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Scherbaums Börse : Siemens will Phantasie der Anleger wecken

  • -Aktualisiert am

Freunde von Börsengängen hoffen 2020 wieder einmal auf einen Siemens-Spin-Off. Bild: Reuters

Der altehrwürdige Siemens-Konzern spaltet sich immer weiter auf. Nach Osram und Healthineers soll auch Siemens Energy eigenständig werden. Was bleibt eigentlich noch für Altaktionäre übrig?

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          Der Münchner Siemens-Konzern bringt in seiner langen 170-jährigen Geschichte mit seinem Energiegeschäft einmal mehr einen nennenswerten Unternehmensteil an die Börse. Siemens selbst bezeichnete diesen Schritt als einen „weiteren wichtigen Meilenstein auf dem Weg zur Schaffung eines eigenständigen und weltweit führenden Energiespezialisten.“

          Nüchtern gesagt sollten demnach Siemens-Aktionäre für je zwei Aktien der Siemens AG automatisch eine Aktie der Siemens Energy AG erhalten. Der Konzern will jedoch nur 55 Prozent von Siemens Energy an die eigenen Aktionäre abspalten, beabsichtigt aber binnen 12 bis 18 Monaten, seinen Anteil an Siemens Energy „weiter deutlich zu reduzieren“. 35,1 Prozent bleiben derweil beim Siemens-Konzern, 9,9 Prozent beim Siemens Pensionsfonds.

          Zudem verpflichtet sich Siemens vertraglich, künftig „keinen beherrschenden Einfluss“ mehr auf die neue Gesellschaft auszuüben. Konkret bedeutet das, dass die Zahl der Siemens-Vertreter im Aufsichtsrat begrenzt sind und damit verhindert wird, dass Siemens sich alleine gegen die anderen Aktionäre durchsetzt. Der oberste Kontrolleur hat dennoch viel Stallgeruch, es wird der scheidende Siemens-Chef Joe Kaeser sein.

          Börsenstart im September

          Vorbehaltlich der Zustimmung der außerordentlichen Hauptversammlung am 9. Juli ist der Spin-off wie angekündigt bis Ende September 2020 geplant. Das Erstlisting an der Börse soll am 28. September erfolgen.

          Der Börsen-Neuling ist ein echter Global Player mit weltweit mehr als 90.000 Mitarbeitern. Bei Windturbinen gehört Siemens Energy mit der 67-prozentigen Beteiligung an Siemens Gamesa Renewable Energy zu den Weltmarktführern im Bereich Erneuerbare Energien.

          Im vergangenen Geschäftsjahr erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von rund 29 Milliarden Euro. Bereinigt um Restrukturierungskosten in Höhe von rund 0,3 Milliarden Euro hätte das angepasste EBITA rund 1,3 Milliarden Euro betragen. Der ehemalige Mutterkonzern betont, dass das neue Unternehmen finanziell sehr gut aufgestellt ist. Mit 37,8 Prozent liegt die Eigenkapitalquote sogar höher als bei der verbleibenden Siemens AG. Das Rating soll im sogenannten Investment-Grade liegen, der einen breiten Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten sicherstellt.

          Künftigen Aktionären verspricht Siemens, dass Siemens Energy beabsichtigt künftig, jährlich zwischen 40 Prozent und 60 Prozent des Konzerngewinns nach Steuern an die Aktionäre auszuschütten. Das klingt solide und wäre ein Zeichen für eine attraktive Dividendenpolitik.

          Ein Problem mit dem Image

          In wie weit Siemens Energy für Anleger langfristig attraktiv ist? Hier kommen wohl viele Faktoren zusammen. Zum einen das Problem mit dem Image. (Index-)Fonds und wohl auch Investoren, die zunehmend Kohle-kritischer werden, dürften erst einmal Geld abziehen. Ebenso werden sich wohl viele Siemens-Altaktionäre fragen, was sie mit den zwei neuen Aktien machen sollen. Beide behalten oder eine verkaufen, weil man entweder eher an das Industrieautomatisierung des Mutterkonzerns glaubt, oder doch eher den Fokus auf Energie setzen möchte?

          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.

          Spannend ist auch die Bewertung von Siemens Energy. Mit einem 30-Milliarden-Umsatz (das ist ein Drittel des Gesamtumsatzes von Siemens) wird Siemens Energy seitens JP Morgan und auch UBS mit einem Börsenwert bei nur 10 Milliarden Euro gesehen. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass allein nur der große Anteil an der Windkraft-Tochter Siemens Gamesa 6,4 Milliarden wert ist. „Die Verselbstständigung des Energiegeschäfts von Siemens ist ein wichtiger Meilenstein bei der erfolgreichen Umsetzung unserer Vision 2020+“, sagte Siemens-Chef Joe Kaeser. Er mag damit aus seiner Sicht Recht haben.

          Auf der anderen Seite muss sich erst zeigen, wie sich das in Bilanzen widerspiegelt und wie die Börse das Thema annimmt. Einem bisherigen Siemens-Anteilseigner dürfte derweil die künftige Bewertung des Siemens-Papieres aber ebenfalls ins Auge fallen. Geht man nur von den Zahlen des künftigen Kerngeschäfts der Münchner aus, so ist das Siemens-Papier unterbewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis der „neuen“ Siemens AG liegt mehr als 35 Prozent unter dem der Branchen-Konkurrenten.

          SIEMENS

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          Das bringt durchaus ein bisschen Fantasie in eine Aktien-Geschichte rein, die Siemens-Aktionären in den vergangenen Jahren nur bedingt Freude bereitet hat. Auf Sicht von drei Jahren verlor der Aktienkurs von Siemens mehr als 20 Prozent und wer seit zehn Jahren bei den Münchnern mit im Boot ist, kommt nur auf ein Plus von 40 Prozent. Geht man von der UBS aus, so hat die Siemens-Aktie derzeit Potenzial und ist ein Kauf-Kandidat. Die Schweizer sehen unverändert ein Kursziel von 117 Euro.

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