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Spektakulärer „Flash-Crash“ : Der Mann, der die Wall Street in die Knie zwang

London, Stadtteil Hounslow: Von hier aus soll der Börsenhändler Navinder Singh Sarao seine dubiosen Geschäfte betrieben haben. Bild: Reuters

Als in New York in wenigen Minuten die Kurse abstürzten, dachte man an einen bösen Algorithmus. In Wirklichkeit war ein Nerd aus einem Vorort Londons schuld.

          Vergangene Woche erschien er in einer alten Jogginghose und einem gelben Sweatshirt im Gerichtssaal in London. Er fährt keinen Ferrari, sondern benutzt den alten grünen Astra seiner Eltern. Und er lebt auch in keiner mondänen Villa, sondern in einer typisch englischen Doppelhaushälfte im kleinbürgerlichen Stadtteil Hounslow im Westen Londons, mitten in der wenig beliebten Einflugschneise des Flughafens Heathrow.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der 36 Jahre alte Navinder Singh Sarao entspricht so gar nicht dem Klischee, das man von den ausgebufften Zockern hat, die mit ihren blitzschnellen Handelsgeschäften an der Börse Millionen machen und die Bestsellerautor Michael Lewis in seinem vielbeachteten Buch „Flash Boys“ getauft hat. Und doch ist er genau das. Sarao ist ein „lone trader“, ein allein arbeitender Wertpapierhändler, der per Computer an der Chicagoer Wertpapierbörse spekuliert hat. Und seit neuestem ist er der Hauptverdächtige der amerikanischen Aufsichtsbehörden in der Untersuchung eines spektakulären Börsen-Absturzes, der vor fünf Jahren passierte: des sogenannten „Flash Crash“ am 6. Mai 2010.

          Unheimliche Minuten an den Börsen

          Damals waren die Börsen, aus zunächst unerfindlichen Gründen, in kürzester Zeit abgestürzt. Der amerikanische Aktienindex Dow Jones verlor innerhalb von Minuten rund sechs Prozent. Das ist in der Geschichte des Börsenhandels ein außerordentlich hoher Prozentsatz. Hunderte von Aktien büßten kurze Zeit gewaltig an Wert ein, bevor sie sich ähnlich schnell wieder erholten. Ein unheimlicher Vorgang, der die Welt in Atem hielt.

          Börsianer und Aufsichtsbehörden waren über die Gründe zunächst ziemlich ratlos. In einem mehr als hundertseitigen ersten Bericht der Aufsichtsbehörden hieß es nach einem halben Jahr, die Ursache sei wohl eine Kettenreaktion der Finanzmärkte gewesen - ausgelöst von der Handelssoftware eines großen Finanzhauses.

          Diese Einschätzung war damals folgenschwer: Es ging um viel mehr als das Auf und Ab an den Börsen. Der unkontrollierbare Algorithmus wurde zum Symbol einer neuen, riskanten Welt, in der hochautomatisierte, blitzschnelle Finanzmärkte durch kleinste Fehler in der Computerprogrammierung die Menschheit in schwere Krisen stürzen können. Die alten Ängste, dass die Maschinen eines Tages ihren Charakter als Instrument des Menschen (als „Gestell“, wie der Philosoph Martin Heidegger es formuliert) verlieren und ein unkontrollierbares Eigenleben aufnehmen könnten, kamen in einer neuen Spielart wieder auf.

          Sarao wird für den Crash mitverantwortlich gemacht

          Jetzt haben die amerikanischen Behörden also einen neuen Schuldigen, einen Einzeltäter, einen „lone trader“, einen handelnden Menschen. Er ist der Einzige, den sie für den „Flash Crash“ belangen wollen. Er sei „zumindest mitverantwortlich für das Ungleichgewicht auf den Märkten, das wiederum ein Auslöser für den Flash Crash war“, so der Befund. Der Algorithmus ist zwar nicht aus dem Schneider. Computer haben verstärkend am Flash Crash mitgewirkt, und auch Sarao hat mit einem Algorithmus gearbeitet. Und doch ist es wieder der Mensch, der die treibende Kraft ist, weil, wie es in Sophokles „Antigone“ heißt, ihn sein Wissen, ihm über Verhoffen zuteil, bald zum Guten und bald zum Bösen treibt.

