https://www.faz.net/-gv6-9vp2o

Crowdfunding : Sono Motors finanziert sich über den Schwarm

Jona Christians, Navina Pernsteiner und Laurin Hahn (v.l.), die Gründer von Sono Motors, mit einem Prototypen des Sion Bild: Sono Motors

Der Hersteller von Solarautos hat schlechte Erfahrungen mit Finanzinvestoren gemacht. Einen großen Teil der Finanzmittel besorgt sich das Unternehmen daher von seinen Kunden.

          3 Min.

          Start-ups finanzieren sich üblicherweise über Venture-Capital-Fonds, die sich an dem Unternehmen beteiligen und im Gegenzug Geld in das Unternehmen stecken. Ganz ähnlich wollten auch Laurin Hahn und Jona Christians ihr Elektroauto-Start-up Sono Motors weiter finanzieren. Schließlich gibt es wenige Produkte, die ähnlich teuer und herausfordernd sind in der Entwicklung und Produktion wie ein Auto. Das Modell von Sono Motors heißt Sion und soll Solarzellen auf dem Dach und an der Seite haben und darauf angelegt sein, dass die Eigentümer das Auto ständig mit anderen teilen, damit es weniger herumsteht.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch die Finanzierung ging schief und dem Unternehmen das Geld aus (F.A.Z. vom 2. Dezember 2019). Gründer Hahn argumentierte, ihre Ziele stünden „in völligem Widerspruch zu denen klassischer Finanzinvestoren“. Man sei nicht auf „aggressives Wachstum und schnelle Profite“ aus. Deshalb startete das Unternehmen Anfang Dezember eine sogenannte Crowdfunding-Kampagne. Das heißt, dass viele Privatpersonen oder zukünftige Kunden zusagen, Geld in das Unternehmen zu stecken und im Gegenzug Produkte zu erhalten oder Anteile am Unternehmen. Wenn die Summe dieser Zusagen einen Mindestbetrag erreicht, müssen die Geldgeber zahlen.

          Diese Kampagne hat das Unternehmen nun erfolgreich abgeschlossen und insgesamt 53 Millionen Euro eingesammelt. Eigentlich hätte die Kampagne bis zum 30. Dezember 2019 laufen sollen. Da fehlte aber noch etwa ein Drittel des benötigten Betrages. Daraufhin führte das Unternehmen eine Abstimmung unter den Anlegern durch, die sich schon beteiligt hatten. Nach Angaben von Sono Motors stimmten 94 Prozent dafür, die Kampagne um 20 Tage zu verlängern.

          Dieser Zeitraum hat nun gereicht, um das benötigte Geld einzusammeln. Nach Angaben des Unternehmens haben sich mehr als 10 000 Menschen beteiligt und liegen nun 13 000 Reservierungen vor. In knapp zwei Jahren sollen die ersten Modelle ausgeliefert werden. Insgesamt will das Unternehmen in einem ehemaligen Saab-Werk in Schweden innerhalb von acht Jahren 260 000 Autos produzieren.

          Gegenmodell zur Konzernwelt

          Die Sono-Motors-Gründer halten ihren Finanzierungsweg – das Unternehmen spricht von der „größten Community-Funding-Kampagne in Europa“ – auch für eine politische Botschaft. „Wir sehen uns als Gegenmodell zu den Großkonzernen“, sagte Laurin Hahn am Mittwoch der F.A.Z. „Wir meinen es ernst mit Klimaschutz“, sagt er auf die Frage, ob sie sich als Gegenmodell zu Siemens sehen. Der ebenfalls aus München stammende Konzern stand in der vergangenen Woche in der Kritik, weil er eine Signalanlage für eine Kohlemine in Australien liefert.

          „Das ist neues Unternehmertum, wofür wir einstehen“, ergänzt Jona Christians. „So wie in den letzten 100 Jahren kann es in den nächsten 100 Jahren nicht weitergehen.“ Er meint: „Diese Art der Beteiligung der Menschen, die das Produkt am Ende bekommen, das ist ein Mehrwert.“ Es gehe darum, „sich nach außen hin zu öffnen und kooperativ zu zeigen, statt alles intern zu behalten“. Hahn sieht in der Kampagne „ein klares Signal auch in Richtung Politik, Korrekturen vorzunehmen.

          Das Thema Elektromobilität und die Förderung von jungen Unternehmen muss in Deutschland schneller und mit deutlich mehr Nachdruck verfolgt werden“, findet er. Auch deshalb wohl gibt es eine gewisse Nähe zur Politik. Anfang Januar besuchten einige Grünen-Politiker, darunter Cem Özdemir und die Münchner Oberbürgermeister-Kandidatin Katrin Habenschaden, Sono Motors.

          75 Prozent der eingeworbenen Mittel stammen von Leuten, die einen Sion reserviert haben, 19 Prozent kamen von Investoren und 6 Prozent über Darlehen und Spenden, teilt das Unternehmen mit. Um die Beteiligung attraktiver zu machen, gaben die beiden Gründer ihre Gewinnbeteiligungsrechte von etwa 64 Prozent in einen sogenannten Community-Pool, dessen Wert das Unternehmen mit Blick auf die letzte Bewertung durch Investoren auf etwa 70 Millionen Euro taxiert. In Abhängigkeit von der Höhe der Anzahlung erhalten die Kunden zukünftige Dividenden oder Ausschüttungen im Falle eines Börsengangs oder eines Unternehmensverkaufs.

          Fast erinnert die Struktur des Unternehmens damit nun an eine Genossenschaft. „Rein symbolisch“ könne man das so sehen, sagt Gründer Laurin Hahn. Die Mehrheit der Stimmrechte halten die beiden Gründer, die gemeinsam auf eine Waldorfschule in München gegangen sind, nach wie vor. „Auf Gesellschafterebene sind wir rechtlich immer noch zuständig“, betont Hahn. „Wir zeigen, dass wir den langfristigen Erfolg über unseren kurzfristigen Gewinn stellen“, findet Christians. Es gehe für sie im Gegensatz zu vielen anderen Gründern nicht darum, sich eine goldene Nase zu verdienen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Segelboote bei einer Regatta in Antigua

          Deutsche Segler in Gefahr : Geleitzug aus der Karibik?

          Hunderte Deutsche sitzen wegen der Corona-Pandemie zwischen Antigua und den Bahamas auf ihren Segelschiffen fest. Eine Gruppe von ihnen plant deshalb, in zwei großen Verbänden zurück über den Atlantik zu segeln. Ein riskantes Unterfangen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.