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Höchster Wert seit 28 Jahren : Inflation in Deutschland steigt auf 4,1 Prozent

Nicht nur Energie wird teurer - auch die Preise für Nahrungsmittel steigen deutlich an. Bild: dpa

Am stärksten ist der Preisanstieg weiterhin bei Öl, Gas und Benzin. Aber auch Fleisch und Gemüse werden deutlich teurer – und viele Dienstleistungen. Bleibt das alles ein vorübergehendes Phänomen im Krisen-Ausklang, wie die Notenbanken sagen?

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          Die Inflation in Deutschland ist abermals deutlich gestiegen. Wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag nach einer ersten Schätzung mitteilte, legten die Verbraucherpreise auf Jahressicht um 4,1 Prozent zu. Im August hatte die Rate bei 3,9 Prozent gelegen, nachdem sie noch Ende vorigen Jahres negativ gewesen war. 

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Teuerung hat damit den höchsten Stand seit immerhin Dezember 1993 erreicht. Damals, nicht lange nach der Wiedervereinigung, hatte die Inflationsrate in Deutschland bei 4,3 Prozent gelegen – seither immer unter 4 Prozent.

          Der starke Anstieg der Inflation in letzter Zeit hält die Finanzmärkte in Atem. Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), hatte am Dienstag – wohl im Vorgriff auf solche zu erwartenden Zahlen – gesagt, es sei eine große Herausforderung für die Notenbank, sie dürfe jetzt nicht „überreagieren“.

          Am stärksten steigen weiterhin die Energiepreise

          Mehr Details dazu, was alles teurer geworden ist, zeigen die Zahlen der Statistischen Landesämter etwa aus Bayern. Dort gab es den stärksten Preisanstieg beim Heizöl, das sich um 78,5 Prozent verteuerte. Der Preis für Benzin stieg um 28,4 Prozent. Gas wurde 6 Prozent teurer, Strom 2,2 Prozent.

          Aber nicht nur Energie wird teurer. Auch Nahrungsmittel legten um 4,7 Prozent im Preis zu. Gemüse wurde 8,4 Prozent teurer, Fleisch 4,7 Prozent. Die Mieten stiegen im Schnitt um 1,7 Prozent. Billiger wurde beispielsweise Obst, der Preis sank um 1,5 Prozent.

          Basiseffekte beim Öl spielen für Inflation eine Rolle

          Bei dem starken Anstieg der Verbraucherpreise im Moment spielen sogenannte Basiseffekte eine Rolle – aber sie erklären nicht alles. Einer diese Basiseffekte ist die Tatsache, dass Öl im vorigen Jahr wegen der Pandemie außergewöhnlich billig war, und der Preisanstieg jetzt deshalb besonders krass erscheint. Ein weiterer Basiseffekt hängt damit zusammen, dass in Deutschland im vorigen Jahr wegen der Pandemie von Juli bis Dezember die Mehrwertsteuer abgesenkt war, und deshalb im Moment für die Inflationsmessung Preise mit dem niedrigeren Steuersatz aus dem vorigen Jahr mit solchen mit dem höheren Satz aus diesem Jahr verglichen werden. Das lässt die Inflationsrate steigen, obwohl die vorübergehende Absenkung der Steuer damals ja nicht als Belastung, sondern als Entlastung für die Verbraucher angelegt war.

          Die Deutsche Bundesbank rechnet damit, dass die Inflationsraten in Deutschland im Jahresverlauf noch „in Richtung 5 Prozent“ steigen, im nächsten Jahr aber wieder fallen. Auch die Europäische Zentralbank vertritt diese Ansicht eines „transitorischen“, also vorübergehenden Anstiegs der Inflation im Zuge der Erholung der Wirtschaft.

          Lieferengpässe können die Preise treiben

          Anders als die Notenbank Federal Reserve (Fed) in Amerika hat die EZB noch keine Signale gegeben, dass sie bald aus ihren Anleihekäufen aussteigen und dann irgendwann die Zinsen anheben will. Lediglich das Tempo der Anleihekäufe war für das letzte Quartal 2021 etwas herabgesetzt worden.

          Zuletzt hatte EZB-Präsidentin Lagarde möglichen Aufwärtsrisiken für die künftige Entwicklung der Inflation in ihren Reden mehr Aufmerksamkeit geschenkt als bislang. Am Montag sagte sie beim Europäischen Parlament, es gebe „einige Faktoren, die zu einem stärkeren Preisdruck führen könnten als derzeit erwartet“.

          Am Mittwochabend diskutierte Lagarde mit den Notenbankchefs von Amerika, Großbritannien und Japan  beispielsweise über die Möglichkeit, dass Lieferengpässe und Störungen in den Lieferketten als Folge der Corona-Krise länger anhalten könnten als bislang erwartet. Fed-Chef Jerome Powell rechnet nun damit, dass diese Engpässe auch bis ins nächste Jahr hinein wirken. Lagarde hatte darüber hinaus bereits am Dienstag in einer Rede ins Gespräch gebracht, dass die Pandemie und die anschließende Erholung nicht nur die bekannten vorübergehenden Auswirkungen auf die Inflation haben könnte, wie den Anstieg des Ölpreises. Die Pandemie könnte auch längerfristige Trends beeinflusst haben, die Auswirkungen auf die Inflation haben könnten, wie eine schubartige Digitalisierung ganzer Branchen.

          Eine wichtige Frage dürfte sein, ob in den Lohnrunden von den Gewerkschaften jetzt ein höherer Inflationsaufschlag verlangt und durchgesetzt wird. Dann könnte eine Lohn-Preis-Spirale entstehen. Bis jetzt ist das nicht zu beobachten. Aber je länger die höheren Inflationsraten anhalten, desto weniger dürften die Arbeitnehmer damit zufrieden sein, dass die Preise steigen, aber die Löhne nicht. Lagarde hatte eingeräumt, das müsse die Notenbank genau beobachten.  

          Die Bundesbank hatte in ihrem September-Monatsbericht konkretisiert, wie sie sich das Absinken der Inflation im kommenden Jahr vorstellt. Demnach dürfte die Raten auch in Deutschland nach dem Jahreswechsel wieder sinken. Allerdings rechnet die Bundesbank jetzt damit, dass die Inflation jedenfalls in Deutschland auch im kommenden Jahr zur Jahresmitte noch bei mehr als 2 Prozent liegt, dem Inflationsziel der EZB.   

          Inflation in Frankreich auf Zehnjahreshoch

          In der Eurozone gibt es mittlerweile kein Land mehr, in dem die Inflationsrate negativ ist, was in Ländern wie Griechenland noch unlängst der Fall war. Aktuell vermeldete Frankreich einen Anstieg der monatlichen Inflationsrate auf ein Zehnjahreshoch. Im September stiegen die nach europäischer Methode (HVPI) ermittelten Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahresmonat um 2,7 Prozent, wie das Statistikamt Insee am Donnerstag in Paris mitteilte. Das ist die höchste Rate seit dem Jahr 2011. In Italien stieg die Inflation unterdessen auf ein Neunjahreshoch von 3 Prozent.

          Die Inflationsrate für die gesamte Eurozone im September will das europäische Statistikamt Eurostat am Freitag bekanntgeben. Im August hatte sie bei 3 Prozent gelegen.

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