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Spektakulärer „Flash-Crash“ : Der Mann, der die Wall Street in die Knie zwang

Beim „lone trader“ Navinder Singh Sarao wurde der Verzicht auf gewaltige, kapitalbedürftige Investitionen in die Technik (er arbeitete mit einer leicht modifizierten handelsüblichen Software) offenbar durch den Einsatz illegaler Praktiken ausgeglichen.

Dank „Spoofing“ fast eine Million Dollar am Tag kassiert

Was er möglicherweise an jenem 6. Mai 2010 machte, nennen die Börsianer „Spoofing“. Und es funktioniert ungefähr so: Der tricksende Händler bietet am Terminmarkt, auf dem Verträge für künftige Geschäfte gehandelt werden, eine sehr große Zahl von Verträgen zum Kauf an, und zwar leicht unter dem Ausgangskurs am Markt. Das drückt den Kurs. Andere Marktteilnehmer reagieren darauf, oft per Computer, wie auf eine Verkaufswelle und bieten selbst Verträge zu niedrigeren Preisen an. Nun zieht der tricksende Händler sein Angebot in Windeseile zurück oder erhöht sehr schnell die Preise, so dass keiner auf das Angebot eingeht. Er selbst kauft eine kleinere Menge von Verträgen am Markt unter dem Ausgangskurs und wartet, bis der manipulierte Kurs wieder auf sein altes Niveau zurückkehrt, zu dem er dann mit einer kleinen Gewinnspanne verkauft.

Das Ganze scheint der junge Mann aus dem Londoner Westen sehr erfolgreich gemacht zu haben, und bewegte den Markt dabei wohl auch deshalb, weil er ein relativ kleines Teilsegment des Terminmarktes benutzte, auf dem man anscheinend auch ohne ein weltweites Handelshaus im Rücken die Kurse beeinflussen kann.Immerhin soll er es geschafft haben, so berichtet die „Financial Times“ unter Berufung auf die Aufsichtsbehörden, innerhalb von vier Jahren den stolzen Betrag von mindestens 40 Millionen Dollar zu kassieren. Allein am Tag des Flash Crash soll er rund 880 000 Dollar verdient haben - danach aber soll die von ihm ausgelöste Verkaufswelle nicht mehr zu stoppen gewesen sein.

Die Aufsichtsbehörden sollen schon vor dem Flash Crash auf den jungen Mann aufmerksam geworden sein: Sie haben ihn immerhin dreimal verwarnt. Es ist aber überliefert, er habe seinem Broker gegenüber geprahlt, die Behörden könnten ihn mal („kiss my ass“). Jetzt droht ihm eine Anklage in Amerika wegen „wire fraud“, also wegen des Betrugs auf dem Wege der Telekommunikation. Die Amerikaner wollen, dass die Briten ihn nach Illinois ausliefern, und haben ein entsprechendes Gesuch bereits gestellt. In Großbritannien wurde deshalb eine Kaution in Höhe von immerhin 5,05 Millionen Pfund gegen ihn verhängt.

Zweifel an Einzeltäter-Theorie

Jetzt befindet sich der junge Mann in einer ungewöhnlichen Situation: Offenbar wäre es jetzt für ihn von Vorteil, wenn er in Großbritannien verurteilt würde, wo bislang relativ wenig gegen ihn vorliegt, und nicht nach Amerika ausgeliefert würde, wo ihn wohl eine deutlich härtere Strafe erwarten würde. Dazu müsste er vermutlich ein bisschen in London aussagen, aber wohl auch nicht zu viel, da er sich nach einer Ablehnung des Auslieferungsgesuchs ja auch in Großbritannien wieder gegen die Vorwürfe wird verteidigen müssen.

An den Börsen und in der Wissenschaft wird derweil darüber diskutiert, ob Sarao wirklich der „Franz Ferdinand“ des Flash Crash gewesen sein kann: Das war der österreichische Thronfolger, dessen Ermordung 1914 den Ersten Weltkrieg ausgelöst hat. Wie damals die hochgerüsteten europäischen Mächte geradezu sehnlichst auf einen Anlass für einen Krieg zu warten schienen, so sollen die technisch hochgerüsteten Finanzmärkte heute in den Augen vieler Kritiker sehr anfällig für einen Crash sein.

Der MIT-Professor Andrei Kirilenko, einer der Autoren des ursprünglichen Berichts zum Flash Crash, äußerte in einem Interview in Amerika deutliche Kritik an der neuen Einzeltäter-Theorie, der vor allem das amerikanische Justizministerium anhängt. Sein Hauptargument: Saraos Rechner hätten an jenem 6. Mai 2010 alle Orders gestoppt - und zwar zwei Minuten, bevor der Flash Crash überhaupt losging. Das zeigt: Es ist wohl noch einiges zu klären.

Die Tricks des Börsenbetrügers

1. Wie geht „Spoofing“ (Börsenausdruck für Manipulation, Verschleierung, Vortäuschen)? Ausgangspunkt: Der Händler, der den Terminmarkt manipulieren will, bietet eine große Zahl von Terminkontrakten (Verträge über künftige Wertpapiergeschäfte) an. Er verlangt dafür einen Preis leicht unter dem derzeitigen Marktpreis.

2. Der Kurs fällt. Das führt dazu, dass andere Marktteilnehmer über ihre Computer gleichfalls Terminkontrakte zum Verkauf anbieten - wie eine Reaktion auf eine Verkaufswelle.

3. Der tricksende Händler zieht nun seine Angebote schnell zurück oder erhöht den Preis, so dass seine Geschäfte nicht ausgeführt werden.

4. Parallel kauft der tricksende Händler einen Teil der Terminkontrakte der anderen zu dem künstlich nach unten manipulierten Kurs auf.

5. Nun kann er warten, bis der Kurs sich wieder in Richtung altes Niveau bewegt - was wahrscheinlich ist, weil seine eigene große Verkaufsorder ja nur Bluff war.

6. Wenn der Kurs gestiegen ist, verkauft der Händler die Terminkontrakte, die er zum günstigen Kurs erworben hatte, mit einer kleinen Gewinnspanne weiter. Das Ganze wiederholt er, bis durch das große Volumen aus der kleinen Gewinnspanne ein großer Gewinn wird.

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