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Steigende Benzinpreise : Droht uns die nächste Ölkrise?

Auf dem Gelände einer Recyclingfirma in Hamburg sind Ölfässer gestapelt, um sie später zu reinigen und neu zu befüllen. Bild: dpa

Der Ölpreis ist rapide gestiegen und Trumps Entscheidung für einen Ausstieg aus dem Atomabkommen mit Iran beschleunigt den Trend. Autofahrer müssen sich vorsehen: Das könnte erst der Anfang sein.

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          Donald Trump hat am vergangenen Dienstag einmal mehr das getan, was der Präsident der Vereinigten Staaten am liebsten tut – die Welt in Aufregung versetzen. Am frühen Nachmittag wandte sich Trump an seine Landsleute, um ihnen Aufsehenerregendes zu verkünden: Amerika, so trug er mit theatralischer Mimik vor, steige aus dem Atomabkommen mit Iran aus und setze Wirtschaftssanktionen gegen das Land in Kraft.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Formal war die Botschaft nur an die Amerikaner gerichtet (sie begann wie immer mit den einleitenden Worten „My fellow Americans“), aber tatsächlich sollte sie natürlich in der ganzen Welt Widerhall finden. Man darf davon ausgehen, dass Trump Freude daran hat, dem Rest des Erdballs seine Macht zu demonstrieren.

          Tatsächlich verfehlten die Worte des Präsidenten ihre Wirkung nicht. Sogleich sahen sich die Hardliner in Iran bestätigt, dass es schon immer ein Fehler ihrer Regierung gewesen sei, wegen des Abkommens die Entwicklung von Atomwaffen nicht weiter vorangetrieben zu haben. Und sogleich diskutierte man in Europa, wie nun weiter zu verfahren sei. Neben diesen politischen Turbulenzen versetzte Trump aber auch einen der wichtigsten Märkte der Welt in Unruhe – den Ölmarkt. Was so erstaunlich nicht ist: Iran zählt zu den führenden Erdölproduzenten des Planeten.

          Die Angst vor der Ölknappheit geht wieder um

          Noch während der Präsident sprach, schnellte der Preis der wichtigsten Ölsorte Brent in die Höhe. Zuvor hatte dieser bei etwas mehr als 70 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Litern) gelegen, bis zum Wochenende stieg der Preis auf mehr als 77 Dollar. Eine solch rapide Entwicklung weckt bei vielen Menschen alte Sorgen: Müssen die Autofahrer jetzt mit deutlich höheren Benzinpreisen rechnen? Steht die Welt gar am Rande einer neuen Ölkrise?

          Gerade erst hatte man sich an den Gedanken gewöhnt, dass Öl – jahrzehntelang ein äußerst knappes Gut – im Überfluss vorhanden ist. Der Preis war von 2014 an immer tiefer bis auf rund 30 Dollar je Barrel gefallen. Ein wichtiger Grund dafür war eine Entwicklung, die selbst nüchterne Fachleute als „Revolution“ bezeichnen. Mit neuen Bohrmethoden, dem sogenannten Fracking, kamen besonders amerikanische Produzenten nun viel leichter und kostengünstiger ans Öl als zu früheren Zeiten.

          Die These von der Knappheit des Öls, die jahrzehntelang den politischen Diskurs bestimmt hatte, galt auf einmal nicht mehr. Darum ist so verwirrend, was gerade geschieht: Die neue Gewissheit, dass Öl zur Genüge verfügbar ist, könnte durch die jüngsten Vorkommnisse schon wieder an ihr Ende gelangt sein.

          Um zu wissen, woran man ist, hilft eine Prüfung der Fakten. Zwei Komponenten, das weiß jeder Volkswirtschaftsstudent im ersten Semester, bestimmen den Preis: die Nachfrage und das Angebot. Um mit der Nachfrage nach Öl zu beginnen: Sie ist zurzeit so hoch wie lange nicht. Die Weltkonjunktur erlebt einen Moment selten gekannter Stärke, ob Schwellenland oder Industrienation – fast überall wächst die Wirtschaft. Von dieser Seite aus betrachtet, spricht alles für einen steigenden Ölpreis.

          Von ölreichen Ländern ist keine Hilfe zu erwarten

          Entlastung könnte es nur geben, wenn es auf der anderen Seite ein deutlich höheres Angebot an Öl gäbe. Dafür spricht unglücklicherweise wenig: Fällt doch Iran als Lieferant erst einmal aus. Schließlich drohen die Vereinigten Staaten auch allen nichtamerikanischen Firmen mit Sanktionen, wenn sie weiter mit Iran Geschäfte machen. Auch ein anderer wichtiger Produzent kann schon lange nicht mehr so viel liefern wie in früheren Zeiten: Venezuela befindet sich seit Jahren in politischem Chaos und wirtschaftlicher Not – viele Ölförderanlagen dort sind hoffnungslos veraltet.

          Von der Opec, der Organisation der erdölexportierenden Länder, mit Saudi-Arabien an der Spitze, und von Russland ist ebenfalls keine Hilfe zu erwarten. Die Länder machen trotz der jüngsten Krise kaum Anstalten, mehr Öl zu fördern. Sie haben ein ureigenes Interesse an einem hohen Preis. Und was ist mit den vielgerühmten amerikanischen Fracking-Firmen? Auch sie können derzeit ihre Schieferölproduktion keineswegs so stark ausweiten, wie das seit 2014 der Fall war. Dies hat zwei Gründe: Zum einen fehlt es an zusätzlicher Infrastruktur wie neuen Pipelines oder Lagerstätten vor Ort – und zum anderen mangelt es an Arbeitskräften. In Amerika herrscht nahezu Vollbeschäftigung.

          BRENT

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          Analysten wie Jan Edelmann von der HSH Nordbank ziehen aus der Gemengelage den Schluss: „Ein Anstieg des Ölpreises auf mehr als 80 Dollar je Barrel ist wahrscheinlich. Für kurze Zeit könnte der Preis sogar auf mehr als 100 Dollar je Barrel steigen, das ist nicht völlig auszuschließen.“ Für Autofahrer könnte es also in den nächsten Monaten teuer werden. Eine Faustformel besagt, dass ein Anstieg des Ölpreises um zehn Prozent die hiesigen Benzinpreise um fünf bis sechs Prozent erhöht. In der Rechnung bleibt außen vor, dass der Kurs des Euros im Vergleich zum Dollar zuletzt wieder schwächer geworden ist – was den Sprit hierzulande noch teurer macht.

          Trotzdem kann Entwarnung gegeben werden: Eine neue Ölkrise sieht keiner der Experten heraufziehen. Spätestens dann, wenn die Fracking-Firmen ihre zeitweiligen Engpässe überwunden haben, könnte der Ölpreis wieder in Richtung 60 Dollar je Barrel fallen. Bis es so weit ist, empfiehlt es sich, die Frühlingszeit zu nutzen und hin und wieder aufs Fahrrad umzusteigen.

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