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Heizöl oder Heizlüfter kaufen? : Mitten im Sommer an den Winter denken

Abkühlung am Berliner Wannsee: Wer denkt bei solchem Wetter schon an Heizöl oder Heizlüfter? Bild: dpa

Soll man bei Hitze Heizöl ordern? Oder vorausschauend schon einen Heizlüfter erwerben? Wir haben uns mal umgehört.

          3 Min.

          Deutschland durfte in den vergangenen zwei Jahren die kleine Ökonomie des Hortens lernen. Ihre erste Regel lautet: Versuche, möglichst nicht dann alltägliche Dinge im Handel zu erwerben, wenn die Mehrheit in deinem Bekanntenkreis davon bereits Einkaufswagen voll aus dem Supermarkt geschleppt hat. Und die zweite Regel lautet: Menschen, die schon lange im Voraus eine Ahnung entwickeln, welche Dinge in Zukunft aus welchen Gründen auch immer knapp werden könnten, sind gegenüber vielen Zeitgenossen klar im Vorteil.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Was liegt da näher, als jetzt, da sich alle über die Hitze beschweren, einen kühlen Gedanken an den Winter zu verschwenden? Kein Mensch weiß schließlich so ganz genau, wie knapp das Gas dann werden wird. Aber die Sorge über gewisse Engpässe ist zweifellos nicht unbegründet. Und es ist auch zumindest nicht auszuschließen, dass sich mit dem Erdgas dann auch andere Energieträger verteuern, beispielsweise Heizöl. Ist es also ein Musterbeispiel klugen antizyklischen Verhaltens, jetzt Heizöl zu kaufen?

          Das Internetportal Heizoel24, an das immerhin 500 Ölhändler ihre Preise melden, hält da eine enttäuschende Nachricht parat. Günstig war Heizöl mal ganz kurz, Anfang Juli. Da hätten auch viele Privathaushalte geordert, sagt Oliver Klapschus, der Chef des Ölportals. Nur: Das ist jetzt zu spät. Inzwischen sei der Preis wieder auf ein „normales Sommerniveau“ gestiegen, sagt Klapschus. Das heißt: Rund 150 Euro für 100 Liter. „Normal“ ist dabei das Sommerniveau ohnehin nur für dieses Jahr mit seinen Extrem-Energiepreisen. Im langjährigen Vergleich würde man sagen: Heizöl ist außergewöhnlich teuer.

          Erfahrungen mit dem Heizölpreis aus anderen Jahren

          Nun weiß man natürlich nicht ganz genau, wie die Ölpreisentwicklung bis zum Winter weitergeht. Aus andere Jahren gibt es gewisse Erkenntnisse. Schließlich braucht man Heizöl, wenn es kälter wird. Wer jedes Jahr aufs Neue vom Herbst überrascht wird, bestellt genau dann. Klügere sagen sich, wenn alle es brauchen, ist Öl zu teuer – und bestellen im Sommer. Weil aber gar nicht so wenige so denken, ist Heizöl im Sommer oft auch nicht so billig. Zumindest in vielen Jahren findet man niedrige Heizölpreise eher Ende Dezember und Anfang Januar, wenn viele ihren Öltank gefüllt haben und noch nicht wieder nachbestellen.

          Allerdings ist dieses Jahr sicherlich vieles, nur eines nicht: so wie alle anderen. Giovanni Staunovo, Ölfachmann der Bank UBS, berichtet, in der Schweiz würden Wohnungseigentümer schon aufgefordert, ihre Heizöllager zu füllen, „aufgrund der Unsicherheit über die nächsten Monate“. Selbstverständlich bevorzuge man es als Verbraucher immer, günstiger einkaufen zu können, sagt er: „Aber aktuell ist eine gewisse Sicherheit – etwas zu haben, statt am Ende des Tages ohne Öl dazustehen – vermutlich die bessere Strategie.“ Auch das gehört wohl zur Ökonomie des Hortens: Wer Angst hat, leer auszugehen, wird weniger preissensibel.

          Wer dagegen Mut zum Pokern hat, kann noch warten. Frank Schallenberger, Ölfachmann der Landesbank Baden-Württemberg, ist überzeugt: Vor dem Winter wird es noch Gelegenheiten geben, zu denen der Ölpreis zumindest ein bisschen tiefer steht als jetzt. Der Preis für Rohöl, der neben der Nachfrage nach Heizöl zu den wichtige Komponenten für den Heizölpreis gehört, war unmittelbar nach Beginn des Ukrainekrieges auf fast 130 Dollar je Fass der Nordseesorte Brent gestiegen. Unter anderem Sorgen über eine Weltrezession haben ihn mittlerweile aber wieder fallen lassen – auf aktuell gut 105 Dollar.

          Das merkt man an ganzen vielen Folgewirkungen. Die Produzentenpreise in Deutschland, ein wichtiger Frühindikator für die Inflation, sind im Juni nicht mehr ganz so stark gestiegen wie noch im Mai, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte. Und was der Tankrabatt der Politik nicht geschafft hat, erreichten die Rezessionssorgen mit ihrem leichten Ölpreisverfall spielend: Sprit an der Tankstelle kostet nun im Schnitt wieder deutlich weniger als 2 Euro je Liter.

          Gut möglich, dass der Ölpreis weiter fällt. Analyst Schallenberger verweist unter anderem darauf, dass Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate im zweiten Halbjahr mehr Öl fördern dürften, ebenso die Vereinigten Staaten. Nicht zuletzt aber werde der Ukrainekrieg Europas Wirtschaft schwächen und so die Ölnachfrage sinken lassen. Ein Risiko aber, dass das Drama um das Gas auch den Ölpreis nicht unbeeindruckt lässt, bleibt gleichwohl.

          Jetzt einen Heizlüfter kaufen?

          Wer keine Ölheizung hat, sondern mit Gas heizt, erwägt in einem Anflug antizyklischen Denkens vielleicht, sich einen Heizlüfter anzuschaffen. Wer weiß schließlich, ob diese Geräte mit einer Eskalation der Gaskrise nicht ebenso schnell ausverkauft sein werden wie seinerzeit das Klopapier oder später das Pflanzenöl? Testberichte über Heizlüfter kommen zwar zu dem Ergebnis, die Geräte, die es zu Preisen zwischen 30 und 200 Euro gebe, seien solch klimafeindliche Stromfresser, dass selbst ein stark steigender Gaspreis es schwerlich schaffen werde, den Heizlüfter zur günstigeren Alternative gegenüber der Gasheizung zu machen. Trotzdem ertappt sich der eine oder andere ja vielleicht bei dem Gedanken, dass im Falle einer verknappten Zuteilung von Gas ein teuer beheiztes Wohnzimmer einem unbeheizten doch immer noch vorzuziehen sei.

          Immerhin ließ der Onlinehändler Otto schon einen Anstieg der Nachfrage nach elektrischen Heizgeräten gegenüber dem Vorjahr um bemerkenswerte 1000 Prozent verbreiten – plus den Hinweis, es gebe zwar keine Engpässe, aber die Lieferzeiten würden länger. Für solche Fälle hat die Erfahrung aus zwei Jahren Ökonomie des Hortens gelehrt: Beunruhigende Botschaften über drohende Engpässe können schon allein dadurch wahr werden, dass viele Menschen ihnen Glauben schenken – vollkommen unabhängig davon, ob es am Anfang überhaupt einen belastbaren Grund für die Annahme drohender Knappheiten gegeben hatte.

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