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Solvency II : Die Angst der Versicherer vor neuen Regeln

  • -Aktualisiert am

Das Europaparlament: Hier wurde Solvency II im April 2009 verabschiedet Bild: ddp

Neue Regeln verändern das Versicherungsmanagement grundlegend. Ganze Geschäftszweige werden aufgegeben – wegen Solvency II. Eine Analyse.

          3 Min.

          Über das neue europäische Aufsichtsrecht für Versicherer werden viele Klischees und manche falschen Erwartungen verbreitet. Glaubt man der grünen Fraktion im Europaparlament, hat sich die Branche durch geschickte Lobbyarbeit um Hunderte Milliarden entlastet und damit den Verbraucherschutz geschädigt. Nimmt man einige panische Branchenvertreter beim Wort, können sie dagegen nie wieder Geld in Aktien anlegen. Hört man auf europäische Versicherungsaufseher, werden sie durch umfassende Berichtspflichten nun alle Branchenrisiken frühzeitig erkennen. Nichts davon ist richtig.

          Ein nüchterner Blick auf die Tatsachen hilft. Unbestritten ist, dass Solvency II das Versicherungsmanagement grundlegend verändern wird. Genauer, es jetzt schon verändert. Das neue Aufsichtsregime wird zwar erst Anfang 2016 in Kraft treten. Aber in Deutschland bestimmen seine Prinzipien bereits die Unternehmenssteuerung. Seit vielen Jahren müssen sich die Vorstände an Mindestanforderungen an das Risikomanagement halten, die in wichtigen Punkten diesem künftigen Recht entsprechen.

          Die genauen Vorschriften, mit wie vielen Eigenmitteln sie ihre Geschäfte zu unterlegen haben, werden erst in den kommenden Monaten vorgelegt. Doch kein Unternehmen hat zuletzt noch riskante Geschäfte gemacht, die es demnächst dazu zwingen werden, mehr Kapital vorzuhalten. Im Gegenteil: Ganze Geschäftszweige werden aufgegeben, an Wettbewerber oder Abwicklungsspezialisten abgetreten – alles wegen Solvency II.

          Vor allem kleine Marktteilnehmer stöhnen

          Im Vergleich mit den Banken hinken die Versicherer einige Jahre hinterher. Kreditinstitute müssen sich schon seit 2007 an Basel II halten, dessen Idee dieselbe ist: Für jedes einzelne Risiko müssen die Unternehmen spezifische Auflagen erfüllen. Haben sie zu stark europäische Sturmrisiken oder Haftpflichtrisiken der Pharmabranche gezeichnet, kommt sie das teurer zu stehen als eine breite Diversifikation. Investieren sie in Aktien oder Private Equity, müssen sie mehr Eigenmittel unterlegen, als wenn sie nur Pfandbriefe oder Staatsanleihen kaufen. Hier besteht die erste ärgerliche Inkonsistenz: Aus der Erfahrung mit griechischen Staatsanleihen sind die Entscheidungsträger nicht klug geworden und betrachten sie weiterhin als risikolose Anlageklasse. Das wird der Aufsicht noch auf die Füße fallen. Versicherer tun gut daran, hier eigene Modelle zu verwenden und sich nicht allein an den Regeln zu orientieren.

          Dass Solvency II so lang auf sich warten lassen hat, liegt an der Finanzkrise. In ihrer Folge haben Aufseher geglaubt, immer neue zusätzliche Sicherheiten einbauen zu müssen. Auch die Berichtspflichten wurden so stark ausgeweitet, dass vor allem kleine Marktteilnehmer heftig zu stöhnen begannen. Ihre Klage sollte man vor allem in einem Punkt ernst nehmen: Es wäre viel zu teuer, wenn Daten für die europäische Versicherungsaufsicht nach anderen Vorgaben weitergegeben werden müssten als an den Europäischen Systemrisikorat. Hier müssen sich die Aufsichtsbehörden untereinander verständigen. Zu glauben, dass allein mehr Daten auch mehr Durchblick bringen, wäre naiv.

          Nicht zuletzt kam es zu Verzögerungen, weil die deutschen Lebensversicherer etwas übertrieben für den Fortbestand des hiesigen Altersvorsorgemodells trommelten. Tests hatten gezeigt, dass die Kapitalerfordernisse zu stark mit den Marktzinsen eines zufällig gewählten Stichtags schwankten. Die Lösung scheint sinnvoll zu sein: Mit Glättungsinstrumenten werden die Schwankungen gemildert, was das Management erleichtert. Weil jeder große europäische Markt andere Erleichterungen erforderte, ist ein einheitlicher europäischer Versicherungsmarkt inzwischen weiter weg denn je.

          Das neue Recht hat einen entscheidenden Vorteil

          In einem Punkt haben die Branchenkritiker aus Politik und Verbraucherschutz recht: Die Modellierung des maßgeblichen Zinssatzes ist nicht konsistent. Ihre Schlussfolgerung, Solvency II sei dadurch auf gefährliche Weise entschärft worden, schießt dennoch weit über das Ziel hinaus. Denn eines ist sicher: Das neue Aufsichtsrecht wird für die Branche – vor allem für Lebensversicherer – brutal. In einer Übergangsfrist von 16 Jahren werden sie jährlich 3 bis 5 Milliarden Euro einbehalten müssen, um schließlich alle Anforderungen zu erfüllen.

          Das ist in etwa die Summe, die sie zurzeit zusätzlich zu ihren Zinsgarantien als Überschussbeteiligung an die Kunden verteilen können. Auch Verbraucher werden sich also auf magere Zeiten einstellen müssen. Noch mehr Sicherheit hätte ihnen sogar geschadet.

          Solvency II sollte nicht dazu führen, dass sich eine neue Modellgläubigkeit im Markt durchsetzt und von nun an Mathematiker ohne Gespür für das Versicherungsgeschäft den Ton angeben. Das neue Recht hat aber einen entscheidenden Vorteil: Die Korrelation von Risiken wird deutlich besser abgebildet als bisher. Wer ungünstige Geschäftszweige weiter betreiben will, muss sich sehr bewusst dafür entscheiden.

          Schon im Vorfeld zeigt sich, dass Solvency II die Starken dadurch noch stärker macht. Von riskanteren und renditeträchtigeren Kapitalanlagen etwa lassen sie sich nicht so einfach abhalten. Sie unterlegen dieses Geschäft aber bewusster mit – hoffentlich – ausreichender Sicherheit.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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