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Ruin einer Sparkasse (Teil 2) : Kredite unter Freunden

  • -Aktualisiert am

Dinslaken: Stadt mit Herz, aber einer notleidenden Sparkasse Bild: dpa

Verschwenderisches Wirtschaften hat die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe an den Rand der Pleite gebracht. Doch auch das Gekungel mit der Politik vor Ort war dafür maßgeblich. Des Dramas zweiter Teil.

          Lokalpolitiker brauchen Sparkassen, um Vorhaben zu finanzieren, die ihnen selbst wichtig sind. Gleichzeitig sollen sie die Arbeit der Sparkasse kontrollieren. Wie soll das funktionieren? Das Beispiel der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe macht deutlich, dass auch der Dinslakener Bürgermeister Michael Heidinger eine Mitschuld am beschleunigten Niedergang der Sparkasse hat.

          Heidingers breites Lächeln kennt in Dinslaken jeder, er präsentiert es in Sportklamotten, wenn er jedes Jahr beim „City-Lauf“ durch Dinslaken joggt. Heidinger trat mit 23 Jahren in die SPD ein, arbeitete zunächst in unterschiedlichen Arbeitsämtern und war dann im nordrhein-westfälischen Landtag Referent für Arbeit, Gesundheit und Soziales. Erst mit 41 Jahren begann er sich in Dinslaken zu engagieren, wurde aber schon 2009, eine Wahlperiode später, zum Bürgermeister gewählt. Mittlerweile ist er in seiner zweiten Amtszeit. Er gilt als bürgernah, kennt alle und jeden in Dinslaken. Und ist in den Aufsichtsgremien von insgesamt 39 Organisationen vertreten.

          „Ohne Sparkasse ist die Zukunft des Mittelstands gefährdet“

          In seiner Amtszeit hat Heidinger etliche Bauprojekte vorangetrieben - obwohl die Stadtkasse eigentlich leer ist. 2014 eröffnete Heidinger ein neues Einkaufszentrum. Als nächstes möchte er den Bahnhof der Stadt neu gestalten. In Gesprächen sagt er immer wieder, wie wichtig Investitionen für eine zukünftige Stadtentwicklung sind.

          „Wir müssen die zugegeben sehr engen Spielräume nutzen, daher setzen wir auf Investitionen in die Infrastruktur”, sagte Heidinger etwa dem regionalen Blog Lokalkompass. Und per Pressemitteilung teilte er mit: „Ohne Sparkassen wäre die wirtschaftliche Zukunft auch unseres Dinslakener Mittelstands akut gefährdet.”

          Schon 2006 war Heidinger Mitglied im Verwaltungsrat der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe, der deren Arbeit beaufsichtigt. Ab 2009, dem Jahr, in dem er zum Bürgermeister gewählt wurde, leitete er bis zum September 2014 den Risikoausschuss. Er nehme aber weiter „mit beratender Stimme an den Sitzungen des Risikoausschusses teil”, schreibt die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe auf eine Anfrage von CORRECT!V. Aufgabe des Gremiums ist es, Kredite ab einer bestimmten Höhe abzusegnen.

          Mit anderen Worten: Über Jahre hatte einer der wichtigsten Kontrolleure der Sparkasse ein vitales Interesse daran, dass möglichst viele Kredite vergeben werden. Noch anders gefragt: Hat Heidinger im Interesse der Sparkasse gesprochen oder in seiner Rolle als Bürgermeister? Heidinger gibt CORRECT!V darauf keine Antwort und lässt eine schriftliche Anfrage mit mehreren Fragen unbeantwortet.

          Kredite für Jedermann

          Fest steht: Es ist einiges schief gelaufen in Dinslaken, angesichts der hohen Zahl ausfallgefährdeter Kredite wurden offenbar zu viele Darlehen nachlässig vergeben. Jeder zehnte Kredit an den privaten Sektor ist notleidend. Das gilt besonders für Unternehmenskredite. Rund 15 Prozent der Darlehen an Unternehmen und Selbstständige sind nicht zur vereinbarten Zeit zurückgezahlt worden.

          „Die Quote ist niederschmetternd”, sagt Hans-Joachim Dübel. Als Finanzexperte berät er Banken und Aufsichtsbehörden und hat zahlreiche Krisenbanken in Europa analysiert. „Die Bundesbank gibt systemweit für 2013 eine Quote von 2,6 Prozent für notleidende Kredite an.“ Dübel hält eine Ausfallrate von über 5 Prozent bei Unternehmenskredite für „problematisch”.

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          Was lief in den Kontrollgremien der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe schief? Haben Heidinger und seine Kollegen die Augen zugedrückt, um die Wirtschaft zu fördern? Die Sparkasse hat in Dinslaken jedenfalls einen gewissen Ruf. „Wer nicht schnell genug an der Sparkasse vorbeiläuft, bekomme einen Kredit aufgedrückt.”, heißt es. Oder: „Wenn Du nirgendwo einen Kredit bekommst, gehst Du zur Sparkasse.“

          Im Verwaltungsrat der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe sitzen wie in allen 414 deutschen Sparkassen hauptsächlich Lokalpolitiker. In diesem Fall unter anderem zwei Rentner, ein Sozialarbeiter, ein Elektroniker und ein Arzt. Dazu kommen einige Angestellte der Sparkasse. Dieses illustre Gremium soll die Arbeit des Vorstands überwachen. Dazu trifft es sich viermal im Jahr. Wenn die Sparkasse ein Gebäude bauen möchte, müssen sie zustimmen. Wenn die Sparkasse eine Filiale schließen möchte, hat der Verwaltungsrat das letzte Wort. Am Ende eines Jahres schaut er sich den Geschäftsbericht an. Die Frage muss erlaubt sind – sind sie dazu befähigt?

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