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Skandal um Krankenkassen : Wie krank ist unser Gesundheitssystem?

Eigentlich sollte der eigene Arzt eine Vertrauensperson sein. Bild: dpa

Die Krankenkassen verführen Ärzte, die Patienten kränker zu machen, als sie sind. So kassieren sie mehr Geld. Der Skandal hat System. Was wird nun daraus folgen?

          Es war eine harte Woche für Jens Baas. Nach seinem Interview in der F.A.S. am vergangenen Sonntag prasselte es heftig auf den Chef der größten gesetzlichen Krankenkasse Deutschlands, der TK, ein. Nachdem er zugegeben hatte, dass Krankenkassen die Ärzte zu schwerwiegenderen Diagnosen drängten, wollten erst einmal alle Medien Genaueres wissen.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dann ging AOK-Chef Martin Litsch auf ihn los. Schließlich gelten die Ortskrankenkassen als die Gewinner dieser Praxis. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kündigte sogar an, gegen die TK und andere Kassen zu klagen. Und schließlich verlangte das Bundesversicherungsamt Aufklärung, wie das bei der TK selbst abläuft. Falls nun Unregelmäßigkeiten festgestellt werden, muss die TK Gelder zurückzahlen und es drohen Strafen. Sogar Baas selbst kann in persönliche Vorstandshaftung genommen werden.

          Die Nachfragen waren zu erwarten, schließlich ist vieles noch unklar nach dem Interview von Baas. Wie genau funktioniert diese Schummelei? Und warum ist das überhaupt möglich? Zeigt das nicht, wie krank die Finanzierung unseres ganzen Gesundheitssystems ist? Und leiden die Patienten am Ende darunter?

          Prämien für die Ärzte

          Schauen wir uns zunächst einmal die Vorwürfe von Baas genauer an. Er sagt, es sei ein Wettbewerb zwischen den Kassen darüber entstanden, wer es schafft, die Ärzte dazu zu bringen, für die Patienten möglichst viele Diagnosen zu dokumentieren. Aus einem leichten könnte dadurch auf dem Papier ein schwerer Bluthochdruck, aus einer depressiven Verstimmung eine Depression werden.

          Die Kassen berieten die Ärzte entsprechend und zahlten eine Prämie für ein entsprechendes Codieren, wie das unter Fachleuten heißt. Das können mehr als 40 Euro pro Fall sein. Insgesamt sollen die Kassen nach Ansicht von Jens Baas seit 2014 eine Milliarde Euro dafür bezahlt haben. Für die Kassen lohnt sich das. Sie bekommen bis zu 1000 Euro mehr im Jahr pro Fall.

          TK-Chef Jens Baas hat vor einer Woche mit einem Interview in der F.A.S. die Debatte losgetreten.

          Das Geld stammt aus dem Gesundheitsfonds, der alle Beiträge der Mitglieder und Arbeitgeber, aber auch die Zahlungen der Rentenversicherung (für die Rentner) und dem Bundeshaushalt bekommt und dann an die Kassen verteilt. 200 Milliarden Euro bewegt dieser Gigant jedes Jahr.

          Er tut das aber nicht einfach nach den tatsächlich entstandenen Aufwendungen der Kassen. Sondern er ermittelt aus den Angaben aller Kassen die Durchschnittskosten für die Behandlungen einzelner Krankheiten. Damit sollen die Kassen angeregt werden, die Behandlungen möglichst günstig durchzuführen. Wer hohe Kosten produziert, bekommt sie nicht höher erstattet.

          Dann startet der Fonds einen großen Finanzausgleich zwischen den Kassen, der Nachteile einzelner Versicherungen mit einer gesundheitlich anfälligen Mitgliederstruktur beseitigen soll. Er ist das eigentliche Problem, denn er schafft die Anreize für die Manipulation von Abrechnungen.

          Deutsche Gesundheitsversorgung genießt guten Ruf

          Dieser Finanzausgleich ist Folge einer eigentlich ganz rühmlichen einschneidenden Veränderung im deutschen Gesundheitssystem vor mehr als 20 Jahren. Die Kassen sollten in einen möglichst scharfen Wettbewerb untereinander treten und dabei auch um die Höhe der Beiträge konkurrieren.

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