https://www.faz.net/aktuell/finanzen/staatsanleihen-die-italiener-kaufen-die-schulden-ihres-staates-18117486.html

Finanzmarkt Italien : Die Italiener kaufen die Schulden ihres Staates

Inflationsbekämpfung? Seitens der EZB gibt es zu wenige Zinserhöhungsschritte. Bild: dpa

Die internationalen Anleger mögen skeptisch geworden sein, was italienische Staatsschulden angeht. Nicht aber die Italiener, die greifen zu.

          2 Min.

          Die internationale Finanzwelt mag wieder misstrauisch geworden sein, was die Staatsfinanzen Italiens und ihre Finanzierung angeht - die Italiener sind es weit weniger. Anfang der Woche begann die Ausgabe einer neuen Staatsanleihe mit einer Laufzeit von acht Jahren. Die Sparer unterzeichneten bei Postfilialen, Banken oder zuhause am Computer am ersten Tag 88.000 Kontrakte, wodurch der italienische Staat 3,4 Milliarden Euro einnahm. Der Trick dabei: Die Anleihe ist inflationsgeschützt. Der Staat bietet eine variable Rendite von 1,6 Prozent über die jeweilige Inflationsrate (zuletzt 6,8 Prozent) hinaus.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

          Zudem gibt es eine Treueprämie von 1 Prozent des investierten Kapitals, wenn die Anleihe über die gesamte Laufzeit gehalten wird. Bis diesen Mittwoch können die Privatanleger noch zugreifen. Am Donnerstag werden die Papiere den institutionellen Anlegern angeboten. Dann wird man einen Überblick über die gesamte Investitionsbereitschaft haben. Seit 2012 hat Italien durch sechzehn Emissionen solcher inflationsgeschützter Bonds mehr als 171 Milliarden Euro aufgenommen. Bei der letzten Ausgaberunde im Mai 2020 kamen gut 22 Milliarden Euro in die Kasse. „Der Inflationsschutz ist in diesen Zeiten natürlich sehr interessant“, sagte Angelo Drusiani, Finanzberater bei Edmond de Rothschild, in einem Interview.

          Italien hat die zweithöchsten Schulden im Euroraum nach Griechenland mit rund 150 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Den allergrößten Teil der Neuemissionen hat in den vergangenen zehn Jahren die Banca d’Italia im Auftrag der Europäischen Zentralbank (EZB) aufgekauft. Damit soll es nun zu Ende gehen, wie die EZB zusammen mit steigenden Zinsen angekündigt hat. Prompt befürchteten die Anleger, dass Italien für seine Staatsanleihen künftig nicht genügend Käufer auf dem freien Markt findet, und die Renditen schossen in die Höhe. Die EZB reagierte darauf mit einer Notsitzung und bekräftigte in mehreren öffentlichen Stellungnahmen, dass sie stark auseinanderfallende Zinsabstände im Euroraum nicht dulden werde. Das hat die Märkte - vorerst -  etwas beruhigt. Am Mittwoch liegt der Risikoaufschlag („spread“) der zehnjährigen Staatsanleihe gegenüber der entsprechenden Bundesanleihe bei weniger als 2,00 Prozentpunkten – rund 0,5 Punkte tiefer als vor einer Woche.

          Doch die Nervosität ist nicht verschwunden, zumal nicht klar ist, wie die EZB die „Fragmentierung“ im Euroraum bekämpfen will. Werden die Markteingriffe etwa mit der Bedingung von Strukturreformen verknüpft? Italien hat sich bisher mit Händen und Füßen dagegen gewehrt. Der Zuspruch zu populistischen Parteien von weit rechts bis weit links fußte auch auf dieser Ablehnung eines Diktats aus Brüssel oder Frankfurt. Damit berühren die Zweifel der Anleger die politischen Risiken Italiens. Was kommt, wenn die weitgehend parteilose Expertenregierung unter Ministerpräsident Mario Draghi nach den Parlamentswahlen im kommenden Frühjahr abtritt?

          In kurzfristiger Hinsicht blicken die Anleger auf die gesamtwirtschaftliche Lage. Die Regierung sowie internationale Institutionen wie der Internationale Währungsfonds und die OECD halten ein Wachstum von 2,5 bis 2,6 Prozent in diesem Jahr für möglich; das wäre deutlich mehr als etwa für Deutschland geschätzt wird. 2023 erwarten unabhängige Ökonomen allerdings einen spürbaren Rückgang der Wachstumsrate. Denn der Krieg in der Ukraine, die geplante Abwendung vom bisher noch sehr wichtigen Gas aus Russland und die Inflation hinterlassen ihre Spuren. Die Preissteigerung trägt freilich auch zum Schuldenabbau bei, indem sie die Schulden entwertet und das nominale BIP erhöht. Auch deshalb erwartet die Regierung, dass die staatliche Gesamtverschuldung in diesem Jahr von knapp 151 auf 147 Prozent zurückgeht. Zu berücksichtigen ist allerdings auch, dass die Regierung den Anlegern bei inflationsgeschützten Anleihen höhere Renditen zahlen muss.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Licht aus! Der Berliner Dom strahlt nicht mehr so hell wie zuvor.

          Energiekrise : Warum mangelt es an Erdgas?

          Egal wie man rechnet – Haushalte und Industrie müssen mehr Energie sparen. Forscher fordern deshalb noch höhere Gaspreise.
          Legt auch ihr Amt als RBB-Chefin nieder: Patricia Schlesinger

          Nach Schlesingers Rücktritt : Der RBB liegt in Trümmern

          Zuerst trat sie als ARD-Vorsitzende zurück, dann als Intendantin des RBB. Patricia Schlesinger hat die Reißleine gezogen. So vermeidet sie einen erzwungenen Abgang. Ihr Sender braucht einen Neuanfang, der sich gewaschen hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.