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Geldpolitik : Die Zinsen werden lange niedrig blieben

  • -Aktualisiert am

Sparkassenkunden: 60 Prozent sind am Monatsende auf null. Bild: Kerstin Papon

Der Negativzins kostet die Sparkassen eine halbe Milliarde Euro im Jahr. Doch es herrscht politischer Unwille, daran etwas zu ändern, so Gerhard Grandke, Präsident des Verbandes Hessen-Thüringen.

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          Die Zinsen werden noch lange niedrig bleiben. Davon ist Gerhard Grandke, Geschäftsführender Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Thüringen, überzeugt. Nach seiner Einschätzung habe kein Staat ein Interesse an steigenden Zinsen. Dann wären alle ausgeglichenen Haushalte („schwarze Null“), alle Ziele der Staatsverschuldung und alle mittelfristigen Finanzprognosen nicht mehr haltbar, sagte Grandke vor dem Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten in Weimar.

          Für die Sparkassen bedeutet die Niedrigzinsphase Druck auf die Erträge. Der Zinsüberschuss geht zurück. Allein, dass die deutschen Sparkassen den Negativzins der Europäischen Zentralbank nicht an die Sparer weitergeben, kostet sie einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag im Jahr. Grandke versicherte aber, dass zumindest die Sparkassen in Hessen und Thüringen so lange wie möglich auf Negativzinsen für ihre Kunden verzichten wollen. Viele Kunden könnten das gar nicht tragen. „60 Prozent der Sparkassen-Kunden sind schon heute am Monatsende auf ihrem Konto bei null.“ Weitere gut zehn Prozent hätten am Monatsende weniger als 100 Euro übrig. Bisher zeigten die Sparkassenkunden im Gegenzug eine hohe Treue zu ihrem Institut. Obwohl es kaum Zinsen gibt, ist das Einlagengeschäft stabil.

          Bei täglich fälligen Einlagen verzeichnet der Verband sogar ein Plus von 1,4 Prozent im ersten Halbjahr 2016. Für Grandke kommt darin zweierlei zum Ausdruck. Zum einen das hohe Vertrauen, dass das Geld bei Sparkassen zumindest sicher ist. Zum Zweiten zeigten die Sparkassenkunden eine hohe Immunität gegen Lockvogelangebote von angeblich kostenlosen Serviceleistungen bis hin zu relativ hoch verzinslichen Mittelstandsanleihen. Auch im Angesicht niedriger Zinsen bleibe Sparen eine Tugend, die man mit der Beibehaltung des Weltspartages weiterhin fördern wolle.

          Dynamisches Kreditgeschäft

          Das Kreditgeschäft der Sparkassen zeigt sich dynamisch in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres, wenngleich vor allem die Zusagen (für künftige Kredite) an die gewerbliche Wirtschaft zurückgehen. Eindeutig verbessert hat sich auch wieder die Lage am Immobilienmarkt. Dort hatte das Inkrafttreten der europäischen Wohnimmobilienkreditrichtlinie Ende März zu einem jähen Einbruch der Immobiliendarlehen geführt. Die neue Richtlinie fordert, dass Banken nicht nur darauf achten, dass für den ausgelegten Kredit ein Gegenwert (in der Regel die beliehene Immobilie) vorhanden ist. Die Bank muss heute vor allem prüfen, ob der Kreditnehmer auch langfristig in der Lage sein wird, seine Verpflichtungen (Zins und Amortisation) zu leisten. Das führt nach Grandkes Worten zu viel mehr Bürokratie und prophetischer Kunst. Es führe dazu, das beispielsweise Kunden mit befristeten Arbeitsverträgen schwerer einen Kredit bekommen, weil deren Zukunft unsicher ist. Das trifft auf Zeitarbeitsverträge zu, aber auch auf Politiker, die für eine Legislaturperiode gewählt seien. Ebenso hätten es Rentner heute schwerer, einen Kredit zu bekommen, wenn sie ihr Häuschen energetisch sanieren wollten. Der Einbruch im Immobilienkreditgeschäft im April sei aber überwunden. Die Sparkassen hätten mit der Richtlinie zu leben gelernt, und die Ausleihungen lägen wieder auf Vorjahresniveau.

          Für Grandke ist die Wohnimmobilienkreditrichtlinie ein weiteres Beispiel dafür, dass die kleinen Institute für Taten der Großbanken bestraft werden. Dabei zeige sich, dass die Sparkassen viel gesünder seien als viele Großbanken. Die Kernkapitalquote der hessisch-thüringischen Sparkassen liege zwischen 11 und 28 Prozent, im Durchschnitt bei soliden 18,4 Prozent. Einen Grund, künftige Gewinne eher an die Anteilseigner (Kommunen) auszuschütten, sieht Grandke aber nicht. Angesichts des Streits der Stadt Düsseldorf mit ihrer Sparkasse über Gewinnausschüttungen stärkte er die Sparkassenvorstände, das Geld in die Kapitalausstattung zu stecken. „Dauerniedrigzinsphase, Digitalisierung und regulatorische Vorschriften drücken auf den Ertrag. Wir müssen stark sein, um weitere Ertragstäler zu durchschreiten. Das Fazit kann daher nur lauten: Thesaurieren, thesauriren, thesaurieren“, sagte Grandke. Andere Forderungen passten nicht in die Zeit.

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