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Skandal um Krankenkassen : Wie krank ist unser Gesundheitssystem?

Damit sollte die Versorgung der Patienten verbessert werden, der Versicherte mehr in den Mittelpunkt der Versicherungen rücken und die Kassen ihre Verwaltungen effizienter machen. Das hat zum Teil ganz gut geklappt, viele dieser Ziele wurden erreicht. In dieser Hinsicht genießt die deutsche Gesundheitsversorgung international einen guten Ruf.

Kampf um gesunde Versicherte

Doch solch eine Konkurrenz führt zwangsläufig zu einem Problem: Die Kassen haben einen Anreiz, möglichst junge, gesunde Versicherte zu gewinnen, die wenig Ausgaben erfordern. Wer das schafft, kann mit niedrigen Beiträgen locken. Die Kassen mit den älteren und damit meist auch kränkeren Mitgliedern bleiben auf den hohen Kosten sitzen.

Nun könnten die Kassen reagieren, indem sie von den Älteren und Kranken mehr Beitrag verlangen, so wie das die privaten Krankenversicherungen machen. Das widerspräche aber dem „Solidaritätsprinzip“ der gesetzlichen Kassen. Danach zahlen alle abhängig von ihrem Einkommen, niemand soll wegen seines Gesundheitszustandes diskriminiert oder sogar von der Versorgung ausgeschlossen werden.

Anreiz für mehr Kranke

Um trotzdem einen fairen Wettbewerb zwischen den Kassen zu gewährleisten, wurde ein riesiger hochbürokratischer Umverteilungsmechanismus geschaffen, der Risikostrukturausgleich. Er soll idealerweise dafür sorgen, dass Beitragsunterschiede zwischen Kassen nur noch durch unterschiedlich teure Verwaltungen bedingt sind, was den Druck hin zu mehr Effizienz erhöhen soll.

Dazu bekommen Kassen mit vielen kranken Mitgliedern mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds als die Kassen mit vielen gesunden Versicherten. Aber genau das schafft den Anreiz, auf dem Papier möglichst viele kranke Versicherte zu „produzieren“.

Mehr Geld für ausgewählte Krankheiten

Besonders lukrativ ist das für 80 ausgewählte Krankheiten, die häufig vorkommen. Sie werden jedes Jahr anhand der tatsächlichen Diagnosen der Kassen festgelegt. Für solche Krankheiten bekommen die Krankenkassen extra viel Geld aus dem Fonds. Hinzu kommen Zuschläge für spezielle Versorgungsprogramme für chronische Leiden wie Diabetes, in die sich die Patienten einschreiben können. Auch die sind lukrativ für die Kassen, weil oft mehr bezahlt wird als erforderlich.

Andere Krankheiten werden nur mit der normalen Grundpauschale je Versichertem abgegolten, die von Alter und Geschlecht abhängt. Das heißt: Für Ältere gibt es mehr als für jüngere, weil zu erwarten ist, dass sie häufiger erkranken.

Ärzte benutzen Standardcodierungen

Auf Basis dieser Konstruktion haben die Kassen nun Anreizsysteme entwickelt, um möglichst viel Geld aus dem Fonds zu bekommen. Ärzte werden in „Betreuungsstrukturverträgen“ mit den Kassen dazu angehalten, richtig zu codieren, und mit einer Prämie dafür belohnt. Solche Verträge müssen nicht gleich illegal sein.

„Die Ärzte geben oft die Standardcodierungen ein, obwohl der Fall schwerer ist. Weil das für sie einfacher und schneller ist oder sie es nicht genau wissen. Oder sie vergessen eine Codierung“, erklärt Gesundheitsökonom Jürgen Wasem. Da werde Insulin verschrieben, aber vergessen, die Diabetes-Behandlung anzugeben.

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