          Was aber hat Navinder Singh Sarao denn nun eigentlich genau gemacht? Oder ist er nur ein Bauernopfer, das die amerikanischen Behörden ausgewählt haben, um mit ihrer Ermittlungsarbeit nicht ganz erfolglos dazustehen und zugleich die Großen der Finanzbranche zu schonen?

          Die Geschäfte des Händlers aus dem Londoner Doppelhaus ähneln etwas dem, was einige sogenannte Hochfrequenzhändler an den wichtigsten Börsenplätzen der Welt machen. Sie verschaffen sich durch das schnelle Einstellen und Zurückziehen von Aufträgen an der Börse, also durch eine Art von Scheingeschäften, Vorteile gegenüber anderen Marktteilnehmern. Allerdings gibt es offenbar zwei entscheidende Unterschiede: Die Hochfrequenzhändler erreichen ihren winzigen Wettbewerbsvorteil in der Regel durch modernste Technik, und durch eine möglichst schnelle Verbindung zum Zentralrechner der nächsten Börse. In Amerika wurden eigens neue Glasfaserkabel durch die Berge verlegt, damit Händler etwas schneller waren. Und bei vielen Börsen der Welt stellten Hochfrequenzhändler ihre Computer in benachbarte Räumlichkeiten zur Börse, um selbst den Weg der Nachrichten durch Kabel mit nahezu Lichtgeschwindigkeit so kurz wie möglich zu halten. Dafür arbeiten die Hochfrequenzhändler zwar manchmal möglicherweise am Rande der Legalität, ihre Methoden sind grundsätzlich aber nicht strafbar.

          Beim „lone trader“ Navinder Singh Sarao wurde der Verzicht auf gewaltige, kapitalbedürftige Investitionen in die Technik (er arbeitete mit einer leicht modifizierten handelsüblichen Software) offenbar durch den Einsatz illegaler Praktiken ausgeglichen.

          Dank „Spoofing“ fast eine Million Dollar am Tag kassiert

          Was er möglicherweise an jenem 6. Mai 2010 machte, nennen die Börsianer „Spoofing“. Und es funktioniert ungefähr so: Der tricksende Händler bietet am Terminmarkt, auf dem Verträge für künftige Geschäfte gehandelt werden, eine sehr große Zahl von Verträgen zum Kauf an, und zwar leicht unter dem Ausgangskurs am Markt. Das drückt den Kurs. Andere Marktteilnehmer reagieren darauf, oft per Computer, wie auf eine Verkaufswelle und bieten selbst Verträge zu niedrigeren Preisen an. Nun zieht der tricksende Händler sein Angebot in Windeseile zurück oder erhöht sehr schnell die Preise, so dass keiner auf das Angebot eingeht. Er selbst kauft eine kleinere Menge von Verträgen am Markt unter dem Ausgangskurs und wartet, bis der manipulierte Kurs wieder auf sein altes Niveau zurückkehrt, zu dem er dann mit einer kleinen Gewinnspanne verkauft.

          Das Ganze scheint der junge Mann aus dem Londoner Westen sehr erfolgreich gemacht zu haben, und bewegte den Markt dabei wohl auch deshalb, weil er ein relativ kleines Teilsegment des Terminmarktes benutzte, auf dem man anscheinend auch ohne ein weltweites Handelshaus im Rücken die Kurse beeinflussen kann.Immerhin soll er es geschafft haben, so berichtet die „Financial Times“ unter Berufung auf die Aufsichtsbehörden, innerhalb von vier Jahren den stolzen Betrag von mindestens 40 Millionen Dollar zu kassieren. Allein am Tag des Flash Crash soll er rund 880 000 Dollar verdient haben - danach aber soll die von ihm ausgelöste Verkaufswelle nicht mehr zu stoppen gewesen sein.

