https://www.faz.net/-gv6-85thh

Software Narrative Science : Schreibroboter stoßen in die Wall Street vor

  • -Aktualisiert am

Roboter erleichtern den Menschen die Arbeit, ab sofort auch an der Wall Street Bild: Reuters

Der digitale Wandel in der amerikanischen Finanzbranche geht mit hohem Tempo voran. Computerprogramme können Zahlen in Texte umwandeln. Das wirkt sich auf Analysten und Anlageberater aus.

          Aktionäre von Morgan Stanley werden auf der Internetseite des Wirtschaftsmagazins Forbes auf ungewöhnliche Weise über die Prognosen von Analysten für die Quartalszahlen der Investmentbank informiert. Als Verfasser der Zeilen zeichnet kein menschlicher Redakteur, sondern Narrative Science, ein junges Unternehmen aus Chicago, das Daten mit ausgeklügelter Software in lesbare Texte umwandelt. Die Nachrichtenagentur AP nutzt seit geraumer Zeit Software des Konkurrenten Automated Insights, um aus reinen Quartalszahlen in Sekundenbruchteilen normale Nachrichtentexte zu machen - zur Freude von Reportern, bei denen diese oft nervtötende Arbeit nicht sonderlich beliebt ist. AP veröffentlicht jetzt in einer Bilanzsaison 4300 Quartalsberichte über amerikanische Unternehmen, vierzehnmal so viel wie vorher.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Die größten Wachstumschancen für diese jungen Unternehmen bieten sich möglicherweise aber nicht bei Wirtschaftsmedien, sondern in der Finanzbranche selbst. Die Schweizer Bank Credit Suisse nutzt die Algorithmen von Narrative Science, um Unternehmensprofile für eine Datenbank (Holt) ihrer Analyseabteilung zu erstellen. Große Fondsgesellschaften wie T. Rowe Price und American Century testen nach Angaben des „Wall Street Journal“ automatische Schreibprogramme von Narrative Science, um ihre Kunden darüber zu informieren, mit welchen Strategien ihre Fondsmanager Geld am Aktienmarkt investieren und wie sich die Fonds entwickeln. Narrative Science macht drei Fünftel des Umsatzes mit Finanzdienstleistern.

          Der Versicherer Allstate verwendet Programme von Automated Insights, um die interne Vertriebsleistung zu messen und Empfehlungen für Verbesserungen zu kommunizieren. Für Vermögensverwalter könnten sich neue Möglichkeiten eröffnen, private Kunden besser zu informieren und Anlageziele konkreter und persönlicher zu beschreiben. „Das wichtigste Ziel der Vermögensverwalter ist es, das Erlebnis der Kunden zu verbessern“, sagt Bill Butterfield, ein Branchenanalyst der Aite Group. Privatkunden erhalten mit ihren Depotauszügen oft Grafiken und Kurscharts, die für Laien nicht auf den ersten Blick verständlich sind und nicht auf die Ziele der Geldanlage eingehen. „Es geht Kunden nicht darum, ob sie einen Vergleichsindex geschlagen haben, sondern ob sie das Universitätsstudium ihrer Kinder bezahlen können“, sagt Butterfield. Ein automatisch erstellter Text könnte Kunden bestätigen, wenn sie mit ihrer Anlagestrategie „auf dem richtigen Kurs“ liegen, erläutert Kim Neuwirth, die bei Narrative Science für Produkte für Finanzdienstleister zuständig ist.

          Für die Anlageberater und ihre Arbeitgeber selbst bringt das möglicherweise auch Vorteile, weil sie mehr Zeit für die Suche nach neuer, umsatzbringender Kundschaft bekommen. Nach Erkenntnissen der Aite Group verbringen Anlageberater die Mehrheit ihrer Arbeitszeit noch mit administrativen Aufgaben. „Unsere Werkzeuge helfen den Beratern, ihre Arbeitabläufe effizienter zu machen“, sagt Neuwirth, die von einem wachsenden Interesse in der Finanzbranche an Schreib-robotern berichtet. Die Deutsche Bank in New York wollte auf Anfrage allerdings keinen Kommentar zu dem Thema oder etwaigen Plänen abgeben. Der große Vermögensverwalter Allianz Global Investors, eine Tochtergesellschaft des Münchner Versicherers Allianz, nutzt nach Angaben einer Sprecherin in New York keine Schreibroboter und erwäge das derzeit auch nicht.

          Auf einer Branchenkonferenz vor zwei Jahren begründete der damals für die Datenbank Holt zuständige Credit-Suisse-Manager den Einsatz von Schreibsoftware ebenfalls mit der Arbeitserleichterung für Analysten. Die Zahl der Unternehmensprofile in der Datenbank ist seitdem von 1500 auf 5000 gestiegen. Da viele der Analysten in dem Team keine englischen Muttersprachler seien, sorge dass Schreibprogramm für Texte in beständiger Qualität.

          Englisch ist nicht die einzige Sprache, die die Roboter beherrschen. Automated Insights hat nach eigenen Angaben ein Projekt auf Deutsch gemacht. Die Software des französisch-amerikanischen Anbieters Yseop, der die Großbank Societe Générale zu seinen Kunden zählt, kann neben Englisch auch Französisch, Spanisch und Deutsch. Die Stuttgarter Aexea gehört mit ihrer Software AX Semantics, die Texte auf Deutsch und elf weiteren Sprachen anbietet, zu den Pionieren der Branche. Das Unternehmen befindet sich zudem in Gesprächen mit Börsen über die Produktion von Finanzberichten.

          Schreibroboter sind die nicht die erste Form von künstlicher Intelligenz, die die Wall Street zu verändern beginnt. Auch Anlageberatung und Vermögensverwaltung durch Computerprogramme, sogenannter „Robo-Advice“, gewinnt an Popularität. Mit der größten amerikanischen Direktbank Charles Schwab ist nach einer Reihe von Start-Ups kürzlich erstmals ein Schwergewicht der Branche auf den Zug aufgesprungen. Aite-Analyst Butterfield glaubt allerdings nicht, dass die digitalen Angebote die menschlichen Berater ersetzen werden. „Es wird wohl eine Ergänzung werden“, sagt er. Nur eins sei sicher: „Das Tempo des Wandels ist sehr hoch.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der britische Öltanker Stena Impero wurde von den iranischen Revolutionsgarden beim Durchfahren der Straße von Hormuz beschlagnahmt.

          Nach Festsetzen von Tanker : Krise am Persischen Golf spitzt sich zu

          In der Straße von Hormus überschlagen sich die Ereignisse: Iran stoppt zwei britische Tanker, einer wird noch immer von Teheran festgehalten. Die Regierung in London droht mit Konsequenzen – und Washington schickt Verstärkung nach Saudi-Arabien.
          Die kommissarische Partei-Vorsitzende Malu Dreyer

          Diskussion um CO2 : SPD will „Klimaprämie“ einführen

          Wer weniger CO2 verbraucht, soll nach Willen der Sozialdemokraten künftig belohnt werden, sagt die kommissarische Partei-Chefin Dreyer nach der Sitzung des Klimakabinetts. Insbesondere Geringverdiener sollen dadurch entlastet werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.