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Gesundheitswesen im Wahlkampf : Obamas späte Rache

Praxis in Amerika Bild: Reuters

Die Republikaner haben Obamacare durchlöchert. Dafür sollen sie im November die Quittung bekommen. Die Demokraten wittern ihre Chance.

          Heidi Heitkamp ist demokratische Senatorin im Bundesstaat North-Dakota. Die jüngste Präsidentschaftswahl hat Donald Trump hier mit großem Vorsprung gewonnen. Das bedeutet, dass Heitkamp einen schweren Stand hat, wenn sie sich am 6. November zur Wiederwahl stellt. Amerikas Wirtschaft blüht, die Ölpreise sind hoch und machen den notorisch republikanisch geneigten Öl- und Gasförderern Freude: Sie fracken im  Bundesstaat, was das Gestein hergibt. Mit Wirtschaft kann eine Demokratin hier nicht punkten.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Heitkamp setzt deshalb alles auf Obamacare, das von Donald Trumps Vorgänger Barack Obama durchgesetzte Gesundheits-Gesetzespaket. Die Republikaner haben das System durchlöchert und damit die Möglichkeit eröffnet, dass Krankenversicherungen Patienten mit medizinischer Vorgeschichte ganz ablehnen oder deutlich höhere Beiträge abfordern.

          Trumps leere Versprechungen

          In Heitkamps Werbespot weist eine sympathische Hausfrau darauf hin, dass sie wie 300.000 Bürger North-Dakotas eine medizinische Vorgeschichte habe und deshalb ohne Obamacare von Versicherungen abgewiesen worden wäre. Dann attackiert sie den republikanischen Kandidaten, der Obamacare abschaffen wolle. Der Spot schließt mit Heidi Heitkamps Botschaft, dass sie als Überlebende von Brustkrebs für eine bessere Gesundheitsversorgung kämpfen werde.

          Obamacare ist ein heikles Thema für Wahlkampfmanager. Als Donald Trump am 8. November 2016 zum Präsidenten gewählt wurde, war das Ansehen von Obamacare auf einem Tiefpunkt. Kräftige Beitragserhöhungen hatten viele Amerikaner vergrätzt. Die Republikaner hatten das System erfolgreich als planwirtschaftlich- sozialistische Mangelverwaltung diskreditiert.

          Und der Kandidat Trump versprach das Blaue vom Himmel: Eine bessere und billigere Gesundheitsversorgung für alle. Im November fanden 45 Prozent der erwachsenen Amerikaner Obamacare eher schlecht, nur 38 Prozent sahen das System als gut an.

          Gesundheitskosten steigen immer weiter

          Knapp zwei Jahre später findet mehr als die Hälfte Obamacare gut, hat die Kaiser-Stiftung ermittelt. Eine andere Umfrage zeigte, dass Obamacare noch höhere Zustimmungswerte bekommt, wenn man es mit seinem  richtigen Namen bezeichnet, nämlich „Gesetz für erschwingliche Vorsorge“.  

          Die Gesundheitskosten sind in den Vereinigten Staaten deutlich schneller gestiegen als die Inflation. Schon jetzt geben Amerikaner pro Kopf mehr Geld für die Gesundheitsversorgung aus als jede andere Nation. Sie gehen nicht häufiger zum Arzt als die Bürger anderer Industrienationen, sie müssen einfach immer mehr bezahlen.

          Die Republikaner haben, seitdem Trump im Weißen Haus ist, nichts daran geändert. Sie haben allerdings die Versicherungspflicht abgeschafft und juristisch auch die Pflicht der Versicherung in Zweifel gezogen, jeden nehmen zu müssen.

          Strategisches demokratisches Thema

          Die Demokraten setzen darauf, dass die Bürger das den Republikanern verübeln.  Das Wesleyan Media Project zeichnet nach, wie viel Geld wofür und für wen in Senats- und Repräsentantenhaus-Wahlen ausgegeben wird. Demokratische Gruppen haben knapp jeden zweiten Wahlkampf-Dollar in Wahlwerbung zum Thema Gesundheit investiert. Kein anderes Thema hat auch nur annähernd solche Bedeutung für die Strategen.

          Willkürliche Rechnungen

          Ein Wunder ist das nicht: Vier von zehn Amerikaner sind schwer besorgt, dass sie oder ein Familienmitglied die Krankenversicherung verlieren, so die Kaiser-Stiftung. Mehr als jeder zweite fürchtet steigende Kosten. Viele fürchten, dass sie plötzlich horrende Krankenhausrechnungen bezahlen müssen. Vier von zehn Amerikanern sagen, sie seien schon einmal mit einer überraschend hohen Arztrechnung konfrontiert worden.

          Die Geschichten finden aktuell häufig den Weg in die Medien. Da ist die Frau, die für einen Urintest 17.000 Dollar zahlen muss, weil die Versicherung die Kostenübernahme verweigert. Furore machte der gut versicherte Mann, dem nach einem Herzinfarkt Stents eingesetzt wurde: 109.000 Dollar oder zwei Drittel der Gesamtrechnung sollte er zahlen. Nach Einwendungen und öffentlichen Berichten reduzierte sich die Rechnung auf wenige hundert Dollar, was in gewisser Weise die Willkürlichkeit der Rechnungslegung zeigt.

          Einem anderen Mann wurden für eine Computertomographie einmal 300 und einmal knapp 9000 Dollar in Rechnung gestellt. Zwischen vier bis sechs Prozent der privaten Konkurse sind in Amerika auf teure Krankenhausaufenthalte zurückzuführen, hat der Ökonom Matt Notowidigdo ermittelt. Das sind immerhin rund 50.000 Bürger im Jahr.

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