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Staatshilfen : Regierung will Dividenden untersagen

Einst: Stefan de Loecker, Vorstandsvorsitzender der Beiersdorf AG, auf der Hauptversammlung in den Hamburger Messehallen. Bild: dpa

Unternehmen, die Staatshilfe brauchen, sollen keine Gewinne ausschütten. Das fordern der Wirtschafts- und der Finanzminister.

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          An diesem Dienstag gibt es eine Premiere im Dax: Als erster Konzern der 30 führenden deutschen Aktiengesellschaften wird Bayer wegen der Virus-Pandemie eine Hauptversammlung nur über das Internet abhalten. Am Mittwoch folgt der Hamburger Kosmetikhersteller Beiersdorf mit seiner Online-Hauptversammlung. Die Aktionäre beider Gesellschaften dürfen sich in den kommenden Tagen auf eine Dividendenzahlung freuen: Bayer zahlt 2,80 Euro je Aktie, was die Fondsgesellschaft Union Investment – trotz guter Zahlen im ersten Quartal – angesichts der Monsanto-Klagen in den Vereinigten Staaten als zu hoch kritisiert. Beiersdorf schüttet 0,70 Euro je Anteilschein aus.

          Markus Frühauf
          (maf.), Wirtschaft

          Die beiden Dax-Unternehmen und ihre Aktionäre müssen sich über den jüngsten Vorstoß aus der Bundesregierung keine Sorgen machen: Sie haben keine Staatshilfe beantragt, weder in Form eines KfW-Kredites noch über Kurzarbeit der Mitarbeiter. In den vergangenen Tagen hat sich in Berlin eine große Koalition der Dividendengegner gebildet: Im Gespräch mit der „Bild am Sonntag“ stellte Bundesfinanzminister Olaf Scholz klar, dass Unternehmen, die Staatshilfe benötigen, keine Dividende auszahlen sollen. Am Montag zog Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier im Gespräch mit dem „Deutschlandfunk“ nach: Die Unternehmen, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, dürften keine Gewinne ausschütten und müssten sich bei Boni-Zahlungen stark zurückhalten. Auch in Dänemark und Frankreich ist es Unternehmen untersagt, Dividenden auszuschütten, wenn sie Staatshilfen wie zum Beispiel Kurzarbeit in Anspruch nehmen.

          Da droht manchem Dax-Unternehmen noch Ungemach, denn sie haben Kurzarbeit angemeldet, halten aber am Dividendenvorschlag fest. Dazu zählen zum Beispiel die Automobilhersteller BMW, VW und Daimler, der Autozulieferer Continental und der Chemiekonzern BASF. Für Wirtschaftsminister Altmaier ist es dem Steuerzahler nicht zuzumuten, wenn Staatshilfe beansprucht wird, gleichzeitig aber Gewinne an die Aktionäre ausgeschüttet werden. „Darüber reden wir mit jedem einzelnen Unternehmen“, sagte er. Von ihren Dividendenvorschlägen haben die Lufthansa und der Sportartikelhersteller Adidas abrücken müssen, weil sie in der Corona-Krise Staatshilfen brauchen.

          Bild: F.A.Z.

          Die Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) hat den Banken schon vor Wochen mitgeteilt, dass sie bis Oktober keine Dividenden zahlen sollen. In Zeiten, in denen der Commerzbank-Vorstandsvorsitzende und neue Bankenpräsident Martin Zielke die schwerste Rezession der Nachkriegsgeschichte befürchtet, sollen die Institute nach Ansicht der Aufsicht ihr Kapital über Gewinnrücklagen stärken statt an die Anteilseigner ausschütten. Das ist auch der Preis dafür, dass die Aufseher die Vorgaben für Banken im Kreditgeschäft deutlich gelockert haben, um so die Kreditversorgung sicherzustellen. Für die Deutsche Bank, die sich im ersten Quartal besser als erwartet geschlagen hat, ist das kein Problem. Sie hat angesichts eines Milliardenverlusts 2019 von einer Dividende abgesehen. Commerzbank und Aareal Bank folgten dem Wunsch der EZB-Aufseher und verzichteten bis Oktober auf eine Ausschüttung.

          Auch die Versicherer sollen nach Wunsch der EU-Aufsicht Eiopa keine Dividenden ausschütten, was die deutsche Finanzaufsicht Bafin anders sieht. Die Aktionäre der Allianz und der Münchener Rück hoffen weiterhin auf eine abermals üppige Dividende für das zurückliegende Geschäftsjahr. Die Allianz will die Ausschüttung von 9,00 auf 9,60 Euro je Titel erhöhen, die Münchener Rück von 9,25 auf 9,80 Euro. Mit einer Dividendenzahlung von insgesamt fast 4 Milliarden Euro ist die Allianz der Dax-Konzern, der die höchste Summe an seine Aktionäre zahlt. Die Nummer zwei ist Volkswagen: An Vorzugsaktionäre fließen rund 1,3 Milliarden Euro und an die Stammaktionäre knapp 2 Milliarden Euro. An dritter Stelle folgt Siemens mit 3,1 Milliarden Euro, dahinter BASF mit gut 3 Milliarden Euro. Von den ersten vier haben mit VW und BASF zwei Unternehmen Kurzarbeit in Anspruch genommen.

          Nach Berechnungen des Commerzbank-Aktienstrategen Andreas Hürkamp werden die Dax-Unternehmen für das Geschäftsjahr 2019 Dividenden von 34,6 Milliarden Euro ausschütten. Das sind 9,4 Prozent weniger als 2018. Für 2019 kommen noch Ausschüttungen von 2,6 Milliarden Euro dazu, die Dax-Konzerne auf ihre nicht im Index gelisteten Aktien leisten. Dazu zählen die Stammaktien von VW und Henkel sowie die Vorzugsaktien von BMW. In seiner am Montag veröffentlichten Studie kommt DZ-Bank-Analyst Michael Bissinger zu dem Ergebnis, dass fast ein Viertel, genau 141 der 600 Unternehmen aus dem europäischen Aktienindex Stoxx, ihre Dividende für das abgelaufene Geschäftsjahr gestrichen haben. Die erwartete Ausschüttung im Stoxx für das Geschäftsjahr 2019 falle demnach um 23 Prozent auf rund 310 Milliarden Euro. „Wir gehen davon aus, dass in den kommenden Monaten die Ausschüttungen weiter reduziert werden.“ Ein Rückgang der Dividenden um etwa 40 Prozent erscheine realistisch – ähnlich deutlich wie in der Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren. In der aktuellen Krise führt nach Ansicht von Bissinger bei vielen Unternehmen kein Weg an einer Sicherung der Liquidität und Stärkung der Bilanz vorbei.

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