auch das Wirtschaftswachstum wieder anzieht – auch wenn dann in den Kursen schon ein Teil der Erholungsbewegung vorweggenommen ist“, sagt auch Matthias Schulz.

          Es braucht also in der aktuellen Börsenzeit weder eine starre „Cash is King“-Strategie, noch ein Verpasst-Gefühl, dass mit der Angst einhergeht, eine Rally zu verpassen. Spätestens wenn es zu einer zweiten Corona-Welle kommt, wird es spannend zu sehen, wie das Gros der Anleger reagieren wird.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.