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Schweizer Aktienmarkt : Stabwechsel im Schweizer Aktienmarkt

Tech-Konzern Logitech verdrängt Swatch aus dem SMI. Bild: Reuters

Im Schweizer Leitindex Swiss Market Index (SMI) wird der Uhrenkonzern Swatch durch den Tech-Überflieger Logitech ersetzt. Was bedeutet das für die Aktienkurse?

          3 Min.

          Am 20. September muss die Swatch-Gruppe den Swiss Market Index (SMI) verlassen. Der Uhrenkonzern macht Platz für den Computerzubehör-Anbieter Logitech. Dies hat der Schweizer Börsenbetreiber Six im Zuge seiner jährlichen Indexüberprüfung entschieden. Damit verliert der Leitindex, in dem die 20 größten und liquidesten Schweizer Papiere vertreten sind, eine große Prise „Swissness“.

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Denn kein Unternehmen im SMI steht so sehr für „Made in Switzerland“ wie Swatch. Zu der Gruppe gehören traditionsreiche Uhrenmarken wie Omega, Breguet und Blancpain. Aber irgendwie passt dieser Titeltausch ins Bild. In der Corona-Pandemie gehörte Swatch zu den großen Verlierern an der Börse. Rund um den Globus mussten Uhrenläden schließen; die Umsätze mit Touristen blieben aus. Dagegen profitierte Logitech von der starken Homeoffice-Aufrüstung – und verdoppelte seinen Aktienkurs im Vergleich zum Stand von Anfang 2020.

          Wird der Wechsel in die höchste Börsenliga den Kurs nun weiter beflügeln? Schließlich dient der SMI als Basiswert für zahlreiche Finanzprodukte wie Exchange Traded Funds (ETF), die Indizes in einem Wertpapier abbilden. Nach Einschätzung von Bettina Baur, Portfolio-Managerin für Schweizer Aktien bei der Genfer Union Bancaire Privée (UBP), dürfte der Aufstieg trotzdem keinen großen Einfluss auf den Aktienkurs von Logitech haben. Sie verweist darauf, dass sich zumindest Schweizer Investoren eher am breit gefassten Gesamtmarktindex SPI orientierten.

          Keine guten Prognosen für Luxusgutanbieter

          Was den Absteiger Swatch betrifft, der sich im laufenden Jahr wieder deutlich erholt hat, rät Baur aus fundamentalen Gründen zur Vorsicht: „Ich sehe wenig zusätzliches positives Momentum für die Luxusgüterindustrie, außer wenn bis zum Jahresende wieder im großen Stil Interkontinentalreisen möglich sind. Aber wie wahrscheinlich ist das?“ Die Genfer Richemont-Gruppe stehe wegen des hohen Anteils von Schmuckmarken (wie Cartier) tendenziell weniger stark unter Druck als der Rivale Swatch.

          Swiss Market Index (SMI)
          Swiss Market Index (SMI) : Bild: F.A.Z.

          Seit Jahresbeginn ist der SMI um gut 13 Prozent auf 12.300 Punkte gestiegen. Dabei kam der Schub vor allem aus den vergangenen drei Monaten. Dies erklärt Baur mit den vielen positiven Überraschungen in den Halbjahresresultaten der Schweizer Unternehmen. Nirgendwo in Europa hätten Analysten ihre Gewinnerwartungen so oft nach oben korrigiert wie in der Schweiz. Dabei gebe es ein hohes Maß an Verlässlichkeit: „Die Gewinnerwartungen für Schweizer Unternehmen lassen sich vergleichsweise gut abschätzen, weil diese nur zu einem sehr kleinen Teil aus volatilen Branchen wie zum Beispiel der Energieindustrie kommen.“ Daher erwartet die Fondsmanagerin, dass sich der Schweizer Aktienmarkt bis zum Jahresende im Vergleich zu anderen Aktienmärkten überdurchschnittlich gut entwickeln wird.

          Für besonders vielversprechend hält Baur das Engagement bei starken Nischenanbietern wie VAT und Comet. VAT ist führend im Verkauf von Vakuumventilen für die Halbleiterindustrie; das Elektrotechnikunternehmen Comet stellt Hightech-Komponenten für verschiedene Industriezweige her. „VAT und Comet sind technologisch führend in ihren jeweiligen Nischen und stehen daher weniger stark unter Preisdruck. Sie können steigende Materialkosten zu einem großen Teil an die Kunden überwälzen.“

          Für kaufenswert hält Baur auch die Aktien der Unternehmen Lonza, Bachem, Siegfried und Polypeptide. Dabei handelt es sich um Auftragsfertiger für die Pharmaindustrie. Diese profitieren von der enormen Nachfrage nach Impfstoffen, die Anbieter wie Moderna und BioNTech produktionsseitig überhaupt nur mithilfe Dritter decken können. Baur ist davon überzeugt, dass diese Zulieferer auch nach Corona eine rosige Zukunft haben: „Die großen Pharmakonzerne werden ihre Produktion zunehmend an Spezialisten ausgliedern.“ Und junge Biotechnologie-Unternehmen neigten zunehmend dazu, überhaupt keine eigene Produktion mehr aufzubauen, sondern vielmehr schon während der Entwicklung neuer Medikamente mit Kontraktherstellern zu kooperieren, denen sie im Erfolgsfall dann die Herstellung überließen.

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          Zu Zurückhaltung rät Baur indes bei den Aktien Schweizer Banken. Diese stünden operativ unter Margendruck und müssten zugleich in die Digitalisierung investieren, um den jungen Angreifern aus der Fintech-Szene Paroli zu bieten. Hinzu kämen hausgemachte Probleme, sagt Baur vor allem mit Blick auf die Credit Suisse. Nach einem Komplettversagen der Risikokontrollen hat die Großbank in Geschäften mit einem New Yorker Börsenzocker jüngst 5 Milliarden Franken verloren. Seit Jahresbeginn hat die CS fast ein Fünftel ihres Börsenwertes eingebüßt. Damit ist der Titel der mit Abstand größte Verlierer im SMI. Mit einer Marktkapitalisierung von 25 Milliarden Franken liegt das Zürcher Finanzhaus nur noch knapp vor der Deutschen Bank. Einen Grund für eine schnelle Kurserholung sieht Baur nicht: „Die Credit Suisse hat einen erheblichen Reputationsschaden davongetragen.“

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