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Staatsanleihen : Die politischen Risiken am Anleihemarkt nehmen zu

  • Aktualisiert am

Politiker wie Francois Hollande verunsichern die Börsianer Bild: dapd

Wer dachte, die EU-Schuldenkrise sei inzwischen unter Kontrolle, der sieht sich spätestens seit dem vergangenen Wochenende eines Besseren belehrt. Inzwischen sind selbst die EWU-Kernländer nicht mehr immun gegen den Schuldenkrisenstimmung.

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          Wer sich durch die im ersten Quartal wieder besseren Stimmung an den Finanzmärkten in Sicherheit wiegte und glaubte, die EU-Schuldenkrise sei nun unter Kontrolle, der hat spätestens seit dem vergangenen Wochenende Grund genug, um diese Haltung zu überdenken. Denn nachdem sich schon in den vergangenen Wochen die Risikobereitschaft unter den Marktteilnehmern wieder erhöht hatte, war zu Wochenbeginn sogar wieder so etwas wie Panik zu spüren. Nicht nur der Dax sackte am Montag deutlich ab, sondern auch die anderen europäischen Aktienmärkte gerieten unter erheblichen Druck. Und auch am Anleihemarkt wurde wieder die Sicherheit gesorgt, was in neuen Rekordtiefs bei den Renditen der deutschen Staatsanleihen führte.

          Verantwortlich für diese Entwicklung waren politische Ereignisse. So wurde der Sieg des sozialistischen Kandidaten Hollande bei der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen mit Skepsis gesehen, weil Hollande vermutlich für ein Aufweichen der bereits beschlossenen Sparprogramme steht. Geschürt wurde die Skepsis auch durch das Scheitern der niederländischen Minderheitsregierung von Premierminister Rutte, einen Haushalt aufzustellen, der dem EWU-Defizitziel von 3 Prozent entspricht.

          Kernländer zunehmend selbst in Gefahr

          Weder die Märkte noch die Ratingagenturen dürften darüber erfreut sein, dass die politischen Risiken zunehmend auf die europäischen Kernländer übergreifen, so die DZ Bank. Doch das vergangene Wochenende hat den Anlegern einmal mehr deutlich gezeigt, dass die Politik eine Schlüsselrolle in der EWU-Schuldenkrise spielt. Und auch in den kommenden Wochen dürften beträchtliche politische Risiken die Rentenmärkte des Euro-Raums überschatten, befürchten die Analysten Michael Leister und Andy Cossor. Zudem besteht nach ihrer Ansicht die Gefahr, dass es zu negativen Rückkopplungseffekten zwischen den Kern- und den Peripherieländern kommen wird. Denn wenn die erstgenannte Gruppe die Rettungsmaßnahmen bald satt haben sollte, dürften die Befürchtungen über die Zahlungsfähigkeit der letztgenannten Gruppe zunehmen.

          Und das könne dann in einem verstärkten Übergreifen der Zweifel in Bezug auf die Peripherieländer auf die Kernländer bewirken. An den Anleihemärkten habe sich das in Form von steigende Risikoaufschlägen gegenüber den deutschen Bundesanleihen bereits bemerkbar gemacht (siehe Grafiken). Die anhaltenden politischen Unsicherheiten in den Kern- und in den Peripherieländern der EWU haben nach dieser Lesart das Zeug dazu, die Märkte weiter nervös zu machen, was zu zusätzlichen Kursausschlägen führen könnte. Zumal gleichzeitig die Zweifel in Bezug auf die Tragbarkeit von Spaniens und Italiens Staatsverschuldung zunehmend auf die Kernländer durchschlagen könnten.

          Ewu-Kernländer nicht mehr immun gegen Schuldenkrisenstimmung

          Niederländischen Staatsanleihen besonders gefährdet

          Besonders in Mitleidenschaft gezogen werden könnten davon die niederländischen Staatsanleihen (kurz DSLs genannt), nachdem sie sich im Verlauf der Schuldenkrise bislang weitgehend immun gegenüber den Peripheriesorgen gezeigt hatten. Der politische Patt bis zu den nächsten Wahlen, die voraussichtlich im Herbst stattfinden werden, könnte den Druck auf das AAA-Rating der Niederlande erhöhen. Zuletzt ist der Renditeaufschlag der DSLs gegenüber den Bundesanleihen jedenfalls bereits wieder in Richtung der im März 2009 verzeichneten Höchstständen für die Zeit seit Beginn der EWU gestiegen (siehe Grafiken).

          Auseinanderbrechen der niederländischen Koalition lässt 10j.-DSL-Bundspreads nahezu auf den höchsten Stand seit Beginn der EWU steigen

          Das Auseinanderbrechen der Regierungskoalition in den Niederlanden zeigt nach Einschätzung von Leister und Cossor darüber hinaus, dass die Kernländer angesichts ihrer eigenen Haushaltsprobleme zunehmend genug von den Rettungsmaßnahmen haben. Sowohl Politikern als auch Wählern werde zunehmend klar, welchen Umfang und welche Dauer die Schuldenkrise habe, und sie dürften versuchen, ihre eigenen, innenpolitischen Interessen zu schützen. Insofern dürfte in den Kernländern die Bereitschaft schwinden, weitere Mittel für Rettungsprogramme bereitzustellen – insbesondere, wenn die jeweiligen Länder in einer Rezession stecken, so das Urteil.

          Prall gefüllter Wahlkalender spricht für anhaltende Nervosität

          Bei der DZ Bank geht man vor diesem Hintergrund auch weiterhin davon aus, dass die zunehmenden politischen Risiken zumindest kurzfristig zu einer weiteren Flucht in Qualitätswerte führen wird. Diese dürfte die deutschen Bundesanleihen stützen, wobei damit gerechnet wird, dass die Repatriierungsflüsse in die Bundesanleihen umfangreicher ausfallen dürften als die Abflüsse aus dem Euroraum. Dafür sprächen auch Schätzungen, nach denen lediglich 30 Prozent der gesamten ausstehenden europäischen Staatsanleihen außerhalb Europas gehalten werden, wobei Zentralbanken einen großen Teil dieses Engagements halten. Mit Blick auf die zehnjährigen Bund-Renditen wird diesen durchaus ein neuerlicher Test der jüngst aufgestellten Allzeittiefststände von 1,61 Prozent zugetraut.

          Grund sich Sorgen um die politische Stabilität in Europa zu machen, haben die Anleger in den kommenden Wochen jedenfalls genug. Denn auf dem Terminkalender sind einige richtungsweisende Urnengänge zu finden. So stehen neben der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen in Frankreich am 6. Mai auch Parlamentswahlen in Griechenland und Landtagswahlen in Schleswig-Holstein an. Hinzu kommt am 31. Mai das Referendum über den Fiskalpakt in Irland.

          Diese Wahltermine werden nach dem Urteil der DZ Bank Analysten von beträchtlicher Bedeutung für die EWU-Schuldenkrise sein. Zumal laut ihrer Einschätzung möglicherweise der Ruf nach Neuverhandlungen über den Fiskalpakt lauter werden könnten, wenn Sarkozy die Wahlen in Frankreich verlieren und in Athen eine instabile Koalition gebildet werden sollte.

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