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Spezial Börse Griechenland : Die griechische Volkswirtschaft hat Stärken und Schwächen

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Als Konjunkturstütze erweisen sich neben der angesprungenen inländischen Konsum- und Kreditnachfrage die umfangreichen öffentlichen Großprojekte. So soll es bis zum Herbst 2006 nach Ankündigungen der zuständigen Ministerien zum Abschluß von Konzessionsverträgen für sieben Bauprojekte kommen, deren Volumen sich auf insgesamt rund zehn Milliarden Euro belaufen. Diese werden dabei helfen, daß sich nach der Delle (das Volumen der öffentlichen Investitionen sank im Jahr 2005 um rund 40 Prozent), die die Baubranche nach der Olympiade 2004 erlebte, auch in diesem Sektor nun wieder ein Aufschwung einstellt.

Die Inflation (im März zog die Jahresteuerungsrate leicht von 3,2 auf 3,3 Prozent an) sieht die Notenbank in diesem Jahr bei 3,3 Prozent, was gegenüber dem Vorjahreswert von 3,5 Prozent ein kleiner Rückgang wäre. Die Commerzbank geht für 2007 sogar von einem weiteren Nachgeben der Verbraucherpreise auf 3,0 Prozent aus.

Wie bei den Prognosen für andere Volkswirtschaften können starke Schwankungen beim Ölpreis aber natürlich auch diese Vorhersagen zunichte machen. So würden nach Berechnungen der Notenbank ein um zehn Dollar je Barrel steigender Ölpreis die Inflation in der Zweijahresperiode 2006 und 2007 um 0,3 Prozent erhöhen und das Wirtschaftswachstum um 0,15 Prozent drücken.

Weitere Reformen sind unabdingbar

Zum besseren Verständnis der wirtschaftlichen Ausgangslage in Griechenland sei abschließend noch erwähnt, daß das Pro-Kopf-Einkommen derzeit bei knapp 70 Prozent des EU-15-Durchschnitts liegt. Ansonsten ist, wie die deutsche Bundesagentur für Außenwirtschaft in einer Studie herausstellt, ein Wandel von einer ursprünglich stark landwirtschaftlich ausgerichteten Wirtschaft hin zu einer Handels- und Dienstleistungswirtschaft unverkennbar. Inzwischen erwirtschaftet der letztgenannte Bereich mehr als 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die wichtigsten Branchen sind dabei die Handelsschifffahrt und der Tourismus.

Trotz dieser strukturellen Veränderungen in die richtige Richtung wird das Land weitere Anstrengungen unternehmen müssen, damit das von 2000 bis 2005 hohe durchschnittliche jährliche Wirtschaftswachstum von 4,4 Prozent auch künftig Bestand haben wird. Ein noch längst nicht behobenes strukturelles Problem stellt dabei neben dem fiskalen Ungleichgewicht weiterhin die im internationalen Vergleich niedrige Wettbewerbsfähigkeit dar. Da man sich nicht ewig rein auf eine robuste Binnennachfrage wird verlassen können, muß es zu weiteren Reformen kommen und die Exporte angekurbelt werden. Die Pläne der Regierung, sich vom Staat gehaltene Aktien an Unternehmen wie der Emporiki Bank oder der Postsparkasse zu trennen, sind vor diesem Hintergrund ebenso zu begrüßen wie die inzwischen offenbar ernsthaft betriebene Reform des Energiesektors.

Weniger gut in die Landschaft paßt dagegen der Anfang April für die Jahre 2006 und 2007 nach einem großen Generalstreik neu ausgehandelte Tarifvertrag, der eine Erhöhung der Löhne und Gehälter in drei Stufen um insgesamt 10,9 Prozent vorsieht. Zum Vergleich: Zu Beginn der Verhandlungen hatten die Arbeitgeber lediglich 2,8 Prozent geboten. Der letztlich erzielte Kompromiß dürfte weder dabei helfen, die vergleichsweise geringen ausländischer Direktinvestitionen anzukurbeln, noch die etwas über dem EU-Durchschnitt liegende Arbeitslosenrate von 9,7 Prozent zu drücken.

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