          Die Aufsichtsbehörden sollen schon vor dem Flash Crash auf den jungen Mann aufmerksam geworden sein: Sie haben ihn immerhin dreimal verwarnt. Es ist aber überliefert, er habe seinem Broker gegenüber geprahlt, die Behörden könnten ihn mal („kiss my ass“). Jetzt droht ihm eine Anklage in Amerika wegen „wire fraud“, also wegen des Betrugs auf dem Wege der Telekommunikation. Die Amerikaner wollen, dass die Briten ihn nach Illinois ausliefern, und haben ein entsprechendes Gesuch bereits gestellt. In Großbritannien wurde deshalb eine Kaution in Höhe von immerhin 5,05 Millionen Pfund gegen ihn verhängt.

          Zweifel an Einzeltäter-Theorie

          Jetzt befindet sich der junge Mann in einer ungewöhnlichen Situation: Offenbar wäre es jetzt für ihn von Vorteil, wenn er in Großbritannien verurteilt würde, wo bislang relativ wenig gegen ihn vorliegt, und nicht nach Amerika ausgeliefert würde, wo ihn wohl eine deutlich härtere Strafe erwarten würde. Dazu müsste er vermutlich ein bisschen in London aussagen, aber wohl auch nicht zu viel, da er sich nach einer Ablehnung des Auslieferungsgesuchs ja auch in Großbritannien wieder gegen die Vorwürfe wird verteidigen müssen.

          An den Börsen und in der Wissenschaft wird derweil darüber diskutiert, ob Sarao wirklich der „Franz Ferdinand“ des Flash Crash gewesen sein kann: Das war der österreichische Thronfolger, dessen Ermordung 1914 den Ersten Weltkrieg ausgelöst hat. Wie damals die hochgerüsteten europäischen Mächte geradezu sehnlichst auf einen Anlass für einen Krieg zu warten schienen, so sollen die technisch hochgerüsteten Finanzmärkte heute in den Augen vieler Kritiker sehr anfällig für einen Crash sein.

          Der MIT-Professor Andrei Kirilenko, einer der Autoren des ursprünglichen Berichts zum Flash Crash, äußerte in einem Interview in Amerika deutliche Kritik an der neuen Einzeltäter-Theorie, der vor allem das amerikanische Justizministerium anhängt. Sein Hauptargument: Saraos Rechner hätten an jenem 6. Mai 2010 alle Orders gestoppt - und zwar zwei Minuten, bevor der Flash Crash überhaupt losging. Das zeigt: Es ist wohl noch einiges zu klären.

          Die Tricks des Börsenbetrügers

          1. Wie geht „Spoofing“ (Börsenausdruck für Manipulation, Verschleierung, Vortäuschen)? Ausgangspunkt: Der Händler, der den Terminmarkt manipulieren will, bietet eine große Zahl von Terminkontrakten (Verträge über künftige Wertpapiergeschäfte) an. Er verlangt dafür einen Preis leicht unter dem derzeitigen Marktpreis.

          2. Der Kurs fällt. Das führt dazu, dass andere Marktteilnehmer über ihre Computer gleichfalls Terminkontrakte zum Verkauf anbieten - wie eine Reaktion auf eine Verkaufswelle.

          3. Der tricksende Händler zieht nun seine Angebote schnell zurück oder erhöht den Preis, so dass seine Geschäfte nicht ausgeführt werden.

          4. Parallel kauft der tricksende Händler einen Teil der Terminkontrakte der anderen zu dem künstlich nach unten manipulierten Kurs auf.

          5. Nun kann er warten, bis der Kurs sich wieder in Richtung altes Niveau bewegt - was wahrscheinlich ist, weil seine eigene große Verkaufsorder ja nur Bluff war.

          6. Wenn der Kurs gestiegen ist, verkauft der Händler die Terminkontrakte, die er zum günstigen Kurs erworben hatte, mit einer kleinen Gewinnspanne weiter. Das Ganze wiederholt er, bis durch das große Volumen aus der kleinen Gewinnspanne ein großer Gewinn wird.

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