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Teuerung in Deutschland : Die Inflation könnte hartnäckiger werden als viele denken

Der Benzinpreis nähert sich seinem historischen Hoch. Bild: dpa

Benzin, Hauspreise und mehr: Inzwischen steigen die Preise auf breiter Front. Wie schlimm es kommt, hängt nun auch von den Gewerkschaften ab.

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          Die Inflation in Deutschland ist hoch wie seit 28 Jahren nicht mehr. Das Statistische Bundesamt bestätigte am Mittwoch den zuletzt gemeldeten Monatsanstieg um 4,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die zentrale Frage lautet nun: Wie schlimm ist das wirklich?

          Als stärkstes Argument gegen allzu große Sorgen bringen Fachleute das hier vor: Der Preisanstieg in vielen Bereichen sei nur temporär, die in der Krise tief gesunkenen Preise erholten sich jetzt oder stiegen lediglich als Folge kurzzeitiger Engpässe im Zuge der Wirtschaftserholung. Weil beispielsweise der Preis von Rohöl im Pandemie-Jahr 2020 so extrem niedrig gewesen sei, falle der Vorjahresvergleich derzeit übertrieben aus: Die aktuellen Inflationsraten seien „überzeichnet“.

          Der CO2-Preis bleibt

          Diesen Effekt gibt es, aber er erklärt nicht alles. Wenn man sich beispielsweise anguckt, warum Benzin so teuer geworden ist, dass der historische Höchststand aus dem Jahr 2012 bald erreicht sein dürfte, trifft man auf eine Melange von Gründen. Die Verteuerung im Zuge der Klimapolitik über den CO2-Preis etwa soll ja gerade nicht bald wieder verschwinden, sondern ausgebaut werden.

          In den vergangenen zwölf Monaten aber machte der CO2-Preis nur einen kleinen Teil des Benzinpreisanstiegs aus. Entscheidender war der Anstieg des Rohölpreises: Er ist eine Folge davon, dass eine hohe Nachfrage auf eine eher restriktive Förderpolitik der Ölländer trifft. Es ist plausibel, dass die Ölländer kein Interesse daran haben können, dass der Ölpreis allzu hoch klettert, weil das die Nachfrage drosseln könnte. Aber das ist keine sichere Bank.

          Ob aus dem starken Anstieg von Energie- und Rohstoffpreisen dauerhafte Inflation wird, dürfte nicht zuletzt davon abhängen, ob auf die Preise auch die Löhne reagieren und eine Lohn-Preis-Spirale entsteht. Die Situation, in der die Gewerkschaften derzeit sind, könnte man mit dem Gefangenen-Dilemma der Spieltheorie vergleichen. Wenn in allen Tarifverhandlungen auf einen Inflationsaufschlag verzichtet wird, gibt es keine Spirale.

          Für jede einzelne Gewerkschaft ist der Anreiz jedoch hoch, einen Aufschlag zu verlangen und zu versuchen, ihn durchzusetzen, um zumindest für ihre Mitglieder einen Ausgleich für die gestiegenen Preise zu erreichen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass nicht alle dem werden widerstehen können.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

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