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Soziale Netzwerke : Was ist so toll an Snapchat?

Aktive Gemeinde: Über 150 Million Menschen nutzen Snapchat täglich. Bild: AFP

Snapchat ist ein großer und schriller Spaß. Junge Leute nutzen das soziale Netzwerk, um einander lustige Fotos zuzuschicken. Jetzt will Snapchat an die Börse.

          5 Min.

          Ein Gespenst geht um auf der Welt – das Gespenst von Snapchat. Es spukt seit einigen Jahren in den Köpfen vor allem junger Leute herum, die sich die App mit dem weißen Gespenst auf gelbem Grund auf ihr Smartphone laden und sich darüber witzige Bilder und animierte Videos zuschicken. Inzwischen sind aber auch Investmentbanker und Anleger vom Geist dieses sozialen Netzwerks erfasst. Denn Snap, wie das Unternehmen hinter dem sozialen Netzwerk Snapchat heißt, drängt es mit aller Macht an die Börse.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Voraussichtlich im März soll es so weit sein, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, die Aufregung an der Wall Street ist immens. Schließlich steht der größte und spektakulärste Börsengang seit September 2014 bevor, als der chinesische Internetkonzern Alibaba erstmals notiert und damit 168 Milliarden Dollar wert wurde. Dazu kommt, dass sich in den vergangenen Jahren überhaupt nur wenige amerikanische Unternehmen an die Börse getraut haben. Von den Technologiefirmen waren es 2016 laut dem Analysehaus Dealogic sogar so wenige wie seit 2009 nicht mehr: gerade einmal 26. Alle zusammen sammelten sie 4,3 Milliarden Dollar ein und damit ungefähr so viel, wie Snap demnächst allein anstrebt. Unter den Finanzexperten ist deshalb von einer bevorstehenden „Eisbrecher-Transaktion“ die Rede. Das heißt: Im Fahrwasser von Snapchat könnten sich andere Tech-Firmen trauen, an die Börse zu gehen.

          In der frohen Erwartung des großen Börsengangs drängt sich die Frage auf, ob Snapchat seine Erfolgsstory der vergangenen fünf Jahre fortschreiben kann oder ob das bisher starke Wachstum gebremst wird, weil die Smartphone-App vornehmlich von der jungen Generation genutzt wird und bei älteren Jahrgängen weniger ankommt. Anders ausgedrückt: Schafft es Snapchat, den Weg einzuschlagen wie Facebook, das für 1,18 Milliarden Nutzer – also einem Sechstel der Weltbevölkerung – zum Alltag gehört? Oder erleidet es ein Schicksal wie der Kurznachrichtendienst Twitter, der über die etwa 140 Millionen täglichen Nutzer hinaus kaum noch neue Personen hinzugewinnt und dessen Aktie rund ein Drittel weniger wert ist als beim Börsengang 2013?

          Enorm viel Geld für eine App

          Die Botschaft, die Snap und sein 26 Jahre alter Gründer und Chef Evan Spiegel seit Wochen an mögliche Investoren verbreiten, ist eindeutig: Man orientiere sich nur an den Größten und Erfolgreichsten wie Apple und Facebook. 25 Milliarden Euro, womöglich sogar deutlich mehr, soll Snapchat nach dem Börsengang wert sein. Nach den jüngsten Finanzierungsrunden ist die Firma bisher 18 Milliarden Dollar schwer. Das ist enorm viel Geld für eine App, die ganz auf den flüchtigen Moment setzt und von der nicht sicher ist, wie nachhaltig sie Jugendliche und junge Erwachsene begeistert.

          150 Millionen tägliche Nutzer hat Snapchat, davon 50 Millionen in Europa. Damit ist die App zwar noch ein gutes Stück von den Internetfirmen Facebook, Youtube und Whatsapp entfernt, auf die jeweils mehr als eine Milliarde Menschen zugreifen. Doch die Snapchat-Gemeinde ist aktiv. Im Schnitt verbringt jeder 25 Minuten am Tag damit, sich mit der Smartphone-Kamera zu fotografieren oder zu filmen und die Bilder dann auf vielfältige Weise zu bearbeiten.

          Mit nur wenigen Fingerbewegungen auf dem Display kann man Bilder mit witzigen Bemerkungen versehen, auf ihnen herummalen oder bestimmte Details hervorheben. Zu den beliebtesten Anwendungen gehören die Filter, mit denen Nutzer ein Selbstporträt verfremden können. So ist es ein Leichtes, eine Clownsmaske, ein Engelsgesicht oder eine Hundeschnauze auf das eigene Gesicht zu projizieren oder auf Kurzvideos seine Stimme zu verzerren. Diese Kamerafilter tauscht Snapchat beständig aus, damit den Nutzern nicht langweilig wird und sie unaufhörlich neue Animationen an ihren Freundeskreis versenden. Inzwischen sehen sich die Nutzer Tag für Tag rund zehn Milliarden Kurzvideos an, das sind dreieinhalbmal mehr als vor Jahresfrist.

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